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Diego Fernandez
Spanien
Was verbindet uns?

Kulturhistorisch betrachtet sind wir Europäer verbunden durch die großen Zivilisationen, die wir gemeinsam aufgebaut haben und die unsere Identität entscheidend prägen.

Von Diego Fernandez

Ein Europa der Bürger

Kulturhistorisch betrachtet sind wir Europäer verbunden durch die großen Zivilisationen, die wir gemeinsam aufgebaut haben und die unsere Identität entscheidend prägen. Der bedeutendste zivilisatorische Beitrag Europas ist aus juristisch-politischer Sicht die Schaffung des sozialen und demokratischen Rechtsstaats. Im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts müssen wir begreifen, dass Freiheit und Gleichheit Errungenschaften sind, die einander als Werte ergänzen. Wir sind frei, weil wir gleich sind, und wir sind gleich, weil wir frei sind.

Portaetfoto von Diego Fernandez Foto: Instituto de Cultura Gitana © Goethe-Institut Die Demokratie hat sich von der griechischen Gesellschaft über die Französische Revolution bis hin zur Einrichtung der Europäischen Union weiterentwickelt. Wie die Freiheit ist auch die Demokratie ein Wert, der sich kontinuierlich entfaltet. Die Freiheit ist immer schon einen Schritt voraus und muss ständig vervollkommnet werden. Neue Rechte werden geschaffen, wenn neue Bedürfnisse entstehen. Der Begriff der Gleichheit ist heute nicht mehr derselbe wie noch vor ein paar Jahrzehnten. So kämpfen wir Minderheiten, wenn wir aufgrund unserer Unterschiedlichkeit diskriminiert werden, für eine Gesellschaft, in der wir gleichberechtigt sind. Wenn wir dagegen durch die Gleichberechtigung unsere Identität verlieren, betonen wir unsere Andersartigkeit. In vielen Staaten sind die sogenannten Menschenrechte der dritten Generation nicht Teil der Verfassung. Es stimmt natürlich, dass auch in Europa die Globalisierung stattfindet und dass es uns hauptsächlich um die Stärkung der industriellen Wettbewerbsfähigkeit gehen sollte und darum, eine gemeinsame Wirtschaftspolitik zu entwickeln und die sich daraus ergebenden makroökonomischen Regulierungen durchzusetzen. Doch es ist gleichermaßen wahr, dass Europa den Augen der Europäer so nah sein muss wie die Fenster ihrer Häuser und ihren Herzen so nah wie die Venen, die sie versorgen. Und daher hat Europa immer noch einen langen Weg vor sich bis zur Etablierung einer politischen Union, in der die Europäer eine europäische Präsidentin oder einen europäischen Präsidenten direkt wählen können und in der es eine gesamteuropäische Verfassung anstelle der einzelnen nationalen Verfassungen gibt.

Was uns also verbindet, ist unsere Vergangenheit. Vor allem aber verbindet uns die Zukunft, die wir noch gestalten müssen, eine aufregende Zukunft, für die es positive Vorzeichen wie den europäischen Binnenmarkt, die Freizügigkeit von Personen und den freien Kapital- und Zahlungsverkehr gibt – aber auch negative Signale wie Populismus oder religiösen und nationalistischen Fundamentalismus, die das Gemeinschaftsprojekt zunichtemachen könnten.

Dass die Staatsgrenzen gelockert wurden, hat Europa ein gutes Stück vorangebracht, weil das eine massive Erweiterung der bürgerlichen Freiheiten bedeutete. In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, dass die europäischen Sinti und Roma historisch gesehen schon immer für diese Modernisierung des europäischen Rechts eingetreten sind, weil die Grenzen zwischen den europäischen Staaten für sie seit jeher künstliche Barrieren für Bürger eines gemeinsamen Raumes waren, die die Durchlässigkeit der europäischen Kultur erschwerten. Genau deswegen ist Europa auch immer ein Europa der Sinti und Roma. Zum europäischen Kulturerbe gehören die Musik von Manuel de Falla, Béla Bartók und Michail Glinka, die Gedichte von Garcia Lorca, die Romane von Victor Hugo und Günter Grass, die Gemälde von Picasso, Van Gogh und Monet und die Filme von Buñuel, Tony Gatlif und Emir Kusturica. Die kulturellen Wurzeln Europas sind von den Sinti und Roma inspiriert, denn die bedeutendsten europäischen Künstlerinnen und Künstler waren von deren Kultur inspiriert. Und daher stelle ich folgende Frage: Stehen Sinti und Roma für die Freizügigkeit eines Europas ohne Grenzen?

Literaturhinweise:
Angus Fraser, The Gypsies (The Peoples of Europe) (John Wiley & Sons Ltd, 1995).
Will Kymlicka, Multicultural Citizenship: A Liberal Theory of Minority Rights (Oxford University Press, 2000).

Folgefrage:
„Stehen Sinti und Roma für die Freizügigkeit eines Europas ohne Grenzen?“
 

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