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Verf*ckt und zugenäht!

Was ist erlaubt, was verboten? Kann das Fluchen Schmerz lindern? Verhindert die unzensierte Benutzung von unflätigen Begriffen Gewalt unter Menschen? In ihrer Rezension zu zwei neueren linguistischen Untersuchungen zu obszöner Sprache verteidigt die US-amerikanische Journalistin Joan Acocella das Befreiende an Schimpfwörtern – warnt aber gleichzeitig vor geschichtsblinder Benutzung und beleidigendem Sprechen.

Von Joan Acocella

Obszöne Sprache stellt uns vor Probleme, schreibt der Sprachwissenschaftler Michael Adams in seinem neuen Buch In Praise of Profanity, „aber niemand scheint sich allzu viele Gedanken darüber zu machen, ob eine solche Ausdrucksweise nicht auch Gutes mit sich bringt“. In den letzten Jahrzehnten jedoch haben sich eigentlich sehr viele Menschen mit dem Nutzen obszöner Sprache, ihrer Entstehungsgeschichte, ihrer Neuroanatomie und vor allem mit ihren unglaublich langen, bunten Vokabellisten beschäftigt. Jesse Sheidlowers erstmals 1995 veröffentlichtes Buch The F-Word, eine Abhandlung über das Wort ‚fuck‘ im Stile des Oxford English Dictionary, erscheint nun schon in dritter Auflage, wobei die Variationen dieses altehrwürdigen Begriffs im Laufe der Jahre stetig mehr werden: artfuck, bearfuck, fuck the deck, fuckbag, fuckwad, horsefuck, sportfuck, Dutch fuck, unfuck.

Unterdessen listet Jonathon Green in seinem dreibändigen Green’s Dictionary of Slang (2010) 1.740 Wörter für Geschlechtsverkehr, 1.351 für Penis, 1.180 für Vagina, 634 für After bzw. Hintern sowie 540 Wörter für Stuhlgang und Urinieren auf. Und allein in den letzten paar Monaten sind gleich zwei neue Bücher zum Thema erschienen, nämlich What the F des an der University of California in San Diego als Kognitionswissenschaftler tätigen Benjamin K. Bergen sowie das bereits erwähnte In Praise of Profanity von Michael Adams. Irgendjemand scheint also doch Interesse zu haben an dem Obszönen.

Die meisten Autorinnen und Autoren weisen immer darauf hin, dass zu diesem Thema noch nicht ausreichend geforscht wurde. Solange wir den Krebs noch nicht besiegt haben, ist es aber auch nicht gerade einfach, Fördergelder für die Evaluation unanständiger Wörter zu bekommen. Entsprechend scheint es in jüngster Zeit auf diesem Forschungsfeld nicht allzu viele neue Entdeckungen gegeben zu haben. Viele von Bergens und Adams Thesen wurden, wie sie selbst einräumen, bereits in älteren Veröffentlichungen vertreten, wobei Melissa Mohrs Buch Holy Shit: A Brief History of Swearing (2013) eine besonders ergiebige Quelle darstellt. Mohr liest für uns sogar die Bedeutung eines Graffitos in einem Bordell im antiken Pompeji heraus – und die ist enttäuschend lakonisch („Ich kam hierher, habe gevögelt und bin wieder nach Hause gegangen“). Dennoch gut zu wissen.

