Bildung und Sprache

Serie „Wort‑Brüche“ – Fremdenführer*in

Foto (Detail): Sascha Steinach © picture alliance/dpa-Zentralbild

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Etliche Wörter sind bis heute fest im deutschen Sprachgebrauch verankert – obwohl sie zu einer Zeit entstanden sind, die mit unserer diversen Gegenwart kaum noch zu tun hat. In dieser Serie versucht Elisabeth Wellershaus ihnen auf den Grund zu gehen und sie aus dekolonialer Perspektive umzudeuten. Sie steigt mit dem Begriff Fremdenführer*in ein.

Die Szenen gehören zu meinen ersten Reiseerinnerungen. Das wunderbare Hüpfen, mit dem das Luftkissenboot uns von Ischia aufs italienische Festland transportierte. Der schier endlose Anstieg auf den Vesuv und das Spiegelei, das uns in der Hitze am Kraterrand zubereitet wurde. Vor allem der gut gelaunte Fremdenführer, der uns nach dem Trick mit dem Ei wieder herunterbrachte. Sein eindringlicher Rat, den er unten an uns richtete: „Bitte achten Sie auf Ihre Wertsachen. Hier ist es sehr gefährlich.“

Die Erinnerungen daran, wie mir die „Fremde“ auf meiner ersten und einzigen Pauschalreise erklärt wurde, begleiten mich seither. Erinnerungen an eine Zeit, in der „Fremdheit“ noch eine eindeutige Sache zu sein schien. Über Jahrhunderte hatten westliche Reisende sich unhinterfragt an der „Exotik“ anderer Kulturen abgearbeitet, gaben eurozentrische Perspektiven den Ton in Wissenschaft und Reiseliteratur an. Also plauderte auch unser staatlich geprüfter deutscher Fremdenführer zwanglos über die „befremdlichen Zustände“ in Italien.

Postkarte Deutsche Kolonial-Ausstellung Berlin. Zur Eröffnung der Gewerbeausstellung im Treptower Park am 3. Mai 1896. Farblithografie, Copyright: akg-images © picture alliance

Sozial auffällig waren dabei wohl eher wir. Die deutsche Reisegruppe, die 1979 in Neapel einfiel und an der Hand eines „Führers“ das Anderswo bestaunte. Zu Hause in Deutschland lebten seit knapp 20 Jahren Europäer*innen aus dem Mittelmeerraum, die unter anderem über die sogenannte Neapel‑Schleuse ins Land gelangt waren. Als „Gastarbeiter*innen“ wurden sie gebraucht, von der Gesellschaft aber nur verhalten akzeptiert. Die Tatsache, dass die Neuankömmlinge in Deutschland dieselben Menschen waren, die als Statist*innen die Sommerurlaubskulisse bespielten, schien nebensächlich. Denn Fremdheit war in präglobalisierten Zeiten auch unter Europäer*innen Thema.

Unser Hang zum Fremdeln ist bis heute geblieben, obwohl Reisende mittlerweile fast jeden Winkel der Erde erschlossen haben. Nach innen zeichnet sich Europa trotz lädierter Gemeinschaft kaum noch durch harte Grenzen oder kulturelle Brüche aus. Und so haben wir die Fremdheitsgefühle schlicht verlagert. Sie auf andere Menschen projiziert, die nun in Ländern wie Deutschland durch Religion, Herkunft, Sprache, Gewohnheiten, Hautfarbe oder Namen zu Außenseiter*innen gemacht werden.

Ressentiments gegenüber kopftuchtragenden Lehrerinnen, afrikanischen „Wirtschaftsflüchtlingen“ oder arabischsprachigen Schulhofrandalierer*innen werden in Medien und am Stammtisch gern mit „offensichtlichen Unterschieden“ begründet. Historische Hintergründe, die Herabwürdigung ganzer Kulturen zum Erhalt globaler Machtverhältnisse werden seltener bemüht.

Kübra Gümüşay beschreibt es in ihrem Buch Sprache und Sein – wie Fremdheitskonzepte sich in unserem Sprechen übereinander manifestiert haben. Auch viele Dekolonisierungsprojekte thematisieren diese Konstrukte, Intellektuelle wie Achille Mbembe durchleuchten sie. Doch zugleich plagen Überfremdungsängste und die Sorge vorm „Aufmucken der Minderheiten“ immer mehr Menschen. Vielleicht sind wir in diesen Tagen also mehr denn je auf Fremdenführer*innen angewiesen – auf Menschen wie Mbembe und Gümüsay, die in einer hyper-erschlossenen Welt mit auseinanderdriftender Gemeinschaft die Ursprünge aktueller Ausgrenzungsreflexe sichtbar machen?

Das „Fremde“ in der deutschen Hauptstadt

In Berlin reicht eine kurze Stadtführung zur Kolonialgeschichte, um eine Gegenwart zu entdecken, die das fröhlich‑diverse Image der Stadt herausfordert. Die Schlossbaustelle neben dem Alexanderplatz brüllt es seit geraumer Zeit entgegen: dass Berlin sich mit dem Wiederaufbau preußischen Prunks – und dem darin ansässigen Humboldt Forum mit seiner umstrittenen ethnologischen Sammlung – in den Grauzonen einer schwierigen Vergangenheit bewegt.

