Migrationsgeschichte(n)

Ausgesprochen ... integriert – Xavier Naidoo & Exklusion

Foto (Detail): Uwe Lein / picture alliance, dpa

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Können soziale Exklusion und die Sehnsucht, dazuzugehören, zu aggressivem und diskriminierendem Verhalten führen? Eine Analyse von Verhaltensmustern und eine kritische Untersuchung der Wirkung von Strafen.

Dem deutschen Musiker Xavier Naidoo wurde kürzlich vorgeworfen, mit seinen Songtexten Hassrede zu verbreiten, in denen er fragte: „Was, wenn fast jeden Tag ein Mord geschieht, bei dem der Gast dem Gastgeber ein Leben stiehlt? Dann muss ich harte Worte wählen. Denn keiner darf meine Leute quälen. Wenn doch, der kriegt es mit mir zu tun.“ Er sprach später davon, dass die Worte aus dem Zusammenhang gerissen worden seien. Während manche zu einem Boykott seiner Musik aufrufen, fragen sich andere, was einen Nachkommen von Immigrant*innen dazu bewegt, Hassrede gegen Einwander*innen von sich zu geben.

Angolanische Eltern arabischer Abstammung

Während die Kontroverse in manchen Kreisen trendete, konnte ich nicht aufhören, über die Sache mit Naidoo und viele andere wie sie nachzudenken. Es besteht kein Zweifel, dass solche Worte Hass verbreiten. Aber wie kam es bei ihm so weit? Oder wie kommt es bei Menschen ganz allgemein so weit?

Wann immer ich Naidoos Geschichte folge, kommen mir zwei verschiedene Vorkommnisse in den Sinn: Das eine betrifft den achtjährigen Sohn angolanischer Eltern, das andere einen Deutschen arabischer Abstammung im mittleren Alter. Beide leben in Deutschland. In seiner Schule meldete der Achtjährige mit der Zeit seine Mitschüler*innen nicht mehr bei den Lehrer*innen, wenn sie ihm mit rassistischen Sprechchören begegneten. Er entwickelte einen aggressiven Charakter und griff bei der Konfliktlösung auf Cowboy-Methoden zurück. Dies ließ seine Lehrer*innen zu dem Schluss kommen, dass der Junge nicht in der Lage war, mit anderen Kindern klarzukommen, und deshalb in eine Sonderschule versetzt werden sollte.

„Ich bin einer von Euch!“

Was den Mann im mittleren Alter angeht, so hat er in seiner Arbeit eine leitende Position inne. Und er hängt gerne mit seinen Kolleg*innen ab. Als er mit ihnen die letzte Fußballweltmeisterschaft guckte, konnte man sehen und hören, wie er Deutschland am allerlautesten anfeuerte. Als Deutschland schließlich verlor, heulte er wie ein Schlosshund. Ja, natürlich ist es bei Sportfans üblich, dass sie Tränen vergießen, wenn gegen alle Hoffnung der Schlusspfiff ertönt. Aber Leute, die wie er nur alle vier Jahre Fußball gucken, sind keine Fußballfans. Sie sind Patriot*innen, die dem Spiel nur Aufmerksamkeit schenken, wenn es um Länder oder Nationen geht – jenen Moment, in dem Nationalstolz zur Schau gestellt wird und so mancher seine Loyalität bekräftigt. Nun, es gibt genug Literatur, um die Ansicht zu untermauern, dass ein Großteil des menschlichen Verhaltens von dem Bedürfnis inspiriert wird, (z.B. zu einer Gruppe) dazuzugehören. Aber wenn die Gruppe durch eine andere Rasse oder Ethnizität gekennzeichnet ist, kann es einiges an bewusstem und unbewusstem Aufwand erfordern, sich anzupassen. Während andere also traurig waren und dem einen oder anderen Spieler die Schuld gaben, wanderte er laut weinend an seinen Freund*innen und Kolleg*innen vorbei in die hinterste Ecke und zurück. Alle anderen waren jetzt still und schauten zu, wie er Tränen für sein Vaterland vergoss. Ich beobachtete ihn mit regem Interesse durch meine Brillengläser und sah einen Mann auf dem Gipfel der Zugspitze, dessen Tränen in Schwarz, Rot und Gold hinabflossen und die Botschaft nach unten schickten: „Ich bin einer von Euch! Zweifelt Ihr immer noch an mir?“

Soziale Exklusion führt zu Aggression

Wenn ich im vollen Wissen um seine Wurzeln und sein Aussehen von der Situation um Naidoos Äußerungen lese, habe ich allerdings Mühe, sein Szenario mit dem des Kindes in der Schule oder dem weinenden Fußballfan in Verbindung zu bringen. Das Kind in der Schule war zu jung, um JM Twenges „If You Can't Join Them, Beat Them: Effects of Social Exclusion on Aggressive Behavior“ („Wenn sie dich nicht mitmachen lassen, schlag sie: Auswirkungen sozialer Exklusion auf aggressives Verhalten“) zu lesen oder zu verstehen, einen Fachaufsatz, der soziale Exklusion mit aggressivem Verhalten in Zusammenhang bringt. Der Junge schlug sie, wortwörtlich – ein Paradebeispiel sozialer Exklusion, die zu aggressivem Verhalten führt. Ihn aus der Schule zu werfen, wäre somit äquivalent dazu, ihn noch mehr auszuschließen, weil er eine natürliche Reaktion darauf zeigte, überhaupt erst ausgeschlossen worden zu sein. Aber hat das etwas mit Naidoos Fall zu tun?

Wie soll die Öffentlichkeit mit Rassismus dieser Art umgehen?

Das zweite Szenario eines in Tränen aufgelösten vierjährlichen Fußballzuschauers ist ebenfalls ein Zeichen für Exklusion und ein Schrei nach Inklusion. Aber es ist Noel Ignatievs „How the Irish became white“ („Wie die Iren weiß wurden“), das mehr mit dem Umfeld um Naidoos Saga zu tun hat. „How the Irish became white“ zeigt detailliert auf, wie das Bedürfnis der amerikanischen Ir*innen, als Teil der wirtschaftlichen und politischen Mehrheit zu gelten oder zu ihr zu gehören, sie dazu brachte, White Supremacy begeistert anzunehmen. Von Mahatma Gandhi, einem Mann, der Millionen Menschen als moralische Supermacht gilt, heißt es, dass er in Südafrika dasselbe erlitt, nämlich ein paar rassistische Dinge über Schwarze sagte, während er forderte, von den Weißen als gleichwertig behandelt zu werden. So schrecklich kann sich Exklusion auf uns auswirken. Was Xavier Naidoo angeht, sollte dieser dann von seinen Kolleg*innen abgemahnt und von der Öffentlichkeit gerichtet und verurteilt werden? Ist das nicht analog dazu, den Schuljungen dafür aus der Schule zu verbannen, dass er deutliche Hinweise darauf aufwies, unter Exklusion zu leiden?

„Ausgesprochen ...“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Dominic Otiang’a, Liwen Qin, Maximilian Buddenbohm und Gerasimos Bekas. Dominic Otiang’a schreibt über sein Leben in Deutschland: Was fällt ihm auf, was ist fremd, wo ergaben sich interessante Einsichten?

Dominic Owour Otiang’a
ist Autor mehrerer Romane und Kurzgeschichten. Er stammt aus Kenia und lebt in Stuttgart.

Übersetzung: Elisabeth Meister
Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion

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