GoetheonMain Shadis Persönliches ist unser Politisches

Di Dikadika Tsa Dinaledi Introbild
Di Dikadika Tsa Dinaledi © Goethe-Institut

Ihre neuste Ausstellung ist eine intuitive und komplexe Visualisierung der Bedeutung von Selbst und Herkunft ungeachtet der Absenz von Geschichte und Erinnerung.

Es gibt diese Momente von äußerstem Unwohlsein, die beim Betrachten von Sugar and Salt immer wieder aufkommen. In diesem sechsminütigen Video lecken sich die Performance-Künstlerin Lerato Shadi und ihre Mutter gegenseitig Zucker und Salz von ihren Zungen. In der Wiederholung dieser Prozedur – die Mutter mit dem Salz ringend, während es der Tochter mit dem Zucker etwas leichter fällt – wird das von der Mutter Gesprochene verständlicher und das Unbehagen weicht einer leisen Heiterkeit.
 
Sugar and Salt könnte auch ohne Weiteres für Shadis Biografie stehen, die die Wichtigkeit des generationenübergreifenden Dialogs und das Nachforschen über Herkunft sowie über die Bedeutung des eigenen Platzes in der Welt hervorhebt.
 
Di Dikadika Tsa Dinaledi1 Di Dikadika Tsa Dinaledi © Goethe-Institut Um es mit einem Ausschnitt eines Interviews mit Shadi wiederzugeben: es ist ein “wortgetreues von Mutters Zunge (Muttersprache) lecken” [engl. tongue = Zunge; mother tongue = Muttersprache - Anm. d. Red.], mit anderen Worten also eine mikrokosmische Referenz an wichtige Themen in Shadis Werk.
 
Im Interview eher zurückhaltend, hat sich Shadi durch ihre Arbeit eine eigenständige, reflektierende Sprache angeeignet, die sich besonders eindrücklich und unmittelbar in ihrem von Joan Legalamitlwa kuratierten Werk Di Dikadika Tsa Dinaledi zeigt.
 
Mit einer thematisch umfassenden Geste scheint Shadi die Folgen des fortlaufenden afrikanischen Holocausts aufzurechnen – das tödliche Stillschweigen und die kaum vorhandene Dokumentation. Das ist möglicherweise Shadis wichtigstes Ansinnen, dass sie uns drängend zu bedenken aufgibt.
 
Die Ausstellung, die bei GoetheOnMain bis zum 2. Oktober 2016 zu sehen ist, vereint vier Kunstwerke: zwei Installationen, ein Performance-Relikt und eine Videoarbeit, die über einen größeren Zeitraum hinweg entstanden ist.

Das Relikt, welches in der Galerie die Performance Mosako Wa Nako repräsentiert – ein 12 Meter langes gehäkeltes Teppichband mit dem dazugehörigen, übriggebliebenen Wollknäuel, das auf einem Podest ruht – dominiert den Eingangsbereich des Galerieraums und erstreckt sich über dessen gesamten Länge.
 
Die Videoarbeit Matsogo fokussiert die Hände von Shadi, die ein Stück Kuchen zerbröseln, um anschließend die Überreste wieder zu einer ähnlichen, dreieckigen Form zusammen zu kneten. Hier wurde das Video als wandfüllendes Standbild inszeniert.
 
Und da ist Seriti Se, die reisende Wand der Auslöschung, auf die Shadi die Namen von schwarzen Frauen malt, deren Leistungen in den verschiedensten Bereichen aus der Geschichte herausgeschrieben worden sind. Die Künstlerin lädt die Ausstellungsbesucher dazu ein, die Namen zu übertünchen, so dass das Geschriebene sich wieder in Weißheit auflöst.
 
Auf einer Wand links vom Eingang ist die verstörende siebenminütige Videoarbeit Motlhaba Wa Re Ke Namile zu sehen, in der Shadi den Akt des Suizids durch das Erdeessen nachstellt – eine Form des Widerstands von Versklavten.
In den folgenden Abschnitten spricht Shadi über verbindende Linien in ihrer künstlerischen Arbeit.

Mosako Wa Nako

Im Ausstellungstext vergleicht Shadi Mosako Wa Nako mit einem roten Fluss. Es ist das Produkt eines sechzigstündigen Arbeitsprozesses, der während zehn Tagen am National Arts Festival 2016 in Grahamstown öffentlich stattfand.
Di Dikadika Tsa Dinaledi2 Di Dikadika Tsa Dinaledi © Goethe-Institut In some of her other publicly performed pieces (like Makhubu, where in small, barely legible script, she writes elements of her biography in concentric circles only to partially erase them again), Shadi has expressed the imperative of being observed while working.
 
The end result, with the ball of wool waiting expectantly for the next pair of available hands, suggests a perpetual fate of slavery or the opportunity for a turning point.
 
“In creating the work, there is a sense of looking at the past, the present and the future,” says Shadi. “There are a plethora of quotes that talk about [the idea that]: if you don’t have a history, you don’t have a future. I always wonder about the present. I always take it from a personal perspective.”
 
In this sense, Mosako Wa Nako is a futuristic work, a call for the brave to carve their own tomorrows while acknowledging the stasis of today.
 
I want to tell Shadi about a semantic discussion at work, about whether or not Krotoa should be called a slave, but I don’t. I tell her instead that the work reminds me of a lyric in Natural Mystic: “Many more will have to suffer, many more will have to die.”

