5 Fragen an Thando Mama

Umhobe we Sizwe
Thando Mama © Palesa Motsomi

In seiner neuen Multimedia-Installation „Umhobe We Sizwe”, die bei GoetheonMain zu sehen ist, beschäftigt sich der Künstler Thando Mama mit dem Nationalgefühl und untersucht zu diesem Zweck die südafrikanische Nationalhymne.

Welche Gefühle ruft die Nationalhymne Nkosi Sikelel’iAfrika bei Ihnen hervor?
Thando Mama: Unsere Nationalhymne setzt bei mir sehr tiefliegende Emotionen frei, die viel über meinen Platz in diesem Land, meine Zukunft und meine Vergangenheit dort aussagen.

Heute sehen wir Südafrika als fast verlorenes Land, mit einem Gefühl der Sehnsucht, der Fürsorge und der Erinnerung an die Hoffnung, dass wir eines Tages alle frei sein werden, unabhängig von der damaligen Situation. „Nkosi Sikelel’iAfrika” lässt wieder ein Gefühl der Menschlichkeit und der Zusammengehörigkeit entstehen, man spürt dabei, dass wir alle ein Teil des großen gemeinsamen Kampfs um das afrikanische Volk sind.

Sie sagen, dass die Nationalhymne bunt zusammengewürfelt ist. Die Texte sind auf verschiedenen südafrikanischen Sprachen. Ist das Ihrer Meinung nach eher ein Kompromiss als eine Einigung der Nation?
TM: Eine geeinte Nation muss eine Stimme und eine Sprache haben. Ich finde, der vorgenannte Kompromiss ist langsam überholt. Erst wenn wir erkennen, dass unser Weg der Vereinigung verschiedener Kulturen zu einer zeitgemäßen südafrikanischen Gesellschaft noch nicht zu Ende ist, erst dann ist es wirklich Zeit für eine Veränderung.

Die Konfliktparteien müssen erkennen, dass wir etwas ändern müssen, und wir müssen der ganzen Nation einen klaren Weg aufzeigen, so dass jeder Südafrikaner sich berufen fühlt, diesen mitzugestalten. Unsere derzeitige Nationalhymne ist nur eine Übergangslösung, und wir haben noch nichts unternommen, um diese Nation mit der Nation zu versöhnen, die wir gerne sein möchten. Der sprachliche Aspekt ist dabei sehr wichtig. Aus der Perspektive eines vereinten Afrikas gesehen, hat das Singen der Texte sowohl auf isiXhosa und SeSotho die Afrikaner näher zusammengebracht. Inzwischen stellen wir uns jedoch die Frage, ob unsere Hymne alle offiziellen Nationalsprachen beinhalten kann. Die Antwort lautet: Nein, das ist unmöglich. Wir könnten zum Beispiel fordern, dass der Originaltext von Nkosi Sikelel’iAfrika als Nationalhymne gilt und diese in alle anderen offiziellen Sprachen übersetzen lassen. Wir könnten sie auch neu gestalten, ohne sie in ihrem Wesen allzu sehr zu verändern, so dass das Erbe nicht verloren geht, dabei aber eine neue Botschaft vermitteln, die zukünftigen Generationen Hoffnung und Inspiration bietet.
 
Wie wichtig ist es den Südafrikanern heute, sich an ihre Vergangenheit zu erinnern, besonders für die sogenannte Born Free Generation, also die nach 1994 Geborenen?
TM: Man kann nicht oft genug betonen, wie wichtig es ist, in Südafrika eine Kultur des Erinnerns aufrechtzuerhalten – gestern, heute und morgen. Gestern, weil es unsere Vergangenheit ist, und die wird der heutigen Generation leider nicht mehr oft genug vor Augen geführt. Wir kennen ja die Geschichte des politischen Kampfes und derer, die ihn angeführt haben. Aber eine öffentliche Würdigung wird nur wenigen zuteil.
Wir wissen, dass die Geschichte des Kampfs der einheimischen Völker uns etwas über diese Menschen und darüber, was mit ihnen passiert ist, erzählt, aber ihr Andenken wird in der Öffentlichkeit mehr und mehr vernachlässigt, wie man in öffentlichen Räumen in Städten wie Kapstadt beobachten kann.

Wir wissen, dass die Geschichte unseres Erbes in Sachen Kultur und Sitten uns viel darüber erzählt, wer wir sind und was uns als Menschen und soziale Gemeinschaften antreibt. In der Öffentlichkeit werden diese Kulturen und Sitten als sogenannte „Demokratie” gering geschätzt.

Heute verschwinden unsere Erinnerungen, unsere Geschichte wird ausgelöscht und wir brauchen dringend Zugang zu unserer eigenen Geschichte, unseren Erinnerungen und Erfahrungen. Dieser Prozess kann und wird der sogenannten Born Free Generation helfen.

Wie das passieren kann? Indem wir zeigen, dass die Vorstellungskraft ein nützliches Werkzeug und das Erinnerungsvermögen ein wertvolles Hilfsmittel für unser Leben ist. Wie wir dies erreichen können? Indem wir Geschichte unterrichten, in Archiven forschen, unser Erbe immer wieder in den Fokus der Öffentlichkeit stellen, indem wir Geschichten erzählen und die Kommunikationswege der neuen Medien nutzen, um die „Frei Geborenen“ mit Wissen und damit mit Macht zu versorgen.

