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Wenn es der Vulkan erlaubt

Neapel ist die am dichtesten besiedelte Stadt Europas. Die Menschen hier machen sich ihre eigenen Regeln, organisieren ihren Alltag auf kleinstem Raum. Was sind Freiräume in einer Stadt, in der Platzmangel herrscht? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, sind Sophia Karimi und Yasser Almaamoun Ende Mai 2018 als Projektpartner aus Amsterdam in die süditalienische Metropole gereist – und haben sich mit der Enge, der Schicksalsergebenheit und der Energie Neapels konfrontiert. Eine Reportage.

Von Uwe Rada

In ihrer Miniaturensammlung Neapel – Lieblingsorte erzählt die gebürtige Neapolitanerin Maria Carmen Morese auch von der Schriftstellerin Elena Ferrante, die mit ihrer Romantetralogie Meine geniale Freundin die süditalienische Metropole wieder ins europäische Bewusstsein eingeschrieben hat. „Schon einmal war das Bild Neapels von der Literatur bestimmt“, schreibt Morese und meint natürlich Goethe und seine Italienische Reise. „Doch dann kamen die Neapelfilme, und das Image der Stadt hat sich verschlechtert. Mit Ferrante ist wieder die Literatur am Zuge.“

Und wie sah es lange Zeit aus, das Image dieser Stadt? Meer, Camorra, fauler Süden? Morese erzählt, wie Lenú und Lina, die Heldinnen in Ferrantes Romanen, die in den 1950er Jahren in einem nicht näher bezeichneten Stadtviertel aufgewachsen sind, am Castel dell‘Ovo zum ersten Mal das Meer sehen – im Alter vom dreizehn Jahren. „Denn die Aussicht auf die blaue Bucht können nur die Schönen und Reichen aus den mondänen Vierteln Chiaia und Posillipo genießen“, stellt Morese nüchtern fest und führt als Beweis noch den Titel eines Romans von Anna Maria Ortese an, Il mare non bagna Napoli (in etwa: „Neapel liegt nicht am Meer“). „Wer in den finsteren Gassen lebt“, schreibt Morese weiter, „weiß nicht einmal, dass Neapel am Meer liegt. Für ihn ist die leuchtende See nur ein Wort. Bestenfalls ein vager Traum.“

Freier Raum als Mangelware und Luxusgut

Es verwundert nicht, dass Morese so einiges einfällt zu Neapel und dem Meer, zum Dunkel der Gassen und der Helligkeit oben in den Reichenvierteln von Vomero, wo der Meeresblick zwar gratis, die Miete für die meisten aber unerschwinglich ist. Und natürlich fällt der Autorin, die zugleich das Goethe-Institut in Neapel leitet, vieles ein zum Thema Freiheit und Freiraum. Im schicken Stadtteil Chiaia, wo das Goethe-Institut im Palazzo Sessa residiert, ist das Meer allgegenwärtig, und das Meer bedeutet gleichzeitig Freiheit und Weite; mit Blick auf das Meer kann man hier seinen Gedanken freien Lauf lassen.

Ganz anders hingegen sieht es aus in den engen Gassen der benachbarten armen Quartieri Spagnoli, den Spanischen Vierteln, oder im von der Camorra heimgesuchten Armenbezirk Sanità. Wer hier aus seiner beengten Behausung auf die Straße tritt, findet sich auf beengten Straßen wieder. Freiraum ist hier Mangelware. Auch deshalb hat sich das Goethe-Institut in Neapel mit seinem Projektpartner die Frage gestellt, wie es sich in einer Stadt lebt, in der es kaum Platz gibt. „Die Bevölkerung Neapels reagiert auf die hohe Bevölkerungsdichte und Enge der Stadt mit einem Lebensstil, der von großer Toleranz geprägt ist“, heißt es im Freiraum-Projektentwurf fast schon bewundernd. Aber dieser Lebensstil hat auch seinen Preis: „Illegale Bauten werden als Maßnahme gegen die strikten staatlichen Regelungen und als Recht auf die Erweiterung des eigenen Lebensraumes betrachtet – doch handelt es sich hierbei wirklich um Freiheit?“