Natürlich möchte man wissen, woher diese Wörter stammen, und in allen Büchern steht, soweit möglich, etwas zu ihrer Entstehungsgeschichte. Das Wort fuck beispielsweise ist kein Akronym, wie im Spaß manchmal behauptet wird (ein Akronym z. B. „For Unlawful Carnal Knowledge“ [in etwa: „Für unrechtmäßiges geschlechtliches Wissen“, Anm. d. Übers.]). Wäre dies der Fall, dann gäbe es sicher nicht derart viele offensichtlich verwandte Worte in den Sprachen der Nachbarländer. Sheidlower führt u.a. das deutsche ficken, das norwegische, regional verbreitete Wort fukka [ficken] und das aus dem Mittelniederländischen stammende fokken [hineinstoßen, Kinder zeugen] an, die offenbar alle aus einem germanischen Stammwort gebildet wurden, das ‚sich vor und zurück bewegen‘ bedeutet. Sheidlower schreibt, das Wort fuck sei wahrscheinlich im 15. Jahrhundert in den englischen Sprachschatz aufgenommen worden. Bergen allerdings weist in seinem später veröffentlichten Buch darauf hin, dem Mediävisten Paul Booth sei jüngst ein juristisches Dokument aus dem Jahr 1310 in die Hände gefallen, in dem ein Mann mit dem Namen Roger Fuckebythenavel aufgeführt ist. Booth mutmaßt, dieses Wort könne eine Metapher für so etwas wie „Dummkopf“ sein. Oder auch ein Spottname für einen unerfahrenen jungen Mann, der tatsächlich versucht haben könnte, seine Partnerin in den ‚navel‘, also den Nabel, zu vögeln, und diese konnte es dann im Anschluss nicht lassen, ihren Freundinnen brühwarm davon zu berichten.

Es sei noch einmal erwähnt, dass das Wort in einem juristischen Dokument stand. Was damit erklärt werden könnte, dass fuck lange Zeit nicht als besonders schmutziges Wort galt. Auch cunt [Fotze] war früher ein ganz alltägliches Wort. In einem Chirurgie-Lehrbuch aus dem 14. Jahrhundert steht geschrieben: „Bei Frauen ist der Blasenhals kurz und an der Fotze befestigt.“ Bis in die Spätrenaissance hinein hatten Worte, die die Leute wirklich schockierten, nichts mit Sex oder den körperlichen Ausscheidungsfunktionen zu tun, sondern mit der Religion – es waren vor allem Worte, die den Namen des Herrn lästerten. Baudelaire, der seit einem Schlaganfall an einer Sprachstörung litt, wurde noch 1866 aus einem Krankenhaus ausgewiesen, da er zwanghaft die Phrase cré nom wiederholte, als Kurzform für sacré nom [französisch für: ‚heiliger Name‘].

Viele Ausrufe, die uns heutzutage höchstens noch kurios erscheinen, waren früher ein lediglich durch eine Verballhornung abgeschwächter Fluch. Herrje, Herrjemine, Mensch, Jesses, Mann, Ach du meine Güte, Um Gottes Willen, Mannomann, Menschenskind und Jesses Maria stehen alle im selben Verhältnis zu Christus oder Jesus wie verflucht zu beschissen. Der rasante Wechsel von der Religion hin zu Dingen des Geschlechtlichen bzw. des Badezimmerkonnotierten ist natürlich hauptsächlich auf den zurückgehenden Einfluss der Religion zurückzuführen. Doch Mohr weist auch darauf hin, dass Anspielungen auf Sex oder Körperausscheidungen erst dann als schockierend empfunden wurden, als sich die häusliche Organisation änderte und die Menschen entsprechend eine gewisse Privatsphäre für Sex und Ausscheidung bekamen – womit solcherlei Anspielungen zu einer Verletzung der Privatsphäre wurden.