Umhobe We Sizwe – Of Nationhood („Die nationale Identität“) zielt auf unsere unbewusste Gedankenwelt ab und will die durch die jüngste Geschichte verdrängten Tatsachen wieder an die Oberfläche bringen. Gleichzeitig spricht das Projekt aber auch gezielt ein zeitgenössisches Publikum an, das zum größten Teil aus jungen Menschen besteht.
 
Wie haben Sie das Material für die Multimedia-Installation Umhobe We Sizwe recherchiert?
TM: Ich habe vor etwas mehr als einem Jahr mit diesem Projekt angefangen, vor allem mit den Zeichnungen, aus denen heraus sich alles Weitere entwickelt hat. Als ich mich dann weiter in das Material einarbeitete, kamen noch verschiedene andere Elemente dazu.

Angestoßen wurden meine Recherchen durch mein Interesse an Themen wie Erbe und Erinnerungskultur. Da ich viel in Archiven geforscht habe, ist das Werk textlastiger ausgefallen als es sonst bei mir der Fall ist. Darum gibt es auch besonders viele Elemente mit Texten und überarbeiteten Zeichnungen, Drucken und Platten. Die Installation besteht aus vier Teilen: Videos mit Ton, Text auf Platten, Zeichnungen und Drucke. Das Ganze war eine ziemliche Herausforderung, weil das benutzte Material und der allem zugrunde liegende Ansatz doch sehr unterschiedlich sind, was meiner Meinung nach auch die Präsentation des Werks beeinflusst hat. Allerdings habe ich die ganze Zeit das gleiche Titelmotiv beibehalten. Den größten Anteil des recherchierten Materials machen wohl die Teile aus, die ich in Archiven gefunden habe.

Sie möchten mit Umhobe We Sizwe wieder eine nationale Debatte in der Kunstszene entfachen. Ist Kunst unpolitisch geworden? Und wie können Ihrer Meinung nach Künstler, Meinungsführer und das ganz normale Publikum an dieser Diskussion teilhaben?

TM: Ich finde, dass wir als Kulturschaffende einen Auftrag haben, der breiten Masse Themen von nationaler oder internationaler Bedeutung näherzubringen. Für mich ist dieses Projekt nur ein Teilstück sämtlicher Bemühungen, einen nationalen Diskurs in einem breit angelegten kulturellen Umfeld zu entfachen, und zwar nicht nur innerhalb des Kunstsektors. Vieles in der Kunst ist politisch, vieles ist es aber auch nicht. Einige Kunstformen richten sich an Individuen oder einzelne Kritiker, andere an ein politisches System, aber wir haben bislang eigentlich noch nichts an uns selbst als Gemeinschaft oder Gesellschaft gerichtet. Das Thema der Nationalhymne ist unser Thema, trotzdem haben wir uns bis jetzt noch nicht damit befasst. So ist das nun einmal. Manche Leute wollen bestimmte Teile davon nicht einmal singen, andere dagegen schon. Davon abgesehen haben wir die Diskussion um dieses Thema den extremeren ideologischen Gruppen in unserer Gesellschaft überlassen. Dabei ist es doch die Aufgabe von uns Kulturschaffenden und Künstlern, diese Themen auf den Tisch zu bringen. Wenn es um die Bereiche Land, Zugang zu Wohnungen oder geschlossenen Wohnkomplexen geht, dann sind wir ruhig. Wir lassen die Dinge einfach wie sie sind.

Ich stelle mir eine nationale Diskussion auf der Grundlage einer Erklärung aller Menschen und Bürger dieses Landes vor, die auf sämtlichen Ebenen der Politik, Gesetzgebung etc. stattfindet. Themen wie Landbesitz oder die Nationalhymne – letzteres ist meiner Meinung nach nur eine zeitlich begrenzte Diskussion, werden bis jetzt nur von einer kleinen Personengruppe diskutiert, und das muss sich ändern. Es wird Zeit, dass wir Künstler, Meinungsführer und andere Einzelpersonen uns diesen Themen stellen. Ein Kunstprojekt oder eine Ausstellung können unsere Situation zwar nicht ändern, aber immerhin den Grundstein für einen Richtungswechsel legen.
 

Thando Mama ist ein südafrikanischer Künstler und lebt in Kapstadt. Er hat bereits in vielen Ländern seine Werke ausgestellt, etwa in Südafrika, dem Senegal, Mali, Europa (Spanien, Frankreich, Großbritannien, Belgien, Holland, Schweiz, Österreich), dem Mittleren Osten (Israel), den USA, Australien und Neuseeland. Er beschäftigte sich mit vielen verschiedenen Themen, etwa der Männlichkeit der Schwarzen oder den immer wieder aus dem Fokus gedrängten Diskussionen um Afrika. 2004 gewann er den Prix De La Communaute Francaise De Belgique bei der Biennale De l’Art Africain Contemporain DAK’ART sowie 2003 den MTN New Contemporaries Award.

Umhobe We Sizwe wurde am 12. März 2015 in GoetheonMain eröffnet und war dort bis zum 20. April 2015 zu sehen.