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Fotoreportage Marseille

Von Caroline Lessire

Marseille

Marseille gilt als einzigartig, extrem und randständig. Die Stadt wird als arm, gefährlich und weltoffen beschrieben. Ihre provenzalische Sprachfärbung wird besungen, ihr rebellischer Geist bewundert, ihre Korruption verschrien. Immer wieder muss Marseille als Laboratorium für fragwürdige politische Experimente herhalten. Ein anderes Bild ist das einer bedeutungslosen Stadt, spätestens seit dem Niedergang der Industrie und der Hafenaktivität, dem somit eingebüßten Weltstadt-Status und seitdem Marseille, seit den siebziger Jahren, am Tropf der Verwaltung hängt. Heute geht ein Großteil der Warentransporte nicht mehr nach Algier, Tanger oder Bastia, sondern nach Paris, wie bei jeder herkömmlichen Provinzstadt. Selbst innerhalb der Region spielt sie nicht mehr die Rolle eines Anziehungspunktes: Aix, Avignon, Fos-sur-Mer und Vitrolles sind mindestens genauso wichtig.  

Doch wer Marseille entdeckt, versteht schnell, dass sich die Stadt nicht auf Klischees und die „Banalität“, die ihr einige Experten nachsagen, reduzieren lässt. Politisches Laissez-faire, die lange Handels- und Einwanderungsgeschichte, die Allgegenwärtigkeit des Meeres, schwerwiegende soziale Unterschiede, der Akzent und die Sonne reichen nicht aus, um zu erklären, wie die Stadt tickt und warum sie immer wieder eine so große Anziehungskraft entwickelt. Marseille bedeutet all das: Ein ermattendes Chaos, ein gleißendes Licht, eine traditionsreicher Hutmacher neben einem Fast-Food-Restaurant, eilige Passanten in Schwimmhosen, kaum miteinander kommunizierende Stadtviertel, liebenswerte Großmäuler, eine nicht vorhandene Verkehrsordnung, Schulen die wie Schwimmbäder anmuten, ein undurchdringbares Mysterium.

Aber die Besonderheit, die ihr keiner absprechen kann, ist dass Marseille nicht wie andere westliche Großstädte die Rückkehr ins Stadtzentrum der Mittel- und Oberschicht erlebte, die in den 60ger Jahren in die Vorstädte gezogen waren. So setzt sich der Stadtkern heute durch eine bunte und vielschichtige Bevölkerung zusammen, die nicht etwa nebeneinander her lebt, sondern in denselben Wohnhäusern wohnt, auf denselben Märkten einkauft und sich für einen Plausch auf der Straße trifft. Wie lange noch, für welchen Preis und unter welchen Bedingungen? Diese Fragen stellen sich die Bewohner Marseilles seit dem 5. November mit neuer Dringlichkeit, als drei Wohnhäuser zusammenstürzten, acht Menschen ums Leben kamen und eine tiefgreifende Krise losgetreten wurde, die die Wohnungspolitik, das Untätigkeit der Behörden und das Vertrauen in die Institutionen infrage stellte.
 
  • Ein kleiner Hafen mit einer langen Fischereitradition © Caroline Lessire
    Abseits des Trubels im Stadtzentrum ist es der Vallon des Auffes, ein kleiner Hafen mit einer langen Fischereitradition, der besonders sinnbildhaft für Marseille steht. Eingezwängt zwischen zwei Steilklippen scheint er das Bild einer Zeit zu spiegeln, die schon seit Hunderten von Jahren vorbei ist – aber immerhin sind da noch die modernen Häuser, die an seinen Rändern auftauchen.
  • Menschen am Meer © Caroline Lessire
    In der Nähe der Porte de L'Orient nutzen Einwohner*innen und Tourist*innen jedes noch so kleine Stückchen Fels, um in der Nähe des Meeres ihre Freizeit verbringen zu können. An diesen Orten, die sich zum Meer hin öffnen, mischt sich die Bevölkerung der Stadt. Das ist an den Stadtstränden nicht anders.
