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Nora Gomringer
Deutschland
Hat der Begriff Frieden seine eigentliche Wortbedeutung verloren?

Verloren hat der Begriff Friede so lange nichts, wie Menschen, die ihn in Gedanken, auf den Lippen und auf ihren Fahnen und Helmen tragen, ihn als Hoffnung auf ein mögliches, verbindliches v e r b i n d e n d e s Miteinander verstehen.

Von Nora Gomringer

Friede

Diese Frage wurde einer Dichterin, einer Gläubigen und einer Frau gestellt. Das Wort „Friede“ findet sich in der deutschen Sprache schon seit alten germanischen Zeiten, in denen Stämme gegeneinander stritten oder miteinander paktierten, um „Eintracht, Harmonie“ zu sichern. In Zeiten der Ruhe wuchs die Stabilität, aus der Stabilität die Prosperität, der Wohlstand, das Ansehen einzelner - und doch beförderte Krieg all das Erwähnte auch, allerdings oft sprunghaft und motiviert durch das Recht der Stärkeren. Wird dem Friede eine Taube zum Attribut gestaltet, wird dem Krieg ein Eber mit großen Hauern auf die Fahnen gezeichnet. Der Friede ist sanft, der Krieg ist rau. Eine alte Wortbedeutung schließt an den versöhnlichen Frieden noch das an, was die gute Nachbarschaft so sprichwörtlich erhält: die Einzäunung, das Umfrieden. 

Die Autorin Nora Gomringer Foto: Judith Kinitz © Goethe-Institut Die Fragestellung meines geschätzten Vorgängers geht davon aus, dass die Welt nicht mehr in Menschenhand liegt, sondern in der Hand verschiedener tyrannischer, taktierender „Player“, die sich vom Menschen- und Planetenwohl abgewandt haben. Die Gläubige will das nicht unterschreiben. Sie betet, sie hofft, sie hält sich ans Kleine, das Überschaubare und Machbare im unmittelbar ihr zustehenden Rahmen. Sie ruft die zur Hilfe und zum Beistand, die ihr ansprechbar für Werte scheinen, die auch ihr nahe sind: Achtung, Respekt, Gleichberechtigung, Vernunft und Entschlossenheit. Aus der kleinen Zahl wird eine große. Die Gläubige vertraut, dass die Welt nicht von Menschen voll und ganz beherrscht werden kann und dass ein Höherer die Geschicke leitet. Dieses Vertrauen allerdings ist ihr Herausforderung und Aufgabe und sie will auch dieses Privileg in Gedanken immer wieder verteidigen. Verloren hat der Begriff Friede so lange nichts, wie Menschen, die ihn in Gedanken, auf den Lippen und auf ihren Fahnen und Helmen tragen, ihn als Hoffnung auf ein mögliches, verbindliches v e r b i n d e n d e s Miteinander verstehen. 

Weiterführende Literatur:
György Konrád: Europa und die Nationalstaaten (Suhrkamp, 2013)
Lila Prap: Das tierische Wörterbuch (NordSüd Verlag, 2006)

Folgefrage:
"Wer ist für die Zukunft der Freiheit in Europa zuständig?"
 

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