Migrationsgeschichte(n)

Ausgesprochen ... integriert – Die Zeiten ändern sich – und mit ihnen die Geschlechterrollen

© dpa Report, Picture Alliance / Aliou Mbaye

Die „Taxi Sisters“ Sanou Top, Madjiguene Samba und Aissatou Mabelle Gueye posieren an ihrem Stand im Hotel Sofitel Teranga am 10. Oktober 2007 in Dakar, Senegal. I© dpa Report, Picture Alliance / Aliou Mbaye

Anlässlich des 45. Internationalen Frauentages nimmt Dominic Otiang'a die Entstehung von Geschlechterrollen in verschiedenen Gesellschaften kritisch unter die Lupe und stellt dabei die Frage: „Was ist Freiheit, und wer definiert sie?“

Die bunte Begehung des Internationalen Frauentags 2020 weltweit war ein guter Anlass, sich mit Genderfragen wie dem geschlechtsspezifischen Lohngefälle in Deutschland zu beschäftigen. Es war zudem ein passender Moment, um darüber nachzudenken, wie verschiedene Gesellschaften Freiheit definieren und wie sich die Geschlechterrollen entwickelt haben – und zwar aus der Perspektive von Geschichte, Religion, Kultur und der sich verändernden Arbeitswelt, nicht nur im Hinblick auf Unterdrücker/Unterdrückte, sondern auch anhand technischer Fortschritte und ihrer Auswirkungen darauf, wie wir leben.

Frauen in Ost Afrika bauten Häuser

Während Geschlechterrollen in verschiedenen Kulturen, Wirtschaftssystemen und Lebensweisen in unterschiedlichen Teilen der Welt variieren, beobachtet man häufig die Tendenz, dass eine Kultur einer anderen ihre Freiheitsverständnis aufzwingt, ohne auf den Kontext zu achten oder kulturelle Dynamiken auf der Gegenseite zu berücksichtigen.

Wenn man einige Jahrhunderte zurückblickt, in eine Zeit, in der fast jede Arbeit Muskelkraft erforderte, bestimmte die Ungleichheit bei der Körperkraft auch viele Geschlechterrollen. Zu den verfügbaren Beschäftigungen gehörten Krieg, Jagd, Plünderungszüge, Viehdiebstahl, Bauarbeiten, Landwirtschaft und Pflegeaufgaben ebenso wie Führungsrollen in politischen Systemen. So geschah es, dass Könige und religiöse Führungspersönlichkeiten in Europa die Männer mit dem Bau von gewaltigen Brücken und Palästen beauftragten, während in Ostafrika der Häuserbau den Massai-Frauen oblag. Die Natur der Bauarbeiten war in beiden Kulturen unterschiedlich – und damit auch die Geschlechterrollen.

Die Kraft des Denkens

Die Weiterentwicklung der Technologie und die Veränderung von Lebensweisen bedeutete, dass wir für die Ausführung der meisten Tätigkeiten nicht mehr ausschließlich auf Körperkraft zurückgreifen mussten. Technologie verlieh dem Denken mehr Macht. Aber diese Verlagerung von Muskeln zu Technologie war nicht überall sofort und in gleichem Maße zu spüren. Sie vermischte sich schrittweise mit den bestehenden Kulturen und Religionen verschiedener Gesellschaften und wurde durch die gesellschaftlichen Zugangswege zu Grundbedürfnissen gestrafft. Diejenigen, die für ihr Einkommen überwiegend auf Rohstoffe angewiesen sind, haben sich bei der Anpassung an moderne Arbeitsweisen wenig verändert – im Gegensatz zu rohstoffarmen Ländern wie Ruanda. Anders als im Römischen Reich wären dann Männer wie Frauen in der Lage, sich zusammenzuschließen, um ihre Territorien gegen Angriffe von außen zu verteidigen. Aber manche Köpfe tun sich mit der Anpassung an Veränderungen schwer, und wenn die Technologie Kampfflugzeuge liefert, die Frauen ebenso gut wie Männer fliegen könnten, meinen sie dann immer noch, Frauen könnten nicht kämpfen, weil sie in der Vergangenheit nicht als Kriegerinnen designiert wurden. Dasselbe Vorurteil findet man in zahlreichen anderen Berufen.

Ein notwendiger Paradigmenwechsel

Meine anekdotenhafte Beobachtung gendergerechter Partizipation in Deutschland, einer stark industrialisierten Volkswirtschaft, offenbart unter den Ureinwohnern eine eiförmige Kurve, mit eher wenig Ausgewogenheit in Fertigungsabteilungen, der richtigen Mischung in Verwaltungsjobs und weniger Balance bei den Führungsrollen. Aber die Tatsache, dass in der industriellen Fertigung mehr Körperkraft erforderlich ist als bei administrativen Tätigkeiten, untermauert mein obiges Statement, dass die Verlagerung von Muskeln zu Hirn für Wettbewerbsgleichheit sorgte. Meiner Ansicht nach sollte es in Fragen von Geschlecht, Rasse, Herkunft etc. ein perfektes Gleichgewicht zwischen Anlage, Umwelt und sozialem Umfeld geben; wo es die Natur zulässt, brauchen wir Chancengleichheit. Wo die Natur zu Ungleichheit geführt hat, bedarf es eines Paradigmenwechsels und gegebenenfalls aktiver Förderungsmaßnahmen.

Die Definition von Freiheit

Was Geschlecht und Kleidung betrifft, spreche ich lieber über Clare und Jasmin (erfundene Namen für tatsächlich existierende Personen), um die Aufmerksamkeit auf eine Realität unserer Existenz zu lenken und eine Debatte darüber zu eröffnen: Clare kommt ein paar Minuten zu spät zur Arbeit und beschwert sich, dass ihre Mitbewohnerin Jasmin im Bad oft zu lange braucht, bis ihr Gesichtsschleier perfekt sitzt. Clare, die Zeit für ihr Make-up brauchte, behauptet, dass es Jasmin nicht freisteht, das Haus ohne Gesichtsschleier zu verlassen. Sie findet, dass Jasmins früheres Umfeld ihr diesen aufgezwungen hat und sie ihn nicht so einfach weglassen kann. Ich fragte Clare, ob das etwas anderes ist, als wenn sie nicht aus dem Haus gehen kann, ohne ihr Make-up aufzutragen. Was ist Freiheit und wer definiert sie?

„Ausgesprochen ...“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Dominic Otiang’a, Liwen Qin, Maximilian Buddenbohm und Gerasimos Bekas. Dominic Otiang’a schreibt über sein Leben in Deutschland: Was fällt ihm auf, was ist fremd, wo ergaben sich interessante Einsichten?

Dominic Owour Otiang’a
ist Autor mehrerer Romane und Kurzgeschichten. Er stammt aus Kenia und lebt in Stuttgart.

Übersetzung: Elisabeth Meister
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion

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