  • Ein Auto, das mitten auf der Straße abgestellt wurde. © Caroline Lessire
    Ein Auto, das mitten auf der Straße abgestellt wurde: eine klassische Straßenansicht in Marseille, wo das Parken ein Sport ist, der von der gesamten Stadtbevölkerung ausgeübt wird.
  • Noailles in Marseille © Caroline Lessire
    Als Stadtviertel mit dem Spitznamen «Der Bauchnabel von Marseille» ist Noailles ein Multikulti-Viertel. Man lebt hier im Rythmus der Geschäfte: zwischen Marktständen, nordafrikanischen Lebensmittelläden und Cafés, Friseuren, Kosmetiksalons und westafrikanischen Kunsthandwerkern. Der Obst- und Gemüsemarkt von Noailles ist zwischenzeitlich an einen anderen Ort verbannt worden – ein Entscheidung, die Teil des Sanierungsplans für das Stadtzentrum ist. Auch wenn die Bewohner*innen diesen Plan grundsätzlich gutheißen, regt sich doch die Befürchtung, dass die Bewohner*innen unter dem Deckmantel der Modernisierung aus ihrem so sehr im Herzen von Marseilles verankerten Viertel verdrängt werden, wie es in anderen ärmeren Gegenden der Stadt schon längst passiert.
  • Eine Frau und ihre Hunde beobachten im Stadtzentrum das Treiben auf der Straße. © Caroline Lessire
    Eine Frau und ihre Hunde beobachten im Stadtzentrum das Treiben auf der Straße.
  • Zwei junge Leute im Viertel Belle de Mai genießen den Nachmittag an ihrem Fenster. © Caroline Lessire
    Zwei junge Leute im Viertel Belle de Mai genießen den Nachmittag an ihrem Fenster.
  • Cours Julien / La Plaine © Caroline Lessire
    Cours Julien / La Plaine. Als Künstlerviertel bekannt ist La Plaine der Name, den die Leute der Gegend zwischen der Place Jean Jaurès und dem Cours Julien gegeben haben. Was früher das Viertel der Blumen- und Antikhändler war, ist heute ein guter Ort zum Müßiggang: mit vielen Buchhandlungen, Cafés, Märkten und Kinderspielplätzen. An den Wänden gibt es viele Graffitis zu entdecken, die die Atmosphäre im Viertel zu Ausdruck bringen (auf dem Bild hier ist Keny Arkana dargestellt, eine berühmte Protest-Rapperin aus Marseille). Seit Mitte Oktober 2018 haben in La Plaine mehrere Demonstrationen gegen die Stadterneuerungspläne stattgefunden.
  • Menschen kaufen frische Produkte aus ökologischer Landwirtschaft auf einem Wochenmarkt. © Caroline Lessire
    Cours Julien. Menschen kaufen frische Produkte aus ökologischer Landwirtschaft auf einem Wochenmarkt.
  • Cité radieuse - Le Corbusier © Caroline Lessire
    Nach mehr als 70 Jahren ist es immer noch faszinierend, was der Architekt Le Corbusier sich beim Entwurf seiner „Cité radieuse” – auch „Maison du Fada“ („Haus des Verrückten“) genannt – gedacht hat: Das Gebäude, das seinen Bewohner*innen “Glück bringen” sollte, verfügt in seinem Inneren über eine eigene Schule, eine Bibliothek und ein Hotel-Restaurant mit 21 Zimmern. Diese Stadt in der Stadt macht es Familien möglich, sich zu größeren Gemeinschaften zusammenzutun, und ist gleichzeitig das Vermächtnis der französischen Nachkriegssozialpolitik für die Städte.
