Animistische Spiritualität der Sámi Klimawandel als spirituelle Krise

Im Schnee liegt eine traditionelle samische Haube, eine „gahpir“.
Der Klimawandel stellt die zukünftigen Lebensgrundlagen der Samen, ihre Spiritualität und das Wohlergehen der arktischen Umwelt grundlegend infrage. | Foto (Detail): Helga West

Wenn man mit Sámi spricht, scheint es, dass für viele von ihnen ein gutes Leben mit einer intakten Umwelt verbunden ist. Im Mittelpunkt dieses Textes stehen die Indigene Spiritualität der Sámi und ihre Perspektiven in Hinblick auf die Umwelt, den Tod und den Klimawandel.

Von Helga West

Viele Indigene Völker haben heute hoch spezialisierte Wissenssysteme. Um zu lernen, wie man diese nuancierten Wissenssysteme interpretieren kann, muss man in diese Kulturen hineinwachsen. Diese Informationssysteme beinhalten vererbtes lokales Wissen über die Umgebungen und wie man darin zurechtkommt. Man kann sagen, dass die Indigene Spiritualität der Sámi zu ihrem Erfolg beim Fischen und Jagen und damit zu einem breiteren Verständnis des guten Lebens beiträgt. Das Verständnis eines guten Lebens ist also an die Existenzgrundlage gebunden, und diese wiederum ist an die Umwelt gebunden.

Die Sámi sind als Indigene Völker in Finnland, Norwegen und Schweden anerkannt. Über diese nordischen Länder hinaus leben die Sámi auch in Russland. Indigen bedeutet, dass die Sámi traditionelle Lebensweisen und Gesellschaftsformen aus der Zeit vor der Entstehung der heutigen Staaten haben.

Wie lässt man sich in einer Umgebung nieder, die bereits bewohnt ist?

Betrachtet man die Indigene Spiritualität der Sámi, wie sie von ihnen selbst geschildert wird, kann man zu dem Ergebnis kommen, dass sie durchweg animistisch ist. Animismus bezieht sich auf eine Lebensauffassung, in der verschiedenen Wesen und Formen in der Umgebung, wie z. B. Tieren, Erdgeistern und Fellen, eine eigenständige Subjektivität zugeschrieben wird. Diese animistische Betonung spiegelt sich auch stark in den aktuellen Darstellungen der Sámi wider, wie man sich verhält, mit der Umwelt zurechtkommt und diese verhandelt.

Wenn aber jede Umgebung aus verschiedenen Arten von Wesen besteht, bedeutet dies, dass die Sámi auf irgendeine Weise danach streben müssen, so zu leben, dass auch andere Akteur*innen als nur Menschen in Betracht gezogen werden. In der Lebensauffassung der Sámi ist die Umwelt kein leeres Naturressourcen-Ziel, von dem man sich etwas nimmt. Stattdessen bitten die Sámi für ihr eigenes ökologisches Überleben um Erlaubnis, wenn sie in der Natur siedeln. Beispielsweise kann ein Sámi um Erlaubnis bitten, einen bestimmten Baum zu fällen, Fische aus einem See zu fangen oder draußen in der Natur zu übernachten, um sich zu vergewissern, dass er oder sie nicht die Wege der Erdgeister stört, wenn man sich in diesem Gebiet aufhält. Die Frage ist aber: Wie lässt man sich in einer Umgebung nieder, die bereits bewohnt ist?

Enge Beziehungen mit Tieren stehen in Konflikt mit Töten und Sterben

Ohne die Spiritualität der samischen Ureinwohner zu romantisieren, deuten mehrere historische und zeitgenössische Quellen wie Tore Johnson, Nils Oskal oder Juha Pentikäinen die Beziehung der Sámi zur Umwelt als eine, die den Menschen als Herrn der Schöpfung als Weltanschauung infrage stellt.

