Orte der Begegnung Neue musikalische Verbindungen: das Mozart Festival

Tsepo Pooe © Setumo-Thebe Mohlomi
Tsepo Pooe © Setumo-Thebe Mohlomi

Bei den Proben für das International Mozart Festival (JIMF) hat Lindiwe Plaatjies deutliche Mühen, ihre Uhadi zu stimmen – und das nur einen Tag vor der Eröffnung des Festivals, für das sie eigens Musik komponiert hat. Das aus einem Bogen und einer Kalebasse bestehende Instrument möchte einfach kein C ausspucken, das zu dem von Tsepo Pooe gespielten Ton auf dem Cello passt. Lindiwe bittet ihren Onkel um Hilfe. In einer Situation wie dieser ist es von großem Vorteil, wenn man Dizu Plaatjies, einen der renommiertesten indigenen Musiker Südafrikas, seinen Onkel und Mentor nennen kann.

Lindiwe Plaatjies ist eine von drei jungen Komponistinnen und Komponisten, die beauftragt wurden, ein Werk zu komponieren, das die traditionelle südafrikanische Musik und ihre typischen Instrumente mit der europäischen Musiktradition verbindet. Jedes dieser Stücke sollte mit einem Streichquartett aufgeführt werden: zwei Geigen, eine Viola und ein Cello. Der Pianist Kingsley Buitendag und der Bassist Prince Bulo komplettierten das Trio. Um den Kompositionsprozess professionell zu begleiten, hat das JIMF den drei Teilnehmern den Komponisten und Musiker Neo Muyanga zur Seite gestellt.

Muyanga verbindet bereits seit über zehn Jahren zu gleichen Teilen traditionelle afrikanische Musik mit europäischen Musiktraditionen und weiß daher nur zu gut, welche unvorhergesehen technischen und philosophischen Stolperfallen dabei zu Tage treten können. „Denk immer daran, wie sich das Stimmen anfühlen muss“, riet er etwa einmal Dizu Plaatjies, als diese das Stimmgerät ihrer Uhadi auf- und abschraubt, woraufhin ein Lachen durch die Kirche St. Francis Of Assisi drang, wo sowohl die Proben als auch die Aufführungen stattfanden. Über die Arbeit in den gemeinsamen Workshops der vergangenen Monate erzählt Muyanga: „Ich habe ihnen die Technik näher gebracht, mit der man drei oder vier verschiedene ästhetische Sprachen verbindet. Außerdem sprachen wir darüber, warum sie genau herausarbeiten müssen, was ihre Anweisungen in der Partitur bezwecken und wie diese von Leuten verstanden werden, die sie nicht lesen können, aber dennoch in der Lage sind, mit einem vom Notenblatt spielenden Ensemble gemeinsam zu improvisieren.”

Kingsley Buitendag (l) und Dizu Plaatjies (r) © Setumo-Thebe Mohlomi Kingsley Buitendag (l) und Dizu Plaatjies (r) © Setumo-Thebe Mohlomi | Kingsley Buitendag (l) und Dizu Plaatjies (r) © Setumo-Thebe Mohlomi Der eigentliche Kompositionsprozess stellte sich für Muyangas drei Schützlinge dabei als schwieriger heraus als die Vorgespräche. Da gab es etwa den Vorwurf des Vorzeigeprojekts, der diskutiert werden musste, das Stimmen der Instrumente war immer wieder eine Herausforderung, es mussten Notenpuzzles enträtselt werden und viele andere Dinge mehr. Die eigentliche Herausforderung, so Bulo, liegt nicht in dem, was das Publikum zu hören bekommt, sondern im Prozess des Komponierens selbst: „Ich würde mir wünschen, dass die Musiker aus anderen Ländern meine Anweisungen genauso lernen könnten, wie ich damals die italienischen Ausdrücke lernen musste. Wenn ich etwa einen Begriff benutze wie ukuxentsa, der einen traditionellen Tanzstil bezeichnet, sollte ich damit arbeiten können und etwa einfach die Anweisung geben können ‚Setzt mal dieses ngokuxentsa um’. ”