  • Blick über die Stadt © Caroline Lessire
    Blick über die Stadt, von der Kirche Notre Dame de la Garde aus. Teils als Leuchtturm, teils als Festung, teils als heiliger Wallfahrtsort beschützt “Die gute Mutter” die Stadt. Seit Jahrhunderten kamen die Fischer hierher, um sich unter ihren Schutz zu stellen, und hinterließen auf den Mauern Schiffsreliquien.
  • Die Fischer vom Alten Hafen. © Caroline Lessire
    Die Fischer vom Alten Hafen. Am Quai de la Fraternité arbeiten die letzten Berufsfischer. Vom frühen Morgen bis zum Mittag kommen sie direkt nach ihrem nächtlichen Fischfang hierher, um die Früchte ihrer Arbeit zu verkaufen.
  • Die Fischer vom Alten Hafen. © Caroline Lessire
    Auch wenn viele Tourist*innen ihnen bei dieser Tätigkeit lieber nur zuschauen, gibt es hoffentlich immer noch genügend Berufstätige und Einwohner*innen, die treue Kund*innen sind. Seit vier Jahren verlangen EU-Regeln, dass Fischhändler den Namen der gefangenen Art auf Latein ebenso angeben wie die Methode und den Ort des Fangs. Eine Maßnahme, die die Fischer hier empört, denn sie empfinden diese Verordnung als unverhältnismäßig.
  • Eine junge Frau, die sich erst kürzlich selbständig gemacht hat. © Caroline Lessire
    Eine junge Frau, die sich erst kürzlich selbständig gemacht hat: Sie möchte am Alten Hafen ihr eigenes Geschäft aufziehen und wie die Älteren am Quai de la Fraternité den Fisch des Tages verkaufen.
  • Der Seehafen Marseille-Fos © Caroline Lessire
    Der Seehafen Marseille-Fos ist der größte Handelshafen Frankreichs. Mit seiner Ausdehnung von La Joliette bis nach L'Estaque bedeckt er ein Gebiet, das so groß ist wie ganz Paris, und schafft 45.000 Arbeitsplätze. Dank seiner geostrategischen Lage und seiner viergliedrigen Erschließung (Straße, Schiene, Fluss und Pipelines) ist er das südliche Tor nach Europa. In seinen Werften können Schiffsreparaturen durchgeführt werden. Der Hafen erfüllt die internationalen Standards, was Passagier-, Fähr- und Kreuzschifffahrt anbelangt. 2018 haben über 2,4 Millionen Passagiere den Hafen Marseille-Fos durchquert.
  • Familienmitglieder verabschieden sich voneinander, bevor ein Teil die Fähre in Richtung Nordafrika besteigt. © Caroline Lessire
    Familienmitglieder verabschieden sich voneinander, bevor ein Teil die Fähre in Richtung Nordafrika besteigt.
  • MuCEM in Marseille © Caroline Lessire
    MuCEM. Als Marseille 2013 europäische Kulturhauptstadt wurde, brachte das viel neuen Schwung in die Stadt: Museumsneubauten entstanden, wie das Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers oder die Villa Méditerranée. In diesem Zusammenhang wurde nach langer Zeit auch der Alte Hafen wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Das Viertel La Joliette wurde durch den Bau eines Shoppingcenters auffällig umgestaltet. Während all dies durchaus dazu beigetragen hat, das Image der Stadt zu verbessern, weisen einige auf den offenkundigen politischen Willen hin, den sowieso schon laufenden Gentrifizierungsprozess noch zu beschleunigen – vor allem durch das Euromed-Projekt, das die Innenstadt neuen Bewohner*innen mit größeren Geldbeuteln erschließen soll. Die unteren Schichten werden derweil immer weiter hinter die Stadtgrenze abgeschoben.