Vom knallharten kathartischen Sound der Schimpfwörter

Auch wenn die Forschung nicht allzu viel zum Thema Obszönität beigetragen hat, kann dies im umgekehrten Fall nicht behauptet werden. Neurologen haben viel übers Gehirn gelernt, indem sie die Verwendung von Schimpfwörtern bei hirngeschädigten Menschen analysierten – besonders interessant war hierbei, dass sie solche Wörter verwenden, und zwar intensiv, auch wenn sie ansonsten der Sprache nicht mehr mächtig sind. Was die Vermutung nahelegt, dass vulgäre Ausdrücke im Gehirn getrennt vom Rest der Sprache gespeichert werden. Während neutrale Wörter in der Großhirnrinde verarbeitet werden, jenem Bereich des Gehirns, der sich erst spät entwickelt hat und uns von anderen Tieren unterscheidet, scheinen obszöne Ausdrücke im primitiveren limbischen System angesiedelt zu sein, das unterhalb der Großhirnrinde liegt und unsere Emotionen steuert. Deshalb rufen Schimpfwörter auch besonders starke Reaktionen hervor. Manche Menschen fangen an zu schwitzen, wenn sie Schimpfwörter hören (was mit einem Lügendetektor gemessen wurde), und interessanterweise schwitzen zweisprachige Menschen mehr, wenn das Tabuwort in ihrer dominanten Muttersprache fällt.

Schon der Klang von Obszönitäten – ihre Bedeutung mal beiseitegelassen – scheint eine Saite in uns anzuschlagen, was sich schon daraus ersehen lässt, dass viele dieser Worte vom Klang her sehr ähnlich sind. Im Englischen werden Schimpfwörter auch als four-letter words bezeichnet, als „Vier-Buchstaben-Wörter“ also, und mindestens ein Drittel dieser Wörter besteht tatsächlich nur aus vier Buchstaben und einer Silbe. Laut Bergen handelt es sich bei dieser Silbe in neun von zehn Fällen um eine „geschlossene“ Silbe, das heißt, das Wort endet auf einem oder zwei Konsonanten. Warum? Wahrscheinlich, weil Konsonanten härter und bedingungsloser klingen als Vokale (Man vergleiche nur piss [pissen] mit pee [pinkeln] oder cunt [Fotze] mit pussy [Muschi]). Vielleicht ist es dieser strenge, knallharte Klang, der einige der allgemein anerkannten Qualitäten von Schimpfwörtern ausmacht. Beispielsweise helfen sie uns dabei, Schmerzen besser zu ertragen. In einem oft zitierten Experiment wurden Testpersonen gebeten, eine Hand in eiskaltes Wasser zu tauchen und so lange wie möglich darin zu lassen. Die Hälfte der Personen bekam die Erlaubnis, Schimpfwörter zu benutzen, wenn ihnen danach sein sollte. Die andere Hälfte durfte nur harmlose Wörter sagen, beispielsweise Holz. Die fluchenden Testpersonen schafften es, ihre Hand deutlich länger im Wasser lassen, als jene, die sich den Mund nicht schmutzig gemacht hatten.

Im Zusammenhang mit der schmerzlindernden Funktion des Fluchens steht auch seine weithin bekannte kathartische Kraft. Wer seine Einkaufstasche in eine Pfütze stellt oder sich den Finger im Fenster einklemmt, dem wird ein Mannomann nicht allzu viel helfen. Dann braucht man einfach ein Fuck!, und dies umso mehr, als dieses Wort laut Adams nicht nur Ausdruck für eine Emotion ist, sondern auch für eine philosophische Wahrheit. In seiner Extremität bedeutet es, dass „man die Grenzen des Sagbaren erreicht hat und weiter nicht gehen kann. Obszönitäten sind in diesem Sinne also keine beschränkten Gesten, sondern bringen vielmehr eine Beschwerde vor über die Begrenztheit der menschlichen Existenz“. Indem wir uns zugestehen, uns verbal derart zu beschweren, verhindern wir Schlimmeres. „Wenn wir den Menschen die Schimpfwörter wegnehmen, bleiben ihnen nur Fäuste und Waffen“, schreibt Melissa Mohr. Dasselbe gilt zweifellos für obszöne Gesten. Laut Bergen halten sich Menschen schon seit über zweitausend Jahren den Mittelfinger hin, was sicherlich teilweise auch daran liegt, dass er heftigere Tätlichkeiten so schön vorbeugt.