Grenzen, die andauernd und regellos verschoben werden

Die Frage wäre also: Kann es Freiheit ohne Freiraum geben? In den Quartieri Spagnoli ist es üblich, einen einmal mit Mühe und Glück gefundenen Parkplatz mit einigen Stühlen zu markieren, wenn man mit dem Auto wieder wegmuss und die Vespa gerade nicht zur Hand ist. Eine Art von ‚claiming the street‘ auf Kosten anderer, die ebenfalls einen Parkplatz suchen. Doch niemand würde einen zur Rede stellen, der zwei Plastikstühle auf die Straße stellt und sie mit einem Flatterband verbindet. Genauso wenig wie einen Einzelhändler, der seine Waren auf der Straße ausbreitet. „Jeder testet hier seine Grenzen aus und schaut, wie weit er gehen kann“, sagt Goethe-Programmleiterin Johanna Wand, die vor elf Jahren von Thüringen nach Neapel gezogen ist. „So werden Grenzen in der Stadt immer wieder verschoben.“ Ein anderes Beispiel hierfür sind kleine Austritte oder Balkone, mit denen die Bewohnerinnen und Bewohner der Bassi, der dunklen und oft feuchten Erdgeschosswohnungen ihre Wohnfläche vergrößern – auf Kosten des öffentlichen Raums. Was aus der Perspektive der Bewohnerinnen und Bewohner eine Überlebensstrategie ist, ist aus Perspektive der Stadt eine Privatisierung des ohnehin knapp bemessenen öffentlichen Raums. „Diese Grenzverschiebungen geschehen hier ständig“, weiß Wand. „Nach welchen Regeln das geschieht, ist für Außenstehende ein Geheimnis.“

Auch in dem kleinen Film, den das Goethe-Institut in Neapel gedreht hat, um seine Freiraum-Fragestellung zu bebildern, sind solche Grenzverschiebungen zu sehen: Händler breiten ihre Auslage auf einem Mauervorsprung aus. Kein noch so kleiner Raum der Stadt ist vor einer solchen Aneignung sicher. Nicht einmal vor den Dächern macht der Wildwuchs halt, wie ein Blick vom Castel Sant‘Elmo auf dem Vomero hinunter in die Stadt zeigt.

Von physischer Enge und dem Freiraum eines Ateliers: Künstlerduo Bianco-Valente

An einem sonnigen Morgen im Mai treffen Maria Carmen Morese und Johanna Wand auf der Straße Spaccanapoli im Zentrum der Altstadt das Künstlerduo Bianco-Valente. Giovanna Bianco und Giuseppe Valente sind in Neapel die Partner des Goethe-Instituts beim Freiraum-Projekt. Sie arbeiten, so schreiben sie, oft an der Schnittstelle zwischen Geist und Körper. Gerade arbeiten sie an einer Ausstellung über Flüchtlinge, die in Palermo gezeigt werden soll. Nicht um die Vergangenheit soll es da gehen, sondern um die Zukunft derer, die bei ihrer Flucht auf dem Mittelmeer fast alles zurückgelassen haben. „Nur noch ihre Körper haben sie nun, und ihre Hoffnungen“, sagt Giuseppe, den alle nur Pino nennen.

„Als wir gefragt wurden, ob wir beim Freiraum-Projekt mitmachen, haben wir nicht gezögert, weil das Thema für Neapel sehr wichtig ist“, lacht Pino. „Freiheit gibt es nur, wo es auch Freiraum gibt.“ Bianco-Valente haben sich selbst und ihrer Kunst einen Freiraum geschaffen. Im Palazzo Marigliano haben sie ein paar Räume gemietet, vor ihrem Atelier lädt ein Garten zum Verweilen unter Palmen ein. Ein Luxus in Neapel, dessen Zentrum mit über 8.000 Menschen pro Quadratkilometer der wohl am dichtesten besiedelte urbane Raum Europas ist.

Ist Neapel, das New York der Antike, aber nun explizit eine Stadt der Unfreiheit? So weit will Johanna Wand nicht gehen, aber auch sie sagt: „Privatsphäre gibt es in Neapel kaum. Die Menschen leben dicht gedrängt, die Nähe der Körper zueinander gehört zur Stadt, niemandem macht dieser Körperkontakt etwas aus.“

Tatsächlich stößt man in den engen Gassen der größten Altstadt Europas immer wieder leicht an die Hauswände, an die Schultern der Entgegenkommenden, an Autos, die sich an einem vorbeiquetschen. „Ich empfinde hier ganz physisch Enge“, sagt Wand, „das Wort Distanz gibt es nicht. Man sucht hier die Nähe, man trägt alles hinaus.“ Dennoch ist die Atmosphäre in den Gassen des Centro Storico, auf der Einkaufsstraße Via Toledo, aber auch in den Quartieri Spagnoli oder in der Sanità nicht aggressiv. Gehupt wird nur, um sich Gehör zu schaffen, das vorwurfsvolle Hinterherhupen wie in Deutschland ist in Neapel eine Seltenheit. Stattdessen begegnet einem immer wieder viel Geduld, es gibt überraschende Momente von Höflichkeit und Aufmerksamkeit. Wo eh nichts schnell geht, kommt es auf ein paar Sekunden und Minuten auch nicht mehr an.