Matsogo

Das wandfüllende Videostandbild von Matsogo konfrontiert uns mit einem metaphorischen Afrika, das in der Zeit stillzustehen scheint. Obwohl es naheliegend wäre, Shadi nun als Afro-Pessimistin zu bezeichnen, zeichnet es sie vielmehr als Skeptikerin jener Narrative aus, die ein aufsteigendes Afrika in einem eurozentristischen System suggerieren.
 
“Südafrika ist immer noch sehr kolonial geprägt”, erklärt sie. “Wie können wir vorankommen, wenn diese Strukturen immer noch allgegenwärtig sind? Du kannst nicht wirklich ‘post-’ sein.”
 
Das Video Matsogo verweist auf die ökonomische Ausbeutung Afrikas; der Börsenteil der Zeitung, auf dem das Kuchenstück zu liegen kommt, ist deutlich sichtbar.
 
Vervielfältigungen des wandfüllenden Videostandbilds werden den Besuchern der Ausstellung als kostenlose Plakate zur Verfügung gestellt und thematisieren so gleichzeitig eine “Ökonomie der Verschwendung”, während die Unschärfe der Abbildung auf die Problematik von Massenproduktion verweist.
 
“Ich habe mich mit 1886 beschäftigt und damit, wie Afrika damals zerteilt worden ist, mit der gesamten kolonialen Struktur, der Kontrolle der Ökonomie. Wie Rohstoffe entwendet werden und was dir zurückgegeben wird etwas vollständig Nutzloses ist. Es erinnert an die ursprüngliche Form, aber es ist nicht annährend das Gleiche.”
 
An einer Veranstaltung im Jahr 2014 in Berlin – wo Shadi ihren Master of Fine Arts absolviert – erklärt sie ihrem Publikum, dass die Deutschen stolz darauf sind, keine koloniale Vergangenheit zu besitzen.
 
Ich habe einmal irgendwo gehört, dass die Japaner bei ihren Weltreisen nicht gerne Namibia besuchen, weil sie diese unendlichen Weiten irgendwie unheimlich finden.

Seriti Se

Kürzlich auf einem Besuch in Shadis Ausstellung waren nur noch die Namen von Wilma Rudolph, Phillis Wheatles, Poomoney Moodley, Zora Neale Hurston, Phyllis Ntantala und Yennenga zu lesen. Verblieben aus achtzig Namen die Shadi zuvor auf die weißen Wände des Ausstellungsraum geschrieben hatte.
 
Sie sagt, wer neugierig ist, was unter dieser Weißheit verborgen liegt, kann die fehlenden Informationen nur durch eine PDF-Datei ergänzen, die die vorhergehenden Durchläufe dieser Performance – wie etwa in Berlin – dokumentiert.
 
“Die Recherche ist fortlaufend, ich bin ständig am Namen zusammentragen. Hier im speziellen interessierten mich südafrikanische Frauen, die uns nicht geläufig sind. Aber ich habe auch darüber hinaus recherchiert, wobei ich mich vorwiegend auf den afrikanischen Kontinent konzentriere. Außerdem habe ich viele Namen von Afroamerikanerinnen, Inderinnen, Frauen von Aborigine-Abstammung, Transgender Frauen gesammelt. Ich beziehe auch marginalisierte Frauen gemischter Herkunft mit ein”.
Di Dikadika Tsa Dinaledi3 Di Dikadika Tsa Dinaledi © Goethe-Institut

Motlhaba Wa Re Ke Namile 

Interessanterweise stuft das Journal of the Royal Society of Medicine den Akt des Erdeessens als Geophagie ein, welche entweder als “ein psychiatrisches Leiden, eine kulturelle Gepflogenheit oder eine Folge von Armut und Hunger” beschrieben wird.
 
Um auf Hinweise zu stoßen, dass Sklaven durch das Tragen von Masken daran gehindert wurden, sich durch kauenden Suizid umzubringen, muss tiefer gegraben werden. So gesehen bringt (schreibt) Shadi auch hier Verborgenes zurück ins Dasein.
 
Im Ausstellungstext steht, dass die siebenminütige Videoarbeit an Ort und Stelle ihres Heimatdorfs in Lotlhakane bei Mahikeng aufgenommen worden ist. Was bedeutet, dass die Erde, die sie herunterwürgt und die ihren Körper zum Erzittern bringt, bis Schleim aus der Nase fließt, folglich Heimaterde ist.

Dabei ist nur der Teil von ihrer unteren Gesichtshälfte bis oberhalb ihrer Brust sichtbar und dem Wesen nach erscheint Shadi nur noch als geistähnliche Figur – umgeben vom Land ihrer Ahnen, aber in vielerlei Hinsicht dessen beraubt.
 
Wie in vielen ihrer Arbeiten macht Shadi [in dieser Ausstellung] tiefgreifende und nachhallende Aussagen über die Bedeutung von Zugehörigkeit und verweist gleichzeitig auf die politischen Realitäten ihrer Heimatprovinz, wo täglich enorme Mengen an Platin, von den Sprach- und Namenlosen, zutage gefördert werden.

*Krotoa (1643–1674) war eine Khoi Frau die als Übersetzerin für die Niederländer während der Gründung der Kap-Kolonie diente.

Die Erstveröffentlichung dieses Artikels erschien am 16. September 2015 in der Wochenzeitung Mail & Guardian