Comicserien Die Faszination der Sprechblase

Hergé und Raymond Leblanc
Hergé und Raymond Leblanc, der Gründer der Zeitschrift „Tintin“ (Foto der Fondation Raymond Leblanc) | © Foto: Fondation Raymond Leblanc

Bildergeschichten mit wenig Text für lesefaule Kinder? Von wegen! Europäische Comics setzten als erste weltweit erfolgreich auf Fortsetzung. Von Belgien aus über Frankreich gewannen die Comicserien viele Fans – und hängen längst auch im Museum. In Deutschland erschien zeitweise sogar ein europäisches Comicmagazin.

Der Mann, der vor der Tür stand, war Raymond Leblanc, ein heldenhafter Widerstandskämpfer. Er hatte große Pläne. Zusammen mit einigen Teilhabern wollte er einen Verlag gründen, und eine Zeitschrift für Kinder würde sich gut in seinem Portfolio machen.
 
Im Haus, an dessen Tür er klingelte, wohnte Georges Rémi – ein Comiczeichner, der unter dem Pseudonym Hergé bekannt war. Da Hergé während des Zweiten Weltkriegs mit dem NS-Regime kollaboriert hatte, verlor er seine Bürgerrechte. Er durfte eigentlich keine Comics mehr veröffentlichen, doch der Widerstandsheld Leblanc hatte einen Vorschlag: Er würde dafür sorgen, dass Hergé rehabilitiert würde, und im Gegenzug sollte Hergé sich dazu verpflichten, seine Comics fortan auf den Seiten der Zeitschrift zu veröffentlichen, die Leblanc gründen wollte.
 
Und wie es dann so schön heißt: Der Rest ist Geschichte.
 
Kurz zuvor hatte Hergé noch überlegt, für ein anderes Comicheft zu arbeiten, Spirou (im Niederländischen Robbedoes), das bereits vor dem Krieg vom katholischen Dupuis-Verlag ins Leben gerufen wurde. Aber Leblancs Vorschlag war viel attraktiver, da das Heft nach Hergés wichtigster Figur benannt werden sollte: Kuifje/Tintin, im deutschsprachigen Raum als Tim von Tim und Struppi bekannt.

Jean Graton, der geistige Vater von Michel Vaillant Jean Graton, der geistige Vater von Michel Vaillant, unterzeichnet seine Bücher im Jahr 2007. | © Foto: Bart Van der Moeren / Stripgids In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg war die Nachfrage nach Belustigung in gedruckter Form enorm. Schnell war klar, dass der belgische Markt groß genug für zwei Jugend-Zeitschriften mit Comicserien war. In den darauffolgenden Jahren sollten zahlreiche zu Klassikern gewordene Figuren der Comicgeschichte auf den Seiten von Kuifje/Tintin und Robbedoes/Spirou zu Leben erwachen: Lucky Luke, die Schlümpfe, Buck Danny (zunächst auf Deutsch auch Rex Danny), Gaston, Blake und Mortimer sowie Corentin … und natürlich die Helden, die den Zeitschriften ihre Namen gaben: Kuifje/Tintin und Robbedoes/Spirou. Die Zeitschriften erfreuten sich schon bald größter Beliebtheit, erst im eigenen Land, später auch im Ausland. 

Brüssel wird zur Comic-Hauptstadt

Französische Comiczeichner wie Jean Graton (Michel Vaillant), Jacques Martin (Alix) sowie René Goscinny und Albert Uderzo (die später Asterix ersinnen sollten) kamen nach Belgien, um ihr Brot zu verdienen und diesen Stil zu erlernen. Wer auf zeichnerische Weise Geschichten erzählen wollte, kam um Brüssel nicht herum.

Fast zwei Jahrzehnte lang sollte Brüssel das Zentrum des europäischen Comics bleiben.
 
Später wurde auch Frankreich immer wichtiger, vor allem nach Einführung des Jugendmagazins Pilote (in dem unter anderem Asterix und Leutnant Blueberry ihr Zuhause fanden). Immer häufiger wurde vom französisch-belgischen Comic gesprochen. Weltweit wurden Lizenzen für die Übersetzungen der Comics verkauft, die in den verschiedensten Ländern auch als Serien in Zeitungen und Zeitschriften erschienen.

Deutschland steigt in den Comic-Markt ein

Der deutsche Koralle-Verlag (eine Tochtergesellschaft des Axel-Springer-Konzerns) gab ab 1972 das Wochenblatt Zack heraus: mit Comics, die von den drei Zeitschriften aus Belgien und Frankreich eingekauft wurden.
 
Doch dem Koralle-Verlag und Axel Springer genügte das nicht. Ab 1978 versuchte der deutsche Herausgeber, die Rollen umzukehren. Französische und belgische Comiczeichner vor allem von Kuifje/Tintin und Pilote wurden mit dem Ziel abgeworben, deren Comics fortan selbst an andere zu veräußern und auf diese Weise viel mehr Geld verdienen zu können.
 
Schon bald erhielt Zack ein französischsprachiges (Super As) und ein niederländisches Pendant (Wham!) und erschien außerdem auch in Dänemark und in Finnland. Der Geschäftsplan war ehrgeizig. Zu ehrgeizig. Denn 1980 wurde die Comiczeitschrift als internationale Publikation wieder eingestellt, da die Produktionskosten nicht gedeckt werden konnten.

Comic-Branche gerät unter Druck

Die französischen und belgischen Comicmagazine hatten schon länger mit Schwierigkeiten zu kämpfen, und nun wusste Axel Springer auch, warum: Durch das Aufkommen des Fernsehens gerieten die Comicblätter unter großen Druck, und die Auflagen fielen in den Keller. Zack sollte der wohl letzte Versuch sein, eine große europäische Comiczeitschrift zu schaffen. Spirou besteht noch heute, aber nur noch in seiner französischen Fassung. Alle anderen großen Comicmagazine waren aufgrund der rückgängigen Auflagen nicht überlebensfähig.
 
Aber die Helden, die auf den Seiten dieser Hefte das Licht der Welt erblickten, sind noch immer quicklebendig und zählen mittlerweile zum europäischen Kulturerbe. Ihnen sind Vergnügungsparks geweiht, ihre Abenteuer wurden verfilmt, sie sind die Hauptakteure in Games, und die Originalzeichnungen – die einst für Kinderzeitschriften entworfen wurden – hängen in Museen für zeitgenössische Kunst.   
Kunst, Literatur und Sprache

Ein Beitrag aus Belgien

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