  • Eines der ältesten Stadtviertel von Marseille © Caroline Lessire
    Le Panier („Der Korb“) ist aufgrund seiner steilen Straßen und abschüssig gelegenen Gebäude zu seinem Namen. Es ist eines der ältesten Stadtviertel von Marseille, in dem früher alle Neuankömmlinge untergebracht wurden. In den 1940er Jahren lebten in dem Viertel ca. 50.000 Menschen aus aller Herren Länder. Mittlerweile hat Le Panier sich von seiner Geschichte entfernt und ist primär als eine Touristenattraktion bekannt, voller teurer Cafés und Boutiquen. Langansässige Bewohner*innen dieses Viertels sehen sich heute mit den Konflikten der Raumaneignung konfrontiert, die mit den neuen Bewohner*innen aufgetreten sind. Tatsächlich ist der Grunderwerb in diesem Bezirk vom Tourismusboom angeheizt worden, welcher wiederum im Zusammenhang steht mit dem Erfolg der französischen TV-Serie „Plus belle la vie“, in der Le Panier das schmückende Beiwerk war. Aber auch die Nähe zum MuCEM trägt dazu bei.
  • Vom Bus aus schaut eine Frau hinaus auf die Stadt. © Caroline Lessire
    Vom Bus aus schaut eine Frau hinaus auf die Stadt. Der öffentliche Nahverkehr zwischen dem Nord- und dem Südteil der Stadt ist immer noch schwierig, weswegen sich das Stadtzentrum, wenn man von Norden kommt, nur sehr umständlich erreichen lässt.
  • Kinder spielen auf den Straßen des Viertels Belle de Mai. © Caroline Lessire
    Kinder spielen auf den Straßen des Viertels Belle de Mai. Hier laufen sie hinter einem unsichtbaren Ball her.
  • Männer kommen im Viertel Belsunce nach dem Freitagsgebet aus der Moschee. © Caroline Lessire
    Männer kommen im Viertel Belsunce nach dem Freitagsgebet aus der Moschee.
  • Ein ruhiger Spätnachmittag, den die Menschen draußen verbringen. © Caroline Lessire
    Ein ruhiger Spätnachmittag, den die Menschen draußen verbringen, in Gespräche vertieft. Belsunce ist als Viertel noch sehr proletarisch und kosmopolitisch, liegt aber direkt neben Le Panier, dem Stadtzentrum und dem Alten Hafen.
  • La Friche in Belle de Mai. © Caroline Lessire
    La Friche in Belle de Mai. Als Ort der Kreativität und Innovation liegt La Friche im Herzen des beliebten Viertels Belle de Mai. In diesem öffentlichen Raum, der wirklich allen offensteht, gibt es einen Spielplatz sowie Sportstätten, Konzertsäle, Gemeinschaftsgärten, einen Buchladen, eine Kita, ein Trainingszentrum etc.
  • Porträt des Betreibers eines Schuhreparatur-Ladens. © Caroline Lessire
    Chaussures Aimé. Porträt des Betreibers eines Schuhreparatur-Ladens, der auf große Größen spezialisiert und seit über 30 Jahren im Viertel Belsunce ansässig ist.
  • Pétanque-Meisterschaft im Parc Borély. © Caroline Lessire
    Pétanque-Meisterschaft im Parc Borély. Hier wird alljährlich die «Mondial de La Marseillaise de la Pétanque» veranstaltet, bei der viele Mannschaften um den Pokal kämpfen. Der Wettbewerb ist gemischt, steht allen offen, egal ob mit Vereinszugehörigkeit oder nicht, eine Altersbeschränkung gibt es nicht, jedes Team besteht aus drei Spieler*innen, und gespielt wird auf zwanzig im Parc Boréli verstreut liegenden Plätzen. Bei der 57. Ausgabe der Meisterschaft kamen 12.000 Spieler*innen aus Frankreich und 20 anderen Ländern nach Marseille. Viele reisen mit Freunden oder Familie an und sehen den Wettkämpfen in aller Ruhe zu. Die besten Spieler*innen stehen Schulter an Schulter mit Unbekannten, die Fans treffen auf Spieler*innen mit allen möglichen Hintergründen, Lebensgeschichten und jeden Alters.
