Migrationsgeschichte(n)

Ausgesprochen ... integriert – Ein haarsträubendes Erlebnis

Friseurbesuch, Foto (Detail): Ashkan Forouzani © Unsplash

Wer in Deutschland mit Naturkrause zum klassischen Herrenfriseur geht, kann was erleben. Dominic Otiang’a lässt uns an seinen Erfahrungen teilhaben.

Barber-Shops werden momentan immer gefragter. Sie berücksichtigen verschiedene Haarstrukturen und kulturell geprägte Vorlieben. In vielen Städten der USA und weltweit ist der Barber-Shop für die Menschen in einem Viertel so etwas wie ein Kulturzentrum, ein Ort, an dem man sich gerne entspannt, die neuesten Sportergebnisse erfährt oder die politische Lage des Landes diskutiert. Aber wie sieht es in Deutschland aus? Nun, hier muss der Herrensalon nicht die gleiche Funktion einnehmen wie in anderen Teilen der Welt. Das hat er wohl noch nie getan. Aber so langsam holt Deutschland in punkto Barber-Shop-Kultur auf. Um den Beruf ausüben zu können, ist allerdings ein Zertifikat erforderlich, für das man einige Jahre Erfahrung vorweisen muss.

Ich selbst habe das erste Mal 2007 einen Friseursalon betreten – und zwar nicht irgendeinen: Immer, wenn ich früher an diesem Geschäft vorbeiging, hat das Personal meine Haare angestarrt. Und wenn ein Friseur meine Haare auf diese Weise anstarrt, bekomme ich immer so ein komisches Gefühl. Ich weiß dann nicht, ob es heißen soll, dass mein Haar toll oder furchtbar aussieht.

Herrensalon und Barber-Shop – häufig noch zwei Welten

Das war kein Barber-Shop, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Es gab sowieso keinen Barber-Shop in der Umgebung. Es war ein Friseursalon. Zuerst wurde ich gefragt, ob ich einen Termin hätte. Hatte ich nicht! Das hier war offensichtlich kein Ort, an dem man über Fußball oder Politik spricht oder mit einem Fremden im Wartebereich ein lockeres Gespräch anfängt. Im Gegenteil, es war wirklich sehr ruhig hier. Fairerweise muss ich sagen, dass alle hier sehr professionell arbeiten: Man kommt rein, wartet, lässt sich die Haare machen, sagt dann „Stimmt so!“ oder wartet auf sein Wechselgeld, guckt dabei in den Spiegel und geht. Das einzige Gespräch, das hier stattfindet, ist die Frage nach dem Grund meines Besuchs.

Haben Sie schon mal mit solchen Haaren zu tun gehabt?

Wie erwartet begann die Friseurin erst mal damit, mein Haar zu kämmen. Und schon konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, eine blöde Frage zu stellen: „Haben Sie schon mal mit solchen Haaren zu tun gehabt?“. Sie antwortete „Natürlich!“, und sofort schämte ich mich für diese Frage. Sie schien mit meinem widerspenstigen Haar nicht auf Anhieb klarzukommen, wechselte von einem Kamm zum nächsten und wollte wissen, ob es wehtut.

Nein, es tat nicht weh, aber nach vier Kämmen schlug sie vor, mein Haar doch vielleicht besser nass zu machen. Ich fragte, ob ich es selbst kämmen dürfte, aber sie bestand darauf, dass sie die Expertin sei. Der Kamm blieb schließlich in meinem nassen Haar stecken, und ich schnappte ihn mir, um es selbst zu kämmen.

Es sah so aus, als würde sie mir gleich ein Schmerzmittel empfehlen

Schließlich schnitt sie mein Haar kurz, aber nicht gleichmäßig: Einige Stellen waren vier Millimeter lang, andere drei Millimeter, manche waren sogar ganz kahl. Ich saß brav da und wartete darauf, dass sie die Frisur noch nachschneiden würde. Sie tätschelte aber nur meinen Kopf und sagte: „Schön, sieht doch schön aus, oder?“ – offenbar war sie fertig. Nach all der Mühe, die sie mein Haar gekostet hat, wusste ich nicht so recht, was ich sagen sollte. Es war wohl am besten, wenn ich zahlte, lächelte und mich verabschiedete. Schließlich würde niemand auf der Straße den schlimmen Zustand meiner Haare bemerken; allenfalls solche Leute, deren Haare genauso beschaffen sind wie meine. Zum Glück betrifft das hier weniger als ein Prozent.

Im Trend: Barber-Shops in Deutschlands

Heute gibt es viele Barber-Shops, die sich mit sämtlichen Haartypen und der kulturell bedingten Vielfalt von Vorlieben für Frisuren auskennen. Einige solcher Salons, die ausschließlich Herren bedienen, sind wahre Umschlagplätze für kulturellen und politischen Austausch geworden: Hier trifft man(n) sich, um abseits von Restaurants und Bars mit anderen zu diskutieren. Wer einmal einen türkischen Herrensalon in Stuttgart, Berlin oder einer anderen großen Stadt betritt, kommt schnell mit völlig fremden Menschen ins Gespräch. Beim nächsten Mal weiß hier vielleicht keiner mehr, wie Sie heißen, aber eins ist klar: Man nennt Sie dann sicherlich schon „Bruder“.

Die Gewerkschaft der Friseure hat bereits ihren Unmut über die Barber-Shops ausgedrückt, da sie in ihnen einen unfairen Wettbewerb sieht. Für den, der mehr als 10.000 Euro für seine Friseur-Ausbildung investiert hat und bemerkt, dass nebenan irgendjemand einfach im Herrensalon seiner Verwandten mitarbeitet und auch noch mehr Geld verdient, ist das natürlich ganz schön ärgerlich. Ich muss allerdings noch sehr oft an meine Erfahrung mit der ausgebildeten Friseurin denken – nicht wegen der fast verabreichten Schmerzmittel, sondern um mich daran zu erinnern, dass Migration nicht nur Diversität in Sachen Kultur mit sich bringt, sondern auch in Sachen Haarstruktur.

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Dominic Otiang’a, Liwen Qin, Maximilian Buddenbohm und Gerasimos Bekas. Dominic Otiang’a schreibt über sein Leben in Deutschland: Was fällt ihm auf, was ist fremd, wo ergaben sich interessante Einsichten?

Dominic Otiang’a
ist Autor mehrerer Romane und Kurzgeschichten. Er stammt aus Kenia und lebt in Stuttgart.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Mai 2019

Übersetzung: Sabine Bode

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