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Samuel Hamen
Deutschland
Ist das freiheitliche Prinzip „My body, my choice“ heute noch garantiert?

Eine Garantie auf die souveräne Verfügungsgewalt über den eigenen Körper ist bislang immer mehr Utopie als Wirklichkeit gewesen. Eine Utopie, die heute wieder deutlich stärker in Gefahr gerät. 
 

Von Samuel Hamen

Von Wunschdingen

Die Frage würde ich grundsätzlich verneinen, auch wenn die Nein-Skala je nach Land und Regierung stark variieren und hier und da sogar in Richtung eines schwachen Jaausschlagen mag. Meinem Nein geht es nicht darum, liberale Errungenschaften der letzten Jahrzehnte zu schmälern, sondern darum, ihnen ihre falsche Selbstverständlichkeit zu nehmen. Letztlich war das freiheitliche Prinzip einer souveränen Verfügung über den eigenen Körper bislang noch nie garantiert – und wird es als Maxime des Miteinanders auch nie sein. Selbst wenn es in diesem papierdünnen Augenblick, in diesem Hier und Jetzt, in dem ich gerade lebe, so wirken mag, als habe man es mit einer Unumstößlichkeit zu tun, ist „My body, my choice“ ein mühevoll erarbeiteter, guter Leitsatz, der jederzeit einem archaischen Backlash zum Opfer fallen kann. In diesem Sinne ist den vielen emanzipatorischen Errungenschaften – auch in Europa – dieses Noch immerzueingeschrieben: Für die einen sind sie noch garantiert und selbstverständlich, für die andern hingegen sind sie noch (oder auch schon wieder) wenig verlässlich und umkehrbar. 

Der Autor Samuel Hamen Foto: Maria Mast © Goethe-Institut Auch habe ich ein wenig Angst und viel Respekt vor den vielen Singularen in dieser Frage: Wessen Körper? Welches Europa? Sprechen wir über eine Schwangere, die abtreiben möchte? Stellen wir uns die Frage in Luxemburg? Oder in Polen? Oder sind alle Körper aller Menschen in allen europäischen Ländern gemeint? Gut möglich, dass in diesem Singular die grammatische Utopie eines vereinten, koordinierten Europas steckt, ein Wunschding zwischen Erfüllung, Erarbeitung und Gefährdung. 

Jetzt könnte ich Mutmaßungen anstellen über die Gründe für einen solchen, möglichen Backlash, ich könnte über Gegenmaßnahmen sprechen, vielleicht selbst die ein oder andere vorlegen, vielleicht in Form einer couragierten Schmährede gegen den Rechtsruck und die Reaktionäre. Das ist nötig, ja, aber meiner Meinung nach eher im Rahmen eines verantwortungsbewusst gelebten Alltags und weniger als einpeitschendes Manifest für Eingeweihte. Für Letzteres besitze ich auch weder das politologische oder soziologische Know-how, noch liegt mir die Hauruck-Rede besonders. Eigentlich kann ich hier wenig mehr tun als eine (schriftstellerische) Selbstanalyse abzuliefern, zu überlegen, wie ich lebe, denke und schreibe – und auf welche Weise die gesellschaftlichen Dynamiken der letzten Jahre auf diese Aktivitäten einwirken. 

Tue ich das, dann stelle ich fest: Ich funktioniere viel zu oft geradezu automatisiert kulturpessimistisch, ich pflege ein ambiges Angstlustverhältnis zur proklamierten dekadenten Umbruch- und Endzeit, ich begegne diesem Fatalismus, der auch viele der Kettenreaktion-Essays kennzeichnet, mit einem oft reflexhaften, kurzsichtigen Aktionismus, ich merke, dass ich (noch?) keine diskursive Sicherheit in jenen Worten habe, mit denen wir zurzeit dauerhantieren: Nation, Europa, Populismus, Freiheit, Zukunft. Und dass, schließlich, resolute Ruhe und strenge Gelassenheit gerade nötig wären.

Ich habe dementsprechend ein wenig Angst, zugleich wenig Lust, abschließend mit diesen vielen Hochwertbegriffen zu jonglieren – das kann in meinem Fall nur tollpatschig oder possierlich werden. Es gibt eigentlich nur eine Fragenkette, die ich in die hohe Luft werfen möchte, um zu schauen, wie sie fliegt bzw. fällt: Empfindet der/die nächste Beiträger/in auch eine Art Kränkung darüber, dass sein/ihr Weltbild inklusive sicher geglaubter Vokabeln ins Wanken geraten ist? Ist dieser Schock, über „Freiheit“ nicht mehr nur als rhetorische Nullformel, sondern als gelebte prekäre Praxis sprechen zu müssen, der Grund für den (Hyper-)Aktivismus der Ratlosen, wie er einem zurzeit so oft in Leitartikeln, Essays und Reden begegnet? Kurzum: Hatten wir vielleicht noch nie eine Ahnung davon, was das ist: Freiheit? 

Weiterführende Literatur:
Paul Nolte: Unbehagen in der behaglichen Welt.
Lukas Bärfuss: Stil und Moral (Wallstein, 2018).

Folgefrage: 
„Hatten wir vielleicht noch nie eine Ahnung davon, was das ist: Freiheit?“

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