Arbeiten, um zu genießen: Chance und Risiko der Trägheit

So ist es in Neapel, dieser Stadt, in der alle nach draußen drängen, sobald es wärmer wird, schon immer gewesen. „Jedermann lebt in einer Art von trunkner Selbstvergessenheit“, berichtet bereits Goethe in seiner Italienischen Reise. „Mir geht es ebenso, ich erkenne mich kaum, ich scheine mir ein ganz anderer Mensch.“ Der Bruder dieser Geduld und Toleranz ist der Müßiggang, und auch den hat Goethe in Neapel kennengelernt und in seiner Italienischen Reise der Nachwelt vermacht, etwa wenn er schreibt, „daß alle in ihrer Art nicht arbeiten, um bloß zu leben, sondern um zu genießen, und daß sie sogar bei der Arbeit des Lebens froh werden wollen.“

Viele Beobachter, die im Anschluss an Goethe nach Neapel gereist sind, haben diesen Müßiggang nicht nur als typisch neapolitanisch beschrieben, sondern ihn auch als Grund für die Dauerkrise der Stadt ausgemacht. Denn Neapel hat es nicht geschafft, seinen Bedeutungsverlust nach der Einigung Italiens 1861 wieder wettzumachen, sondern ist abgesunken in die Halbwelt der Camorra und der Korruption.

Macht Neapel also nicht nur geduldig und tolerant, sondern auch träge und immun gegen die Schattenseiten des Südens, gegen Korruption und organisierte Kriminalität? Johanna Wand, die Italienisch und Literatur studiert hat, muss lachen. Das mit dem Träge-Werden, hat sie, wie Goethe, am eigenen Leib erfahren: „In meinen ersten Jahren in der Stadt war ich voller Energie, ich wollte der Stadt etwas davon abgeben, mich nicht so, wie die meisten hier, einfach abfinden mit den Dingen.“ Doch inzwischen muss sie feststellen, dass auch sie eine Neapolitanerin geworden ist. „Die Stadt hat mich absorbiert“, meint sie schmunzelnd.

Stadt ohne Futur: Die neapolitanische Schicksalsergebenheit

Trägheit und eine gewisse Immunität gegen die Zumutungen des Alltags gehören für Johanna Wand zu Neapel einfach dazu. Und einer der Gründe, warum das so ist, sei der Vesuv. „Der Vulkan ist im Leben der Neapolitaner allgegenwärtig“, meint sie. Mit ihm habe man die Vergänglichkeit des Lebens täglich vor Augen. „Neapel ist das Sinnbild eines Lebens, an dem der Tod einen entscheidenden Anteil hat.“ Das alles, so Wand, führe zu einem gewissen Fatalismus. Man nimmt die Möglichkeit, dass der Vulkan schon am nächsten Tag alles Leben zerstört, ebenso hin wie die Enge der Stadt, die Arbeitslosigkeit, die Camorra.

Die Erfahrung der Endlichkeit habe sich seit 2.500 Jahren derart in die DNA der Stadt eingeschrieben, ergänzt Giuseppe Valente, dass es im Neopolitanischen, das viele hier noch immer sprechen, kein Futur gibt. „Man sagt hier nicht, morgen werde ich dieses oder jenes tun, sondern: Morgen würde ich dieses und jenes tun. Wenn es der Vulkan erlaubt.“ In Neapel bedeutet das Leben auf dem Vulkan nicht Party bis zum bitteren Ende, sondern Gottergebenheit und Demut.

