Alternatives Entwicklungsmodell Mexiko und die Kreislaufwirtschaft: Herausforderungen und Chancen

Vögel auf einer Müllhalde
8.600 Tonnen werden täglich auf Müllhalden in Mexiko-Stadt, wie dieser in Nezahualcoyotl, gebracht und nur 1.900 Tonnen werden recycelt. | Foto (Detail): Daniel Aguilar © picture alliance/reuters

​Um Städte nachhaltig zu entwickeln, ist eine Strategie vonnöten, die eine Zukunft mit mehr Gleichberechtigung und Umweltverantwortung ermöglicht. Was Kreislaufwirtschaft ist und warum sie ein gangbares und notwendiges Modell für Megastädte wie Mexiko-Stadt darstellt.

Von Cristina Ayala-Azcárraga

75 Prozent aller Treibhausgase entstehen in Städten. Städte verbrauchen etwa vier Fünftel der natürlichen Ressourcen und produzieren die Hälfte des gesamten Mülls der Erde. Das hat schwerwiegende Auswirkungen auf die Umwelt und beeinträchtigt das Wohlbefinden der Einwohner*innen. Deshalb wird nach alternativen Entwicklungsmodellen für Städte gesucht, die vor allem die Umweltverschmutzung verringern sollen. Aber in vielen Fällen hat die dominierende Linearwirtschaft ihre Hoffnungen in die Technologie gesetzt und sieht diese als ein Patentrezept an: indem sie Ressourcen effizienter nutzt, ohne dass wir unsere Produktions- und Konsummuster grundlegend verändern müssen, sodass wir also weiterhin Ressourcen abbauen, um sie am Ende wegzuwerfen. Diese Sichtweise scheint ökologisch zu sein, greift aber in der Praxis – angesichts der enormen sozioökologischen Krise, in der wir uns befinden – zu kurz.   

Dahingegen hat die Kreislaufwirtschaft (KW) sich nach und nach den Ruf erworben, eine Form zu sein, die von linearen Produktions- und Konsummodellen, die Ressourcen verschwenden und zu Abfall umwandeln, wegführt. Das Konzept der Kreislaufwirtschaft sieht vor, Materialien und Produkte so lange wie möglich wertzuschätzen, fördert einen Wandel hin zu erneuerbaren Energien und begünstigt eine Senkung der Produktionskosten, anstatt den Wert durch das Entstehen von Müll schnell zu zerstören. Das Modell der Kreislaufwirtschaft regt dazu an, über den Besitz hinauszudenken, indem finanzieller Nutzen durch Dienstleistungen und die Vermietung von Produkten geboten wird. Der Ellen MacArthur Foundation zufolge, könnten durch die Anwendung der KW in Industrie und Landwirtschaft bis zum Jahr 2050 mehr als neun Milliarden Tonnen Treibhausgase eingespart werden.  

Die Anwendung dieser Kreislaufidee macht Hoffnung. Doch die Durchführung stößt noch auf große Herausforderungen, insbesondere in Lateinamerika, wo bislang erst wenige Länder begonnen haben, in Kreisläufen zu denken. So produziert Mexiko-Stadt riesige Mengen an Hausmüll: 8.600 Tonnen werden täglich auf Müllhalden gebracht und nur 1.900 Tonnen werden recycelt. Daher ist es dringend notwendig, Herausforderungen und Chancen dieser Riesenstadt zu analysieren.  

Zu den dringlichsten Herausforderungen gehören folgende:  

Zusammenarbeit  

Ein grundlegender Bestandteil der KW ist die Zusammenarbeit von Akteur*innen auf verschiedenen Ebenen. So müssen auf der Makroebene die Regierungen Anreize dafür schaffen, dass den großen Industriezweigen aus dem Übergang zum Kreislaufmodell Vorteile entstehen. Auf der Mikroebene müssen Unternehmer*innen und Zivilgesellschaft das Ruder in Richtung eines umwelttechnisch verantwortungsvolleren Modells lenken. Dieses notwendige Zusammenspiel birgt ein Risiko, insbesondere in Ländern wie Mexiko, in denen von einem alarmierend niedrigen Vertrauen in die Institutionen berichtet wird. Nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist dieses Misstrauen in der Bevölkerung im vergangenen Jahrzehnt gestiegen. Das hat zu einer Abkopplung geführt, durch die der gesellschaftliche Zusammenhalt gefährdet und das – für die Zusammenarbeit innerhalb der KW unersetzliche – soziale Gefüge geschwächt werden.  

Paradigmenwechsel 

Wie bei jedem großen Wandel liegt eine der entscheidendsten Herausforderungen im Paradigmenwechsel, den es bedeutet, von der Vorstellung eines unendlichen Wirtschaftswachstums loszukommen. Diese Vorstellung ist auf allen Ebenen verwurzelt, sowohl bei den Entscheidungsträger*innen als auch bei den Bürger*innen. Der Übergang zu umweltfreundlicheren Konsummodellen, um die Kreislaufidee zu fördern, bringt es mit sich, dass wir unsere Vorstellung von Entwicklung ändern und ein neues Verhältnis zu Produkten aufbauen müssen. Unsere Vorstellung von Fortschritt, Erfolg und Glück darf nicht länger daran gekoppelt sein, Konsumgüter zu erwerben.  

Auf der Regierungsebene geht dieses Umdenken noch tiefer. Durch die lineare Sichtweise, die in den vergangenen Jahrzehnten hinter Entscheidungen stand, ist Mexiko-Stadt „autozentriert”: Priorität hatten das Anlegen von Verkehrswegen und der Bau zweiter Stockwerke für Autos auf Umgehungsstraßen, anstatt die Mobilität der Menschen zu fördern. Wenn wir eine kreislaufförmige Stadt erreichen möchten, dann ist es unerlässlich, Anreize für die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zu schaffen, um den enormen Ressourcenaufwand zu vermeiden, der daraus entsteht, dass jede Familie ein eigenes Auto hat (oder haben möchte).  