Aber sogar in Situationen, in denen Wut keine Rolle spielt, scheinen Obszönitäten eher auf Seiten des freundlichen Miteinanders zu stehen. Der Philosoph Noel Carroll erzählte mir mal von einer internationalen Konferenz, die 2006 in Hanoi stattfand. Am ersten Tag veranstalteten die vietnamesischen und westlichen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einen Wettbewerb im Witzeerzählen, um erstmal das Eis zu brechen. Die ersten beiden Wissenschaftler aus Vietnam erzählten unanständige Witze. Die Wissenschaftler aus dem Westen dagegen hatten Angst vor einem sozialen Fauxpas und machten lieber unverfängliche Witze. Danach herrschte steife Höflichkeit. Schließlich erzählte der dritte westliche Wettbewerbsteilnehmer (Carroll, der stolz davon erzählte) einen schmutzigen Witz über einen Hahn, und die Situation entspannte sich. Die Konferenz wurde schließlich zu einem großen Erfolg.

Diese Hemmnisse abbauende Funktion liefert, gemeinsam mit anderen Triebkräften (Langeweile, Machotum, schmerzlindernde Wirkung), eine Erklärung dafür, warum in Wortwechseln zwischen Militärangehörigen, Männern in Arbeitstrupps, Jazzensembles und ähnlichen Situationen Schimpfwörter wie fuck oder, vielleicht sogar noch häufiger, motherfucker so häufig zum Einsatz kommen. Adams vermutet den Grund für das zwischenmenschlich Fördernde von obszönen Ausdrücken darin, dass die Verwendung solcher Wörter auf Vertrauen basiert – auf dem Vertrauen, dass die Person, mit der wir gerade sprechen, unsere Werte teilt und uns nicht ablehnen wird, weil wir ein Tabuwort benutzen. „Wenn eine Beziehung den Obszönitätstest besteht, dann kommen beide Parteien überein, dass das, was im intimen Rahmen gesagt wird, auch im intimen Rahmen bleibt“, schreibt Adams. Ich würde sogar sagen: Sie schließen einen Pakt, dass zwischen ihnen eine intime Beziehung besteht. (An dieser Stelle ließe sich gut anbringen, dass viele Leute finden, der Sex werde besser, wenn sie sich schmutzige Sachen sagen.) Solche Überlegungen scheinen aber doch noch zu soft zu sein, um die Allgegenwart der Begriffe fuck und motherfucker in den Unterhaltungen zwischen Soldaten oder Arbeitern erklären zu können, für die solche Worte eher Ausdruck einer gewissen Härte zu sein scheinen, ja einer gewissen oberflächlichen Lackschicht, einer Mischung aus Gereiztheit und Gleichmut, und über die sie sich gleichzeitig einem geteilten Schicksal unterwerfen.

Je nach Land ist die Sichtweise jedoch sehr unterschiedlich. Die umfangreichsten Umfragen zu diesem Thema, auf die Benjamin K. Bergen Zugriff hatte, haben gezeigt, dass sich Engländer, US-Amerikaner und Neuseeländer dahingehend einig sind, dass von allen sexuell konnotierten Obszönitäten cunt [Fotze] die unflätigste ist. Allerdings besteht in den einzelnen Ländern große Meinungsverschiedenheit darüber, wie widerwärtig das Wort denn im Gebrauch ist. (So war ca. ein Drittel der Neuseeländer der Ansicht, cunt könne man durchaus auch im Fernsehen sagen.) Genauso gibt es in verschiedenen Gesellschaften auch große Unterschiede in der Wahrnehmung religiöser Obszönitäten. So hat in manchen das Tabu der Gotteslästerung trotz weit fortgeschrittener Säkularisierung bis heute überlebt. In Quebec beispielsweise sind die Wörter tabarnack [Tabernakel] und calisse [Abendmahlskelch] viel vulgärere Ausdrücke als merde [Scheiße] oder foutre [verdammt], wie Bergen schreibt. Deutschland dagegen hat sich quasi spezialisiert auf fäkale Schimpfwörter wie Arschloch, Arschgesicht, Arschgeburt usw.