„Der Druck auf den Schultern lässt nach“: Neapel, durch andere Augen gesehen

Zwei Tage nach dem Treffen zwischen den Goethe-Mitarbeiterinnen und dem Künstlerpaar Bianco-Valente ist es endlich soweit: Die Tandempartner aus Amsterdam sind in Neapel angekommen. Sophia Karimi, die beim Goethe-Institut in Amsterdam im Kulturprogramm arbeitet, ist aus den Niederlanden da, Yasser Almaamoun ist aus Berlin, wo er in einem Architekturbüro arbeitet, nach Neapel geflogen. Sowohl Karimi als auch Almaamoun sind beschäftigt mit dem Thema der „Newcomer“ in Europa, Karimi, weil sie in Amsterdam mit Pages zusammenarbeitet, einer Buchhandlung mit angeschlossenem Café, das zu einem Treffpunkt von Einheimischen und arabischen Flüchtlingen geworden ist, Almaamoun, weil er selbst ehemaliger Flüchtling aus Syrien ist und im Rahmen des Projekts „Multaka“ Neuangekommene durch Berliner Museen führt.

Doch Amsterdam und Berlin sind weit weg, als die beiden ihre ersten Schritte durch Neapel tun. „Es ist so laut hier“, staunt Yasser Almaamoun und fühlt sich augenblicklich an Damaskus erinnert. Sophia Karimi kennt Menschenmassen auf den Straßen auch aus Amsterdam. „Doch da sind es vor allem Touristen“, sagt sie. Das Gedrängel von Neapel dagegen geht auch auf das Konto der Neapolitaner selbst. Hier begreifen beide schnell, was Giovanna Bianco und Giuseppe Valente mit einer Freiheit meinen, die in Neapel vor allem ‚Freiraum‘ bedeute. Gleichzeitig sagt Almaamoun, zu dessen kulturellem Erbe Goethe nicht gehört, er habe sofort nach der Landung, auf der Taxifahrt in die Innenstadt gespürt, „wie der Druck auf meinen Schultern augenblicklich nachgelassen hat“.

All ihre Eindrücke müssen Almaamoun, Karimi und die Buchhandlung Pages nun in ein Projekt verwandeln, eine Ausstellung, einen Film, ein Theaterstück. Wie das aussehen soll, wissen sie noch nicht, aber eines ist gewiss: Sie werden ein Bild finden, das die Stadt symbolisiert, eine Stadt, die ihre eigenen Gesetze hat und für die Rom so weit entfernt ist wie Brüssel. Vielleicht sogar eine Stadt, die als Metapher für eine Zukunft taugt, in der sich eine staatliche Ordnungsmacht peu à peu zurückzieht und die ihre Bewohnerinnen und Bewohner zunehmend sich selbst überlässt. Und noch eines zeigt Neapel: Menschen sind in der Lage, die Regeln ihres Zusammenlebens selbst auszuhandeln. Sie brauchen dazu keine Staatlichkeit und keine Polizei. Jeder nimmt sich, was er braucht, und wenn sich Widerstand regt, zieht man sich wieder ein Stück zurück. So machen es die Armen, so macht es, das gehört zu den Schattenseiten der Freiheit, die Mafia. 

Eine Stadt rückt ans Meer

Und auch das Meer könnte in einer künstlerischen Bearbeitung der Frage aus Neapel – „Wie organisiert man seinen Lebensraum in Bezug auf andere Menschen?“ – eine Rolle spielen. Denn Neapel, dessen Abgewandtheit von der Küste einst der US-Navy geschuldet war, die den Hafen okkupiert und so vom Rest der Stadt abgetrennt hatte, rückt wieder ans Meer heran. Auf der Piazza del Plebiscito, dem größten Platz der Stadt, wurden schon in den 1990er Jahren die parkenden Autos verdrängt. Nun spielten dort die Armen aus den Quartieri Spagnoli Fußball, erzählt Maria Carmen Morese. Auch am Meer selbst wurden die Autos vertrieben. Sechs Kilometer lang ist der Lungomare, der unterhalb der Piazza del Plebiscito beginnt und bis nach Posillipo führt. Heute würden die Heldinnen aus Elena Ferrantes Büchern das Meer sicher früher zu Gesicht bekommen als erst mit dreizehn Jahren.

Vielleicht wäre das ja ein künstlerischer Beitrag von Sophia Karimi und Yasser Almaamoun: den Schriftzug mit dem geflügelten Satz „Il mare non bagna Napoli“, den Bianco-Valente vor einigen Jahren auf dem Dach des Museo Madre installiert haben, einfach wieder abzunehmen und durch einen anderen zu ersetzen. Zum Beispiel durch einen Satz von Newcomern in Europa, für die das Meer Hoffnung und Massengrab zugleich ist.

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