  • Die Roller von Marseille. © Caroline Lessire
    Die Roller von Marseille. Nach einem Nachmittag am Strand das große Freiheitsgefühl der Teenager. Was wäre die Stadt ohne ihre so urbanen Motorroller?
  • Rami Spieler spielen ihr Lieblingsspiel © Caroline Lessire
    Nur einen kleinen Spaziergang entfernt vom neuen Museum für Zeitgenössische Kunst haben diese leidenschaftlichen Spieler im südlichen Teil der Stadt, weit weg vom Stadtzentrum, eher wenig Sinn für die Kunst, sondern mehr für die Ruhe des Ortes.
  • Plage des Catalans. © Caroline Lessire
    Plage des Catalans. Marseille hat mehrere Strände: Catalans, Prophètes, Corbières und Pointe-Rouge. Hier am Plage des Catalans genießen die Menschen das Meer und den warmen Abend und verbringen Zeit mit Freunden und Familie. Am Strand mischen sich alle Menschen der Stadt. Zurzeit steht jedoch das Vorhaben im Raum, 20% des Strands zu privatisieren, was wiederum Widerspruch von diversen Gruppierungen und Organisationen hervorruft, die sagen, dass der Zugang zur Küste nicht privatisiert werden darf.
  • Porträts junger Menschen am Plage des Catalans. © Caroline Lessire
    Porträts junger Menschen am Plage des Catalans.
  • Plage des Catalans. © Caroline Lessire
    Plage des Catalans. Marseille hat mehrere Strände: Catalans, Prophètes, Corbières und Pointe-Rouge. Hier am Plage des Catalans genießen die Menschen das Meer und den warmen Abend und verbringen Zeit mit Freunden und Familie. Am Strand mischen sich alle Menschen der Stadt. Zurzeit steht jedoch das Vorhaben im Raum, 20% des Strands zu privatisieren, was wiederum Widerspruch von diversen Gruppierungen und Organisationen hervorruft, die sagen, dass der Zugang zur Küste nicht privatisiert werden darf.
  • Zeit für den Apéro. Mit den grandiosen Ausblicken und dem wunderschönen Licht ist es für Tourist*innen und Einwohner*innen fast ein Ritual, allabendlich am Kleinen Hafen zusammenkommen. © Caroline Lessire
    Zeit für den Apéro. Mit den grandiosen Ausblicken und dem wunderschönen Licht ist es für Tourist*innen und Einwohner*innen fast ein Ritual, allabendlich am Kleinen Hafen zusammenkommen.
  • Abel  betreibt einen Teesalon im Viertel Belsunce. Es gibt in seiner Straße drei Geschäfte, die er ganz besonders mag. Sein autistischer Sohn wurde von den Leuten im Viertel und von den Ärzten immer unterstützt. © Caroline Lessire
    Abel - Betreiber eines Teesalons
    Abel betreibt einen Teesalon im Viertel Belsunce. Es gibt in seiner Straße drei Geschäfte, die er ganz besonders mag. Sein autistischer Sohn wurde von den Leuten im Viertel und von den Ärzten immer unterstützt.
  • Abel ist ein sehr bescheidener, dankbarer Mensch und steht hier neben seinem Olivenbaum, den er von der Compagnie hat - einem ganz besonderen Ort gleich neben seinem Teesalon, ein Ort, an dem engagierte Kreativität mit den Leuten des Viertels betrieben und eine dauerhafte Beziehung zu den Einwohnern und Vereinen der Stadt kultiviert wird. © Caroline Lessire
    Abel ist ein sehr bescheidener, dankbarer Mensch und steht hier neben seinem Olivenbaum, den er von der Compagnie hat - einem ganz besonderen Ort gleich neben seinem Teesalon, ein Ort, an dem engagierte Kreativität mit den Leuten des Viertels betrieben und eine dauerhafte Beziehung zu den Einwohnern und Vereinen der Stadt kultiviert wird.
