Dance Umbrella Festival 2017 Im Herzen des Landes ankommen

In The Heart Of The Country
Christo Doherty

Wenn man landet, kommt man an. Es geht um die Frage der Zugehörigkeit. Fana Tshabalalas jüngste Arbeit, die er in diesem Jahr beim „Dance Umbrella” gezeigt hat, ist eine Art Meditation über verschiedenste Bedeutungen, die das Wort „Land” für die menschliche Psyche annehmen kann.

Der Titel In The Heart Of The Country („Im Herzen des Landes”) ist an einen poetischen Aufsatz von J.M. Coetzee angelehnt und beschäftigt sich mit der „landlosen“ Existenz. Die hier zum Ausdruck gebrachte Unruhe vergleicht Tshabalala mit „ständig umherkrabbelnden Insekten“. Der meditative Rhythmus des Werks soll „im Inneren etwas erschaffen, das niemals aufhört“, erklärt Tshabalala. In The Heart Of The Country besteht aus einer andauernden Vibration. Die Performance endet mit dem Klang einer nicht fertiggestellten Tätigkeit. Auch der Anfang strahlt eine ähnliche Unsicherheit aus, wenn auch nicht ganz so abrupt wie das beinah ratlos erscheinende Ende.
 
Das Thema Unsicherheit spielt in In The Heart Of The Country eine zentrale Rolle. In endlosen Spielen werden immer wieder verschiedene Dialogformen erprobt. Jeder der drei Darsteller läuft dabei um die anderen herum, jeder in seiner eigenen Bahn, während er die des anderen umkreist. Die Momente, in denen sie einatmen, lassen Pausen im Raum entstehen, in denen neue Synergien gefunden werden sollen. Das Trio erzählt eine einzelne Geschichte, die jedoch aus drei verschiedenen Teilen besteht; drei verschiedene Bewusstseinsebenen ergeben ein großes Ganzes. Obwohl die Drei sich getrennt bewegen, wird mit jedem Atemzug spürbar, wie sehr sie miteinander verbunden sind. Schon der kleinste Impuls eines einzelnen, wenn er etwa seine Schultern zurück streckt, beeinflusst den Körper des anderen: Der Atem wird kurz angehalten, es entsteht eine Lücke, und gleich darauf wird wie bei einem Dominospiel durch eine einzige Bewegung eine Vielzahl weiterer Bewegungen in Gang gebracht. Die einzelnen Individuen verbinden sich und beeinflussen sich gegenseitig. Die Darsteller betonen, wie wichtig dabei die Qualität der ausgeführten Bewegung ist. So muss etwa Wind zwischen ihnen vorhanden sein, um eine Bewegungsänderung hervorzurufen. Durch diese Zaghaftigkeit muten die choreografischen Spiele wie eine ausgeklügelt aufgebaute Rube-Goldberg-Maschine an, in der drei Tänzer drei verschiedene Weltsichten miteinander verbinden.
 
Wenn man bei Google den Begriff „land” eingibt, erscheint als erstes die Homepage des Südafrikanischen Justizministeriums mit dem Begriff „Landgericht Südafrika“. Bei der deutschen Version von Google erscheinen andere Ergebnisse, weil der Begriff gleichzeitig auch „Land“ bedeutet. Sowohl auf südafrikanischen als auch auf deutschen Seiten zeigt die Suchmaschine idyllischer Bilder von weiten Landschaften, Bauernhöfen und Farmern. Es ist jener mythische Ort, auf dem der Stamm der Afrikaner sein Image aufgebaut hat, gleichzeitig ist es das umstrittenste Bild innerhalb der Diskussion um Entschädigung der Post-Apartheid-Ära. Die Farm bildet die Kulisse für Coetzees Roman und auch für Tshabalalas Proben. Tshabalalas In The Heart Of The Country setzt allerdings nicht auf die gängige landschaftliche Idylle, sondern zeigt eine andere Perspektive auf. Entstanden ist der Tanz aus einer Zusammenarbeit zwischen der südafrikanischen Choreografin und ihrer deutschen Kollegin Constanza Macras. Das Trio besteht aus Tshabalala, einem Tänzer und einer Tänzerin aus Macras Ensemble. Aus dem „Land“ wird „das Volk“, dessen Herzschlag die rastlose Stadt symbolisiert. Das Trio-Solo reflektiert das Bedürfnis des Einzelnen nach Zugehörigkeit, indem die drei Tänzer getrennte Individuen darstellen, die jedoch eine gemeinsame, hin- und hergerissene Psyche aufweisen. Die Rastlosigkeit der menschlichen Seele wird in diesem Stück zum Sinnbild der Unruhe. Wie Meereswellen bewegen sich die Tänzer in diesem Raum regelmäßig auf den anderen zu und weichen wieder von ihm zurück.