Die Beziehung zu Tieren ist in den samischen Kulturen traditionell eng. Diese enge Beziehung ist besonders ausgeprägt in der Kultur der Rentierhaltung. Bevor die Rentierzucht motorisiert wurde, war der Hütehund für den Rentierhirten ein enger Partner. Doch die Beziehung zwischen einem Rentierzüchter und einem halbzahmen Rentier endet mit einem gewaltsamen Tod, dem Töten des Rentiers.
Eine Hand hält eine kleine Schwanfigur. Der Schwan hat viele symbolische und spirituelle Bedeutungen in den samischen Kulturen. | Foto (Detail): Helga West Der Akt des Tötens scheint eine Art traumatisches Paradoxon in der animistischen Weltanschauung zu sein, nämlich der Widerspruch, dass das eigene Wohlbefinden das Ende des Lebens eines anderen Wesens erfordert. Daher ist in der samischen Spiritualität das Töten eines Tieres eine radikale Veränderung im Machtverhältnis zweier Wesen.

Nach pessimistischsten Prognosen werden Rentiere aus der Arktis verschwinden

Für die Sámi ist die Klimakrise eine Frage des absoluten Todes, des Ausnahmezustands ihres Lebens. Der Klimawandel, also die globale Erwärmung, als Folge menschlicher Aktivitäten und die daraus resultierenden unkontrollierten Veränderungen der Umwelt, haben bereits die Lebensgrundlagen der Sámi und damit ihre Existenz grundlegend bedroht. Das zeigen beispielsweise Studien über Stress, die psychische Gesundheit und die Sorge der Rentierzüchter um den Fortbestand ihrer eigenen Kultur.

Nach den pessimistischsten Prognosen der Forschung werden die Rentiere aufgrund der globalen Erwärmung aus der Arktis verschwinden. Jahrhundertelang gehörten Rentiere zu den wenigen Säugetieren, die sich dem kalten arktischen Klima anpassten. Daher können sie auf lange Sicht nicht mit der globalen Erwärmung zurechtkommen, denn durch den Klimawandel sind die Tiere unter anderem Bedrohungen wie Krankheiten ausgesetzt.

Auch die Lachsbestände sind bedroht. Im April 2021 gab die finnische Regierung bekannt, dass die Lachsfischerei in den Gewässern des Tenojoki ab 2021 komplett verboten wird. Grund ist der plötzliche Rückgang der Lachsbestände, den man bei einem Monitoring feststellte. Weniger Gewässer und rapide Veränderungen der Wassertemperatur haben einen direkten Einfluss auf die Lachsbestände.

Der Tod der arktischen Spezies – stirbt auch das Leben der Sámi?

Meine Frage lautet: Was wird vom Leben der Samen noch übrigbleiben, wenn Rentiere und Lachse aus der samischen Kultur verschwinden? Wie wird es sich auf das materielle Leben der Sámi auswirken, auf die Essgewohnheiten und die traditionelle Bekleidung? Was ist mit dem immateriellen Leben wie Sprachen, Wissenssysteme und Spiritualität? Das mögliche Verschwinden der arktischen Spezies stellt eine absolute Bedrohung jeglichen Sámi-Lebens dar. Somit ist die Klimakrise eine ultimative Notlage für die menschliche Existenz im Norden und die anderen Lebensformen, deren Anzeichen bereits an vielen Stellen im Land der Sámi aufgetreten sind.

Die Klimakrise offenbart in ihrer tiefsten Natur ein ultimatives Versagen im intellektuellen und spirituellen Erbe der Menschheit. Somit ist der Klimawandel eine zutiefst spirituelle Krise. Ich würde vorschlagen, dass die animistische Spiritualität der samischen Ureinwohner die mechanistische Weltanschauung von Menschen, Tieren und der Umwelt und ihre symbiotische Beziehung sowie ihr Wohlbefinden herausfordert.

Es bleibt die Frage: Welche Bedeutung messen wir den lokalen Wissenssystemen bei?