  • „Man ist frei, wenn man in Frieden lebt. In Harmonie mit den Menschen ringsum.” La Paix, der Friede, das ist auch der Name, den er symbolisch seinem Teesalon gegenüber seinem Olivenbaum gegeben hat. © Caroline Lessire
    „Man ist frei, wenn man in Frieden lebt. In Harmonie mit den Menschen ringsum.” La Paix, der Friede, das ist auch der Name, den er symbolisch seinem Teesalon gegenüber seinem Olivenbaum gegeben hat.
  • Valérie (alias Betty), Saalaufseherin im Palais Longchamp © Caroline Lessire
    Valérie (alias Betty), Saalaufseherin im Palais Longchamp
  • Valérie (alias Betty), Saalaufseherin im Palais Longchamp © Caroline Lessire
    „Man ist frei, wenn man das macht, was man will, und auch den anderen respektiert.”
  • Der Rentner Francis hält eine Fahne unter dem Arm und steht vor der Porte d'Orient. © Caroline Lessire
    Francis ist Rentner. Er ist eher ruhig und bedächtig, aber seine traurigen, sanften Augen haben viel mitzuteilen. Seit mehr als 20 Jahren geht er alljährlich am 27. Juni und 5. Juli zur Porte d’Orient, um den Opfern des Massakers von Oran im Jahr 1962 zu gedenken. „Es ist wichtig, nicht zu vergessen. Das Leid der Familien der Opfer muss aufgezeigt und bewusst gemacht werden. Deswegen bin ich hier. Seit all diesen Jahren.”
  • Der Rentner Francis hält eine zusammengerollte Fahne unter dem Arm, steht vor der Porte d'Orient und schaut in die Kamera. © Caroline Lessire
    Francis fügt hinzu, dass er Franzose ist, dass er Frankreich liebt.1962 ist er in Marseille angekommen, genau an der Porte d’Orient, im Marseiller Hafen, und fortan hat er auf diesem Kontinent, den er liebt, dann auch gelebt. Seiner Meinung nach hat Europa dazu geführt, dass sich die einzelnen Länder etwas gehen ließen, und deswegen „muss man achtsam sein, im Dienste der Zukunft.” Freiheit geht für ihn Hand in Hand mit der Anerkennung der Vergangenheit. Man muss in der Lage sein, das, was existierte, anzuerkennen. Für den Frieden des Geistes.
  • Rentnerin Gisèle und Optiker Stéphane sitzen am Tisch des Optikladens. © Caroline Lessire
    Für Gisèle, Rentnerin, Nadia und Stéphane, beide Optiker, Einwohner des populären Stadtviertels Belle de Mai, kommt die Freiheit mit der Arbeit.
  • Nadia, Optikerin, an ihrem Arbeitsplatz © Caroline Lessire
    Alle drei sind sie wahre Arbeitstiere und bedauern, dass aus der Wirtschaft der Arbeit die Wirtschaft des Nichtstuns wurde, die im Viertel Probleme schafft und dem Zusammenleben schadet.
  • Gisèle erklärt und lacht. © Caroline Lessire
    Früher arbeiteten die Leute zusammen, und dadurch entstanden Bande.
  • Gisèle und Nadia sprechen miteinander © Caroline Lessire
    Alle drei stellen fest, dass in ihrem Stadtviertel in den vergangenen zwei Jahrzehnten ein Mentalitätswandel stattgefunden hat.
  • Gisèle sitzt im Optikladen und spricht. © Caroline Lessire
    Arbeitsmangel, fehlende Perspektiven und nicht vorhandene konkrete Kontakte zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen haben dem Savoir Vivre und dem Zusammenleben geschadet und führten zu einem allgemeinen nachlässigen Umgang.
  • Stéphane erklärt. © Caroline Lessire
    Stéphane wurde in den vergangenen zwei Jahren dreimal von Jugendlichen aus dem Kiez überfallen, was vor 10 Jahren noch unvorstellbar gewesen wäre.