Erstaunlicherweise gibt es in Japan keine Kraftausdrücke im eigentlichen Sinn. Man kann einen Japaner durchaus beleidigen, indem man ihn darauf aufmerksam macht, dass er einen Fehler begangen oder etwas Dummes gemacht hat, aber die japanische Sprache verfügt über keinen einzigen dieser stumpfen Schimpfnamen – kein Arschgesicht, keinen fuckwad –, mit dem die Beleidigung in einem Wort erledigt wäre. Der japanische Baseball-Star Ichiro Suzuki erzählte dem Wall Street Journal, das Fluchen gehöre zu den Dingen, die ihm beim Baseballspielen in den Vereinigten Staaten am meisten gefielen und dass er sowohl auf Englisch als auch auf Spanisch fluchen gelernt habe. „Mithilfe westlicher Sprachen kann ich nun Sachen sagen, die ich sonst nicht sagen könnte“, berichtete er glücklich.

Im Westen schreitet die Liberalisierung immer schneller voran, noch beschleunigt durch Kabelfernsehen und Internet. Melissa Mohr gibt an, dass im März 2011 drei der Top-10-Hits in den Billboard-Charts obszöne Sprache enthielten. Dennoch verhängt die US-Regulierungsbehörde Federal Communications Commission (FCC) immer noch Geldbußen gegen Rundfunkanstalten, die Ausdrücke verwenden, die nach ihren Maßstäben obszön sind. Der Experimentalpsychologe Steven Pinker lässt in seinem Buch The Stuff of Thought (2007) den hervorragenden „FCC Song“ nachdrucken, geschrieben von Eric Idle von Monty Python:

Fuck you very much, the FCC.                                                          [Fick dich sehr, du FCC.]
Fuck you very much for fining me.         [Fick dich, dass du mir eine Geldstrafe aufbrummst.]
Five thousand bucks a fuck,                                [Fünftausend Mäuse für ein einziges ‚fuck‘,]
So I'm really out of luck.                                                          [Ich hab wohl echt kein Glück.]
That's more than Heidi Fleiss was charging me. [Das ist mehr, als Heidi Fleiss von mir wollte.]

Doch obwohl die FCC Geldbußen verhängt: Eine Liste der Wörter, deren Verwendung ihrer Ansicht nach entsprechend bestraft werden muss, hat sie nie veröffentlicht. Auch das Bewertungsgremium des Verbands der amerikanischen Filmproduktionsgesellschaften Motion Picture Association of America (MPAA) geht nicht näher darauf ein, welche Kriterien für seine Ratings ausschlaggebend sind. Als Matt Stone und Trey Parker dem MPAA-Gremium 1999 ihren Film South Park vorlegten, schreibt Benjamin K. Bergen, bekam dieser die Bewertung NC-17, nur eine Stufe unter R für Restricted. (Filme, die mit NC-17 klassifiziert werden, dürfen selbst 17-Jährige nur in Begleitung eines Erwachsenen sehen.) Für die Produzenten hätte das finanziell ein Fiasko bedeutet. Gleichzeitig ging ihnen diese Form der Einmischung derart gegen den Strich, weswegen sie, während sie die als problematisch bezeichneten Passagen änderten, die Gelegenheit beim Schopfe packten und haarklein aufdröselten, worin das Problem denn nun eigentlich bestand. Stone sagte der Los Angeles Times: „Alles, was laut Gremium nicht im Film bleiben durfte, haben wir zehnmal schlimmer und fünfmal länger gemacht. Und hinterher hat man uns gesagt: „Okay, so ist es besser.“