Die extraktive Sichtweise, auf der die Linearwirtschaft beruht, hat ebenfalls dazu geführt, dass Mexiko weiterhin auf die Ölindustrie setzt und diese durch den Bau von Raffinerien stärkt. Ein Grundprinzip der KW ist die Einbeziehung erneuerbarer Energien, und Mexiko verfügt über Solar- und Windressourcen, die ihm dazu verhelfen können, seine Energiematrix zu diversifizieren. Die Förderung dieser Energiearten sorgt nicht nur für eine zukunftsfähigere Wirtschaft, sondern schafft auch neue Quellen für nachhaltige Entwicklung. An diesem Punkt ist es wichtig anzuerkennen, dass saubere Energien zwar unabdingbar sind, um Umweltschäden zu verringern, die durch die brennstoffbasierte Energieerzeugung entstehen. Gleichzeitig wäre es aber naiv, unsere Hoffnungen darauf zu konzentrieren, dasselbe verschwenderische Produktionsmodell ökologisch effizienter zu gestalten. Vielmehr müssen saubere Energien in eine kreislaufartige Sichtweise einbezogen werden, die die Art, wie wir uns entwickeln, komplett umstrukturiert.  

Gesetzgebung  

Die Müllpolitik in Mexiko-Stadt zielt mit dem Verbot, Plastiktüten zu vermarkten, auszuhändigen oder zu vertreiben, auf Prävention und Vermeidung ab. 2021 soll diese Maßnahme auf Wegwerfartikel aus Plastik wie Besteck, Trinkhalme, Becher, Deckel oder Luftballons ausgeweitet werden. Auf diese Weise soll weniger Müll entstehen, der gelagert, abgefahren, verarbeitet und aufbereitet werden muss. Zugleich wird in der Gesellschaft eine Kultur gefördert, in der tägliche Gebrauchsgegenstände mehrmals verwendet werden.  

Internationale Erfahrungen haben jedoch gezeigt, dass Strafstrategien nicht immer zu einer Müllverringerung führen. So ist beispielsweise in Kalifornien nach dem Verbot von Plastiktüten der Verkauf von Müllbeuteln aus Plastik in hohem Maße gestiegen. Es stimmt zwar, dass wir nicht weiterhin für wenige Minuten Materialien verwenden dürfen, deren Abbau Hunderte von Jahren dauert. Aber es ist nicht klar, ob uns diese Maßnahmen wirklich einer kreislaufartigen Stadt näherbringen, in der sich verschiedene Sektoren gemeinsam dafür verantwortlich fühlen, Müll zu recyclen. Wenn derartige Maßnahmen nicht bindend sind und durch weitreichende Verantwortung Anreize für ein Kreislaufsystem schaffen, können sie sich als unzureichend erweisen, um den Übergang zu fördern.   

Sicherlich gibt es viele weitere Herausforderungen für Mexiko-Stadt, beispielsweise die enorme Einwohner*innenzahl und die sich stetig verändernde Bevölkerung, die für ein Kreislaufsystem notwendige Infrastruktur oder die politische und wirtschaftliche Instabilität. Dadurch wird es schwierig, zu einer langfristigen Vision für das Abfallmanagement zu gelangen. Das latente Korruptionsproblem, das Mexiko leider schon seit Jahrzehnten kennzeichnet, macht all das noch schlimmer. Dennoch lohnt es sich, die Chancen herauszuarbeiten, die die KW zu bieten hat.  

Zu den besten Beispielen hierfür gehört die Schaffung von Arbeitsplätzen. Durch Initiativen für nachhaltige Entwicklung und KW können in Querschnittssektoren wie Forschung, Ingenieurwesen, Bau, Wasserreinigung, Mobilität, Biotechnologie, Umweltwissenschaften, Informatik und weiteren Fachbereichen neue Arbeitsplätze entstehen. Allein zwischen 2012 und 2018 wurden in der Europäischen Union vier Millionen mit Kreislaufwirtschaft zusammenhängende Arbeitsplätze geschaffen. Der Wirtschaftskommission für Lateinamerika und die Karibik (ECLAC) zufolge könnten in dieser Region durch KW bis zum Jahr 2030 weitere 4,8 Millionen Arbeitsplätze entstehen. 

Die Regierung von Mexiko-Stadt hat Projekte wie den Warentauschmarkt auf den Weg gebracht, die sich als hochgradig erfolgreich erwiesen haben. Hier können Bürger*innen ihre Abfälle mit Recyclingpotenzial gegen lokale landwirtschaftliche Produkte eintauschen. Durch dieses Programm werden jährlich 60 Tonnen lokale Produkte verteilt, kurze Transportwege von Betriebsmitteln gefördert und es wird vermieden, dass diese Abfälle auf Müllhalden landen, in denen sie erst in Hunderten von Jahren abgebaut würden.    

Um Städte nachhaltig zu entwickeln, ist eine Strategie vonnöten, die eine Zukunft mit mehr Gleichberechtigung und Umweltverantwortung ermöglicht. In diesem Sinne entwickelt und positioniert sich die Kreislaufwirtschaft zunehmend als eine gangbare Möglichkeit. Damit daraus aber eine Wirklichkeit wird, muss hinausgehend über die angeführten Herausforderungen berücksichtigt werden, wie komplex die sozioökologischen und politischen Zusammenhänge sind und dass alle Akteur*innen den Systemwandel mittragen, den die Kreislaufwirtschaft darstellt.