  • Portrait von Hélène im Hafen, im  Hintergrund das Meer. © Caroline Lessire
    Hélène ist Fischerin. Eine Frau mit Charakter, die hart arbeitet.
  • Die Fischerin Hélène spricht an einem Tisch mit ihren Fischfang mit einem Kunden. © Caroline Lessire
    Einem Kunden aus der Restaurantbranche, der einen Tintenfisch kaufen will, erklärt sie, dass es keinen gibt, „immer noch keinen”.
  • Hélène legt mit dem Fischkutter im Hafen an, einige Männer stehen am Quai. © Caroline Lessire
    Dieses Jahr ist das erste Jahr, in dem nur ganz selten Tintenfische und Sepien in ihren Netzen zu finden sind. Wegen den Meeresströmungen und der industriellen Fischerei.
  • Die Fischerin Hélène mit ihrem Fang zwischen Kunden. © Caroline Lessire
    Auf die Frage, was Freiheit ist, meinte sie: „Vor allen Dingen gibt es sie nicht im Falle von Verordnungen, die Geldbußen festlegen, wenn der Name des verkauften Fisches nicht auf Lateinisch angegeben ist!”
  • Auf der Preistafel stehen Fischnamen und Abkürzungen auf Französisch und auf Lateinisch. © Caroline Lessire
    Dabei zeigt sie auf die Preistafel. Seit ein paar Jahren verpflichtet die europäische Gesetzgebung die Fischhändler, die Namen der Fische auf Lateinisch anzugeben, ebenso wie die Fischmethode und den Ort es Fischfangs. Eine Regelung, welche die Marseiller Fischer empört.
  • Héléne holt einen Tintenfisch mit der Hand aus dem Netz. © Caroline Lessire
    Einem von ihnen wurde zu Beginn des Monats eine Geldstrafe auferlegt. „Früher war der Hafen voller Fischer. Sehen Sie nur, wie wenige wir nun sind. Wenn wundert’s!”
  • Ein Teenager im Viertel Belle de Mai auf einem Motorroller © Caroline Lessire
    Ein Teenager im Viertel Belle de Mai, Mechaniker: „Ich fühle mich wohl, wenn ich auf meinem Mofa sitze. Ansonsten, was weiss ich, fragen Sie doch weiter oben, dort, wo die Leute kultiviert sind und irgend ‘was mit Kunst machen.”
  • Portrait von Justine im Marseiller Musée d’Histoire Naturelle © Caroline Lessire
    Justine, 28, Stellvertretende Leiterin im Marseiller Musée d’Histoire Naturelle: „Für mich bedeutet Freiheit, jederzeit seine Meinung ändern zu können, ein Moment der Erfüllung, in dem man spürt, dass man als Mensch lebt, zufrieden damit zu sein, dass man die Wahl hat. Wenn ich mich frei fühle, spüre ich meinen Körper ganz bewusst im Raum, spüre ich bewusst, wie ich im Bruchteil einer Sekunde das Gleichgewicht meines Umfeldes verändern werde. Wo werde ich hingehen? Wie werde ich dort hingehen? Niemand weiß das oder braucht dies zu wissen, nicht einmal ich. Wenn ich ins Museum zum Arbeiten gehe , dann verlasse ich meine Familienangehörigen, meine Freunde, bin also weit weg von meiner Familie, stell mich aber als Mensch unter Beweis und handle unter Miteinbeziehung der Überzeugungen, auf die ich stolz bin. Marseille stellt einen Neuanfang dar, eine Art tabula rasa: Die Stadt ist eine Herausforderung. Freiheit bedeutet, die Verantwortung für Momente des Bedauern zu übernehmen, Freiheit ist der Luxus, sich und andere zu überraschen und zu beeindrucken.”