Über den Spaß und die Versuchungen der Unanständigkeit

Ein nüchtern-objektives Buch über unanständige Wörter zu schreiben, versehen mit Grafiken, Fußnoten und einer Bibliografie, stellt bereits an und für sich eine Form der Komödie dar. Sowohl Bergen als auch Adams schlachten diesen Umstand gehörig aus. Während sie sich mit aller Ernsthaftigkeit ihrem Sujet widmen – Bergen liefert handhabbare Informationen, Adams stellt differenzierte Überlegungen an (von allen Autorinnen und Autoren, die ich bislang zum Thema Obszönität gelesen habe, schreibt er am philosophischsten) –, haben sie doch auch unverkennbar großen Spaß an ihm und wollen, dass es uns ebenso ergeht. Bergen arbeitet mit gelehrten Schaubildern der vulgären Gesten, wobei er erklärtermaßen voraussetzt, wir müssten ganz genau wissen, wie sich US-amerikanische Gebärdensprache in gesprochene Sprache übersetzen lässt, und dafür Fotos von einer attraktiven Frau mit Bildunterschriften wie „Du Hure du“ oder noch Schlimmerem versieht.

Adams hingegen zollt in einem langen Exkurs einem Buch des Sprachwissenschaftlers Allen Walker Read über Graffiti an Toilettenwänden Tribut – offenbar in dem Versuch, Reads Befunde vor dem Vergessen zu bewahren (das Buch wurde 1935 in Paris im Selbstverlag gedruckt und ist heute vergriffen), aber auch hier sind die Zitate, genau wie Bergens unanständige Bilder in Gebärdensprache, verdächtig zahlreich und unterhaltsam. Auf einem Campingplatz im kalifornischen Truckee fand Read beispielsweise folgende Inschrift:

Shit here shit clear    [Scheiß hier, scheiß dich kräftig aus]
Wipe your ass  [Wisch dir den Arsch]
And disappear  [Und verschwinde]
Shakespear

Adams hat sich selbst lange mit den Wänden in öffentlichen Toiletten befasst und ergänzt Reads Funde mit seinen eigenen. Er schreibt, im Normalfall fänden sich an Klotüren und -wänden Überlegungen zum Sinn des Lebens, Kontaktinformationen für Menschen, die neue Freunde finden wollen, genauere Angaben zu Länge und Umfang eines bestimmten Penis („Mein Schwanz ist so lang, dass er um die Ecke kommt“), Bewertungen von Lehrpersonal („Herr Radley ist ein Schwanzlutscher“) sowie Kunst, letztere immer Hand in Hand mit Kunstkritik („Wer das hier gezeichnet hat, hat noch nie eine Fotze gesehen!“). Die Ausführungen zu diesem Thema erstrecken sich über 25 Seiten und sind sämtlich lesenswert.

Doch während ihr Thema die Autoren solcher Bücher auf amüsante Abwege führt, leistet es auch einer gewissen Langatmigkeit Vorschub. Adams beispielsweise kann der Versuchung nicht widerstehen, sich über Nebensächliches zu ergehen, z.B. ein Buch mit dem Titel The No Cussing Club: How I Fought Against Peer Pressure and How You Can Too! [in etwa: ‚Der Nichtflucher-Club: Wie ich dem Gruppendruck widerstand und wie ihr das auch schafft!“; Anm. d. Übers.], das 2009 von dem 14-jährigen McKay Hatch veröffentlicht wurde. Angewidert von der Menge obszöner Ausdrücke an seiner Schule, gründete Hatch seinen Club, in dem nur saubere Sprache gesprochen wird. Laut seinen PR-Unterlagen hat der No Cussing Club inzwischen 20.000 Mitglieder. Hatch schreibt: „Ich war einfach ein ganz normales Kind. Aber heute sagen mir mein Vater, meine Lehrer, der Bürgermeister meiner Stadt und Menschen aus vielen verschiedenen Ländern, ich hätte etwas bewirkt. Manchmal sagen sie sogar, ich hätte die Welt verändert.“

Ein oder zwei Absätze über so etwas zu lesen, mag ja ganz amüsant sein, aber nicht fünf, wie bei Adams. Außerdem scheint die implizite Schlussfolgerung, der Widerstand gegen vulgäres Sprechen werde ständig größer, schlichtweg falsch zu sein. Wie bereits erwähnt, scheint in unserem Land doch einiges eher auf eine steigende linguistische Toleranz hinzudeuten. Ein gutes Beispiel dafür ist die öffentliche Reaktion auf Donald Trumps sogenanntes „Pussy-Tape“ aus dem Jahr 2005. Viele Leute (auch ich) haben sich dieses Video angesehen, nachdem es vier Wochen vor der Wahl im letzten Jahr ins Netz gestellt wurde, und daraus geschlossen, dass Trump keinesfalls gewählt werden würde. Wir wurden eines Besseren belehrt.