Eher flüsternd erzählt dagegen das wiederaufgebaute Haus des Berliner Tabakfabrikanten Wilhelm Ermeler von der Verstrickung, die auch Berlin in ein koloniales Machtgefüge einband. 1967 wurde es abgerissen, um Platz für das DDR‑Staatsratsgebäude zu schaffen, 1969 am Märkischen Ufer wieder aufgebaut. Und noch immer hängt über dem Eingang des Ermelerhauses ein Fries aus dem 19. Jahrhundert, der die Produktionskette des Tabaks beschreibt: auf der einen Seite Schwarze versklavte Menschen in Amerika, die Tabak pflücken und zum Hafen bringen. Auf der anderen ein Schiff, das über den Atlantik auf zwei Kuppeldächer am Horizont zusteuert – vermutlich den Französischen und den Deutschen Dom am Berliner Gendarmenmarkt. Es ist eine Szene, die daran erinnert, dass auch Brandenburg‑Preußen in Plantagengeschäfte verwickelt war und vom transatlantischen Menschenhandel profitierte. Auch wenn die Gäste, die hier heute absteigen, vermutlich kaum davon wissen. Sie wohnen schlicht in dem Hotel, zu dem das Ermelerhaus vor Jahren wurde.

Boxerin Zeina Nassar erkämpfte 2018 beim Deutschen Boxsport-Verband Änderungen der Wettkampfbestimmungen, damit sie im Ring mit Kopftuch antreten darf. 2018 wurde die Muslimin deutsche Meisterin im Federgewicht. Copyright: Arne Immanuel Bänsch © dpa

Aber vielleicht entdecken manche ihn doch: jenen Teil unserer Geschichte, der als koloniales Echo aus Straßennamen oder Häuserreliefs hallt. Der den gedanklichen Brückenschlag in eine Gegenwart ermöglicht, in der viele Menschen noch immer unter der systematischen Abwertung aus imperialen Zeiten leiden. Die Bundeskulturstiftung hat in eine solche Richtung gedacht und startet 2020 ein größeres Projekt, das der kolonialen Vergangenheit Berlins nachspüren will.

Doch vermutlich braucht es mehr als ein paar Stadtführungen, um die Wurzeln hartnäckiger Ressentiments aufzudecken. Ohnehin ist das Wort „Führung“ – das nach dem Faschismus des 20. Jahrhunderts noch immer selbstverständlich an Wörtern wie Zug-, Partei- oder Spiel- hängt – hier vielleicht missverständlich. Eine allzu starr „geführte“ Auseinandersetzung mit kolonialen Themen wird kaum dazu anhalten, dass Vorurteile und eingefahrene Perspektiven kritisch hinterfragt werden. Ein partizipativer, gemeinschaftlicher Ansatz aber schafft es womöglich, unsere komplexe Gesellschaft dort abzuholen, wo sie gerade steht.

Die Suche nach dem Verbindenden

Vor ein paar Wochen stehe ich zusammen mit anderen Besucher*innen im Foyer des Kunstraums Savvy Contemporary, in Berlin-Wedding. Neben uns die Kuratorin der aktuellen Ausstellung, Kelly Krugman. Sie ist eine jener Kulturschaffenden, die eine transkulturelle Sprache sprechen, ohne sie aufzudrängen. Ihre „Führung“ durch die Ausstellung, die hier jenseits des westlichen Kanons schillert, beschreibt eine für manche Gäste ungewohnte Perspektive. Vor dem Kunstwerk Fabricated Anthropology, das der kamerunische Künstler Adjani Okpu-Egbe auf eine Flügeltür gemalt hat, bleibt Krugman stehen. Leise, zwischen den Zeilen, ordnet sie das gemalte Blut, das an seinem Werk klebt, einer ausbeuterischen westlichen Moderne zu, um die es im Savvy häufig geht. Und sie erklärt, wie die „Pathologisierung der anderen“ – das Thema der Gruppenausstellung Ultrasanity – diese Moderne überhaupt erst möglich gemacht hat.

M’barek Bouhchichis Terrakotta-Skulpturen aus der Installation Terre 2 in der Ausstellung „Ultrasanity“ (Savvy Contemporary), Berlin 2019. Copyright: Amine Oulmaki

Krugman erzählt von der problematischen Abgrenzung zwischen „Kranken“ und „Gesunden“, die in vielen Kolonien perfektioniert wurde und bis heute im Umgang mit Geflüchteten und Migrant*innen weltweit greift. Ihr Beispiel des französischen Ethnopsychiaters Antoine Porot ist nur eines von vielen. Während seiner Arbeit in Algerien kam er vergangenes Jahrhundert zu dem Schluss, dass die Bewohner*innen des Landes nicht nur psychisch labil, sondern allesamt auch kriminell veranlagt seien. Man braucht wenig Phantasie, um rassistische Zuschreibungen der Gegenwart darin zu erkennen.

Als ich aus verschachtelten Galerieräumen ans Tageslicht komme, scheint die Vielfalt der künstlerischen Perspektiven für den Moment mit dem Straßenpanorama zu verschmelzen. Noch ein paar translokale Durchgangsstädter*innen im Galerie‑Umfeld, Migrant*innen in dritter oder vierter Generation, die lässig zwischen Zughörigkeitscodes wechseln. Dann nur noch Häuserblocks mit Sozialwohnungen. Etliche Menschen leben in diesen Wohnungen, die für die gefühlte Fremde im Land verantwortlich gemacht werden. Menschen, die weder Raum noch Möglichkeiten haben, dem etwas entgegenzusetzen. Sie leben mitten in einer Gesellschaft, die ständig unterwegs ist und das Unbekannte vor der eigenen Haustür doch nur zähneknirschend erträgt.

Ich zähle auf die neuen Fremdenführer*innen in uns allen. Vielleicht begegnen wir uns doch.

Elisabeth Wellershaus
ist Autorin und Journalistin. Sie arbeitet als Redakteurin für das Kunstmagazin „Contemporary And“, ist Mitglied der Redaktion von „10 nach 8“/ZEIT ONLINE und Mitbegründerin der Initiative „WIR MACHEN DAS“. Sie schreibt regelmäßig über Kunst, Migration und die afrikanische Diaspora.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
März 2020

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