Laut Festivalleiter Richard Cock müsste diese Art der Musikkomposition noch durch viel mehr Arbeit und finanzielle Mittel unterstützt werden. Momentan ist das Festival noch zu großen Teilen von Cocks persönlichem Engagement und den von ihm gebildeten Kooperationen abhängig. Über die Vorteile der Förderung und des Marketings durch die Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut, der Buskaid Stiftung und der Zusammenarbeit mit diversen Botschaften sagt Cock: „Alleine könnte ich das nicht stemmen; wir brauchen diese Partnerschaften und müssen noch viel mehr über den Aufbau von Netzwerken lernen“.

Samstagnachmittag in einem der grünen Vororte Johannesburgs, der ähnlich wie die von vielen „Schönheitsoperationen” aufgepeppte Innenstadt seine Bäume den Goldminen verdankt. SUVs, deren Räder fast schon so hoch sind wie die Wolkenkratzer der Innenstadt, chauffieren ihre Insassen vom Frühstück zum nächsten Zeitvertreib der Mittelschicht. Die Kirche St. Francis Of Assisi beeindruckt weniger als ehrgebietend in den Himmel aufragendes religiöses Monument, sondern durch ihre direkte Öffnung zur Straße hin. In den Sitzbänken sieht man vornehmlich weiße, vor allem weibliche und bereits ergraute Häupter.

Neo Muyanga © Setumo-Thebe Mohlomi Neo Muyanga © Setumo-Thebe Mohlomi Nach einer kurzen Einführung beginnt das Konzert. Den Auftakt macht Bulos, die den Titel More ZA Tea trägt. In seiner feinfühligen und mitreißenden Komposition verbindet Mbaqanga Einflüsse mit Elementen des traditionellen Tanzes, die bereits zu seinem Markenzeichen geworden sind.

Kurz darauf folgte Plaatjies mit ihrer dreiteiligen Komposition namens Vuma-Ekhaya-Ndiyahamba. Sie spielt abwechselnd Mundbogen, Uhadi und Mbira. Das Tempo, das sie gleich nach dem westlichen „Beat“ vorlegt, macht es ihr und dem Streichquartett schwer, einen gemeinsamen Takt zu halten. Doch wie schon bei den Proben springt auch hier Cock kurzerhand als Dirigent ein und fügt die Elemente zusammen. Dennoch hat man immer das Gefühl, als ob ein Musiker einen halben Takt zu früh oder zu spät spiele und das musikalische Gesamtwerk damit jeden Moment ins Wanken geraten könnte.

Den Abschluss bildet Buitendag When We’re Together („Wenn wir zusammen sind”). Zu Anfang des mit deutlichen Einflüssen des südafrikanischen Jazz versetzten Werks spielt Plaatjies eine Melodie auf der Uhadi, danach übernimmt das Streichquartett, das aus Buitendags Komposition ein ästhetisches südafrikanisches Musikerlebnis macht. Am Ende ist die Luft von Klängen erfüllt, es folgt ein Moment der Stille … und dann setzt der Applaus ein.

Sowohl Muyanga, Dizu Plaatjies, Festivalleiter Florian Uhlig, die jungen Komponisten als auch das Streichquartett streuen immer wieder Wortbeiträge ein. Die bisherige schweigende Anerkennung aus dem Publikum wird daraufhin ebenfalls durch zumeist wohlwollende Bemerkungen über die Musik und das Projekt unterbrochen. Das ist fast schon schade, denn die Musik hätte es auch allein vermocht, Ohr und Herz des Publikums zu erreichen.

Das Goethe-Institut ist seit vielen Jahren Partner des Johannesburg International Mozart Festivals und hat schon viele disziplinübergreifende Arbeiten und Veranstaltungen an ungewöhnlichen Orten ermöglicht und damit den Rahmen des Festivals deutlich erweitert.