Bei Benjamin K. Bergen ist das Problem, dass er seine Freude am Unanständig-Sein nicht im Zaum halten kann. Oft, sehr oft sogar, erinnert er mich an einen kleinen Jungen, der zu seiner Mutter in die Küche gelaufen kommt, „Pipikacka, Pipikacka!“ brüllt, lachend davonrennt und hofft, dass sie ihm mit dem Nudelholz oder einem ähnlichen Gegenstand hinterherkommt. Es gibt einfach nicht einen schmutzigen Witz auf dieser Welt, den er nicht lustig findet.

Als Papst Franziskus 2014 bei seiner wöchentlichen Generalaudienz im Vatikan versuchte, in questo caso [in diesem Fall] zu sagen, entfuhr ihm stattdessen ein in questo cazzo [in dieser Scheiße] – ein verständlicher Fehler, da sich die beiden Wörter doch sehr ähnlich sind, und der Papst korrigierte sich auch umgehend. Aber trotzdem ergeht sich Bergen in dem Kapitel „The Day the Pope Dropped the C-Bomb“ endlos über die unterstellte Signifikanz dieses Versprechers. Dass er ein vulgäres Wort wie cazzo äußere, bringe den Papst „in eine ideologischen Zwickmühle“, schreibt Bergen. Welche Zwickmühle? Nun,

„wenn das Schimpfwort versehentlich benutzt wurde, dann ist der Papst in Bezug auf die Sprache genauso fehlbar wie jeder von uns, was nicht unbedingt das beste Image für den erklärten Vertreter Gottes auf Erden ist. Im umgekehrten Fall wäre er zwar immer noch unfehlbar – dann aber hätte er das Wort cazzo absichtlich benutzen müssen. Was wieder nicht das Bild wäre, das er von sich vermitteln möchte.“

Es war sehr eindeutig ein Versprecher. Aber Bergen kann es einfach nicht lassen, sich darüber zu erheitern, dass der Papst Scheiße gesagt hat. Manchmal scheint es, als habe er sein Buch für Teenager geschrieben. Er erklärt, was Silben und Pronomen sind, und er spricht uns mit dude [in etwa: „Alter“; Anm. d. Übers.] an.

Von Arschgesichtern und Sklavenhalter-Ausdrücken: Wo die Grenze verläuft

Bergens Leidenschaft, unanständige Wörter von der Zensur zu befreien, geht so weit, dass er sogar rassistische Beleidigungen anführt. Er schreibt, er habe ein Prinzip entwickelt – er nennt es sein „Heiliges-Fick-Scheiß-Neger-Prinzip“ –, das besagt, dass fast alle Obszönitäten in der englischen Sprache mit Religion, Sex, Ausscheidungen oder ethnischen Unterschieden zu tun haben. Er jedoch sei der Meinung, dass Wörter der vierten Kategorie dasselbe freie Geleit bekommen müssten wie die anderen drei. Er führt einige alte Argumente an, insbesondere jenes, dass Leute, die das Wort nigger [Neger] verwenden, kein Standardenglisch sprächen, sondern afroamerikanisches Englisch (wobei es sich um ein Synonym für „Ebonics“ zu handeln scheint, einen Begriff, über den in den späten 1990er Jahren viel diskutiert wurde). Da vor allem Afroamerikanerinnen und Afroamerikaner afroamerikanisches Englisch sprächen, bestrafe man durch die Unterdrückung des Wortes nigger vor allem jene, die man eigentlich schützen wolle.