Das immer wieder hin-und-zurück-führende Gespräch einer Person mit sich selbst ist vielleicht das auffälligste Element aus der sparsam eingesetzten Geschichte von J.M. Coetzee. „Wir wollten kein Stück über das Buch machen“, erklärt Ensemblemitglied Ana Mondini. Vielmehr, so Emil Bordas, lag die Basis der Körperarbeit darin, zunächst einmal die Gewohnheiten der jeweiligen Kultur zu identifizieren. Der Roman war dabei quasi der Impulsgeber. Tshabalala, die nach eigener Aussage wenig mit Coetzees Buch anfangen kann, begann, sich für das Projekt zu begeistern, als die Tänzer anfingen, Erfahrungen auszutauschen und Parallelen herauszuarbeiten. Sie erinnert sich etwa, wie Mondini von den Favelas (Armenviertel mit notdürftigen Behausungen) in ihrer Heimat Brasilien und der ungerechten Landverteilung nach der Kolonisierung erzählte. Bordas brachte das Thema Irredentismus, eine weit verbreitete Bewegung zur Rückgewinnung verlorenen Landbesitzes in Ungarn zur Sprache. Solche Wiederinanspruchnahmen sind inzwischen ein weltweites Streitthema geworden. Landen hat also auch eine Bedeutung für das Seelenleben des Menschen: Es symbolisiert die Notwendigkeit, sich wieder mit dem eigenen Ich zu verbinden.
 
Der Begriff bedeutet damit etwas, das so unberührbar, aber auch so lebenswichtig ist wie das Atmen. Die ersten Proben bestanden aus Improvisationen, bei denen der Begriff des Loslassens eine große Rolle spielte. Tshabalala hat dabei ganz bewusst die verschiedenen Körpersprachen der Tänzer zugelassen und dabei beobachtet, wie diese „den unmöglichen Dialog“ zwischen Schwarz und Weiß in Coetzees Texten möglich machten. Körper, die den gleichen Raum und sogar das gleiche Bewusstsein teilen, mussten einen Weg finden, gemeinsam zu atmen. Die Arbeit liefert eine spannende Alternative zum gängigen Diskurs der Unruhe, indem die Darsteller sich im Raum auf und ab bewegen, womit sie nicht nur die Unruhe sichtbar machen wollen, sondern auch stets auf der Suche nach einem Zugang zum anderen sind. Das Psychologische ist auch das Politische. In The Heart Of The Country fasziniert, weil es die reflektierende Linse unserer Zeit nach innen richtet.
 
Die permanente Vibration des Stücks erzeugt, so Tshabalala, „einen Ort, der den Zuschauer nach innen spüren lässt“. In dieser Phase der Selbstbeobachtung wird dieser nach der letzten Sprech- bzw. Musikszene umso unbarmherziger wieder in die Realität zurückgeschleudert. Die atmosphärische Musik von Nicholas Aphane, in der man Wind pfeifen und Tiere ächzen hört, ist das Gerüst der Performance. Die Begleitmusik wird jedoch in dem Moment zum Oberton, als sie als Stimme von Julius Malema erkennbar wird, der über das Thema Land spricht. Am Ende steht der in Südafrika immer noch herrschende Konflikt über die Landreform. In The Heart Of The Country katapultiert den Zuschauer damit am Ende aus einem durch die hypnotischen Vibrationen erzeugten tranceähnlichen Zustand schonungslos in die widrige Realität zurück.

Die durch die vielen äußeren Unmöglichkeiten herbeigeführten Turbulenzen hatten von einer rastlosen gespaltenen Persönlichkeit Besitz ergriffen. Oder, wie Ana Mondini sagt: „Selbst wenn man über einen anderen Ort spricht, gehört man doch immer irgendwo hin. [Sie bewegt beim Sprechen sanft den Fußboden]. Es ist sehr real. [Sie schlägt auf den Boden, als wolle sie den Satz mit einem Punkt beenden].“ Die lang erwarteten Winde, die einen Wechsel herbeibringen sollen, wehen sanft durch die Musik und vermischen sich mit deutlich hörbaren Atemgeräuschen, die Ausdruck von physischer Erschöpfung sind. In dem Moment, wo aus der Kakophonie der politischen Landschaft einzelne Rufe aus dem meditativen Werk hervortreten, wird in ihnen eine komplexe Vorstellung des Begriffs „Land“ erkennbar, die mit dem Herzen der Menschen verbunden ist. Jeder einzelne Bewohner muss lernen, mit sich selbst zu leben, während er darauf wartet, dass andere ihre Versprechen erfüllen. Der Tanz endet also sowohl mit einer Landung als auch mit einem Aufbruch.