 
  • Michelle und Pascale, Pädagoginnen im Centre Léo Lagrange © Caroline Lessire
    Michelle und Pascale arbeiten im Centre Léo Lagrange, einem gemeinnützigen Verein für politische Bildung.
  • Michelle und Pascale, Pädagoginnen im Centre Léo Lagrange © Caroline Lessire
    Mittels ihrer Aktionen verfolgt die Bewegung der politischen Bildung das Ziel, den kritischen Geist, das Gefallen am gesellschaftlichen Zusammenleben, den Sinn für Verantwortung und vor allen Dingen den Sinn für Gemeinnützigkeit zu entwickeln.
  • Michelle und Pascale, Pädagoginnen im Centre Léo Lagrange © Caroline Lessire
    Dieser Punkt ist für Michelle und Pascale ein Problem, denn sie sind der Auffassung, dass die Leute ihres Viertels sich zu viele Freiheiten erlaubt haben, was schließlich zu mangelndem Respekt gegenüber den anderen führte.
  • Michelle und Pascale, Pädagoginnen im Centre Léo Lagrange © Caroline Lessire
    Eine allgemeine Vernachlässigung, die zu einer Verrohung des Zusammenlebens führte.
  • Capoeira-Tänzer macht auf dem Gehweg einen Rückwärtssalto. © Caroline Lessire
    Natureza, 32, Capoeira-Tänzer: „Die vier Elemente: Erde, Feuer, Luft, Wasser. Es sind freie Elemente, die man nicht einpferchen kann. Wie der Geist, der unabhängig von der Situation des jeweiligen Menschen, seines Körpers frei oder unterjocht sein kann."
  • Capoeira-Tänzer macht einen Vorwärtssalto. © Caroline Lessire
    „Nelson Mandela mit seinen starken und notwendigen Ideen ist dafür ein gutes Beispiel. Sicherlich denke ich an ihn aufgrund dessen, was mein Land, Brasilien, gegenwärtig durchmacht.”
  • Zwei Capoeria-Tänzer in Bewegung. © Caroline Lessire
    „Capoeira ist für mich eine Kunst und ein brillanter Ausdruck der Freiheit.”
  • Zwei Capoeira-Tänzer © Caroline Lessire
    Natureza, 32, Capoeira-Tänzer
  • Capoeira-Tänzer Natureza © Caroline Lessire
    Natureza, 32, Capoeira-Tänzer
  • Vier Capoeira-Tänzer auf dem Gehweg © Caroline Lessire
    Capoeira-Tänzer
  • Portrait von Paul Giovanonni in einem Park © Caroline Lessire
    Paul ist Korse. Er ist Rentner und begann sein Berufsleben als Facharbeiter im Baugewerbe, ein Beruf, auf den er sehr stolz ist.
  • Paul Giovanonni zwischen zwei Männern im Park © Caroline Lessire
    „Auf allen großen Baustellen, sei es hier oder andernorts, habe ich Maschinen bedient, ich kenne sie alle!” Er lächelt und verrät sein Alter: „85 Jahre jung, seh’ aber aus wie 70, oder ?!”
  • Paul Giovanonni zeigt seinen Transpass Métropole, die Marseiller Fahrkarte für öffentlichen Transport © Caroline Lessire
    Er ist mit 55 Jahren in Rente gegangen; er hatte lange genug gearbeitet, und dank einer bequemen Altersversorgung genießt er nun das Leben in Saint Loup. Wie andere Menschen in Marseille glaubt er, dass Freiheit durch die notwendige Arbeit möglich ist. Die jungen Menschen müssen die Arbeit neuerfinden.
  • Portrait von Remi mit Sonnenbrille © Caroline Lessire
    Remi, Wachmann: „Für mich ist Meinungsfreiheit sehr wichtig. Ich weiß, dass das etwas klischeehaft ist, aber das kommt mir dabei zuerst in den Sinn. Die Meinungsfreiheit wird in Frankreich jedoch nicht respektiert, und das obwohl es ein demokratisches Land ist.”

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