Ich allerdings denke, dass solche Argumente einen anderen Hintergrund haben, nämlich das sogenannte „Ich fühle mich angegriffen“-Veto, das Studierende an unseren Universitäten und viele andere Menschen die Forderung aufstellen lässt, von allen Informationen abgeschirmt werden, die ihnen lästig sind. Bergen hasst Selbstgerechtigkeit, die er, so denke ich, auch all jenen vorwirft, die immer, wenn sie „nigger“ sagen müssten – und sei es nur, um einen bestimmten Fall zu beschreiben (z. B. „Er sagte ‚Nigger‘“) und nicht einen Zustand (z. B. „Er ist ein Nigger“) –, lieber zu der Umschreibung „das N-Wort“ greifen. Der Sinn bei der Verwendung dieser Formulierung scheint nicht hauptsächlich darin zu bestehen, die Beleidigung zu vermeiden, sondern die Sprecherinnen und Sprecher als Person darzustellen, der ein solcher Fehler niemals unterlaufen würde. Wie andere Autoren, die sich in jüngster Zeit zu diesem Thema geäußert haben – Greg Lukianoff und Jonathan Haidt in ihrem vieldiskutierten Essay „The Coddling of the American Mind“, der im September 2015 in der Zeitschrift The Atlantic veröffentlicht wurde, oder Timothy Garton Ash in seinem kürzlich erschienenen Buch Redefreiheit: Prinzipien für eine vernetzte Welt –, treibt auch Benjamin K. Bergen die Sorge um, unsere Gehirne könnten an Leistungskraft einbüßen, wenn wir Meinungsverschiedenheiten und Debatten aus dem Weg gehen.

Ich billige diese Einstellung. Aber Bergen hätte nicht versuchen sollen, diese Kontroverse parallel zu den Streitigkeiten über Obszönitäten abzuhandeln. Jemanden als Arschgesicht zu bezeichnen ist zwar nicht besonders nett, beleidigt aber nur eine einzige Person. Wenn allerdings ein Weißer einen Schwarzen als Nigger oder Neger bezeichnet, also ein Wort benutzt, das die Sklavenhalter benutzt haben, beleidigt er 13 Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung und beschwört in pervers lockerem Tonfall – so, als wäre doch längst alles wieder in Ordnung – das schlimmste Verbrechen, das unser Land je begangen hat und mit dessen Folgen wir immer noch leben, Tag für Tag. (Am Ende des Kapitels über beleidigendes Sprechen scheint Bergen dann ebenfalls zu dieser Ansicht zu kommen. Wahrscheinlich hat sein Lektor ihn gebeten, das Ganze etwas zu entschärfen.)

Was das Fuck und all seine anverwandten Formen angeht, ist Bergens Standpunkt nachvollziehbar. Manchmal sind solche Ausdrücke einfach treffend, und auch wenn sich ein harmloses Äquivalent finden ließe, wäre das wahrscheinlich deutlich weniger befriedigend. Schimpfwörter, so schreibt er, sind ein „herrlich schmutziges Vergnügen“. Auch Michael Adams ist ganz vernarrt in sie, ja, ist der Ansicht, dass sie einer Art Schattenreich in unseren Gedanken und Leben entstammen – einer Kreuzung aus Wut und Heiterkeit –, die Beachtung verdient. Wo Bergen manchmal etwas albern ist, wird Adams sentimental, aber beide stehen auf der richtigen Seite.

Literatur:
Benjamin K. Bergen, What the F: What Swearing Reveals About Our Language, Our Brains, and Ourselves, Basic Books, 2016.
Michael Adams, In Praise of Profanity, Oxford University Press 2016.

Erstveröffentlichung am 9. Februar 2017 in der New York Review of Books.
http://www.nybooks.com/articles/2017/02/09/f-ing-around/?printpage=true
 

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