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Sicher ist nicht sicher

In der Beursschouwburg in Brüssel setzen sich für einen Abend sehr unterschiedliche Menschen an acht große Tische und diskutieren: über Sicherheit und Freiheit, über die Abstriche, die man bereit ist beim einen zu machen, um mehr vom anderen zu bekommen. Die „Big Conversation“, die Ende Januar im Rahmen von Freiraum stattgefunden hat, bringt Menschen zusammen, die sonst nicht miteinander reden würden.

Von Uwe Rada

Pé Verhoeven ist geduldig. „Nein“, sagt er, „allzu oft passiert es nicht, dass in der WhatsApp-Gruppe Alarm ausgelöst wird.“ Der spektakulärste Fall sei eine Gruppe von Fahrraddieben gewesen, die in Verhoevens Straße auf Beutetour war. „Als wir das gemerkt haben, haben wir über WhatsApp unsere Mitglieder informiert und sie gebeten, vor die Tür zu gehen und auf ihre Fahrräder aufzupassen.“ Die Diebe wurden erwischt, und Verhoeven versuchte, die Täter in ein Gespräch zu verwickeln. „Wir konnten sie tatsächlich hinhalten, bis die Polizei da war und sie festgenommen hat.“

Verhoeven, etwa 60 Jahre alt, graue Haare, freundlicher Gesichtsausdruck, sitzt in einem Stuhlkreis im Theatersaal des Brüsseler Kulturzentrums Beursschouwburg. Es ist Ende Januar, und er erzählt von der Nachbarschaftsgruppe, die er in der Avenue Émile Max im Stadtteil Schaarbeek gegründet hat. Vielmehr: Er steht Rede und Antwort, bei einer Veranstaltung, die sich „Big Conversation“ nennt und bei der es um das Verhältnis von Sicherheit und Freiheit geht. Dass er als Vertreter einer Bürgerwehr angekündigt wurde, hält er für ein Missverständnis. „Wir machen Selbsthilfe“, betont er und zeigt auf die gelben Schilder, die er mitgebracht hat und die die Mitglieder der Gruppe hinter den Fenstern ihrer Häuser anbringen. „Attention. Prévention contre les voleurs“ steht darauf, „Achtung. Schutzmaßnahmen gegen Diebstahl“.
Zwei Kameras an einer Hauswand 2 Pawel Czerwinski © unsplash

Bürgerwehr mit philosophischem Hintergrund?

Es ist einigermaßen ungewöhnlich, dass einer wie Pé Verhoeven, der in einem Einfamilienhaus in einer gentrifizierten Nachbarschaft in Schaarbeek lebt, auf Leute trifft, die sonst eher zu den Gegnerinnen und Gegnern von Gentrifizierung gehören. Doch um teure Mieten und Verdrängung geht es nicht am Tisch von Pé Verhoeven. Sein Thema ist das fragile Verhältnis von Freiheit und Sicherheit. Schränkt seine „Neighborhood Watch Group“ die Freiheit anderer ein, sich im öffentlichen Raum der Stadt zu bewegen, ohne sich dabei beobachtet zu fühlen? Schränkt ein Mehr an Sicherheit nicht sogar die Freiheit der Bewohnerinnen und Bewohner ein, nicht die ganze Zeit daran denken zu müssen, Opfer einer Straftat werden zu können? Oder wiegt der (potenzielle) Gewinn an Sicherheit mehr als der (theoretische) Verlust an Freiheit, der damit einhergeht? Nur, wessen Sicherheit und wessen Freiheit sind gemeint? Wie lässt sich das vergleichen – und verhandeln?

Pé Verhoeven kennt solche Fragen, er nennt sie den „philosophischen Hintergrund“ seiner 40 Köpfe zählenden Nachbarschaftsgruppe. Auch dazu hat er während der Big Conversation an seinem Tisch in der Beursschouwburg etwas zu sagen. Als Student, erzählt er, sei er durch die USA gereist und habe sich gefragt, ob es in den Gated Communities nicht gefährlicher sei als im öffentlichen Raum der sie umgebenden Stadt. „Ich habe mich damals etwas unwohl und beobachtet gefühlt, als ich durch diese Straßen gegangen bin“, räumt er ein. Aber inzwischen sei er älter und seine Privatsphäre und die seiner Freundin und ihres Kindes seien ihm wichtiger als die Bedenken, mit denen er sich als kritischer Student in seiner Vergangenheit getragen habe.

Lieber unter sich bleiben

Sicherheit und Freiheit: Dieses Themenpaar zieht sich wie ein roter Faden auch durch das Freiraum-Projekt des Goethe-Instituts. Als zwei Vertreter der Beursschouwburg im vergangenen Mai nach Warschau reisen, treffen sie sich mit Katarzyna Szymielewicz, der Chefin der Stiftung Panoptykon, die sich in Polen gegen Überwachung im Internet engagiert. „Welche Entscheidung würden wir treffen, wenn wir frei wählen könnten zwischen vollständigem Zugang zu Information und dem Leben in einer Filterblase?“ So lautete die Frage aus Warschau an das Projekt, und der „philosophische Hintergrund“, wie Pé Verhoeven sagen würde, liegt in der Frage, wieviel Neugier auf das Fremde es wohl braucht, damit man die eigene Komfortzone verlässt. Denn die so genannten Filterblasen sind ja keine Erfindung von Google und Facebook, sondern ein schon länger bekanntes Phänomen, das den ureigenen Wunsch eines jeden Menschen abbildet, in einer Welt voller Unsicherheiten Schutz unter seinesgleichen zu suchen.

Das wissen auch die Zuhörerinnen und Zuhörer in Verhoevens Arbeitsgruppe bei der Big Conversation. Der Vertreter der Nachbarschaftsgruppe in Schaarbek sitzt an Tisch vier. Insgesamt sind es acht Tische, an denen Themen verhandelt werden, die um die Begriffe „Freiheit“ und „Sicherheit“ kreisen. Es geht um Datenschutz und Überwachung, um sichere Wohnungen und die Verteidigungspolitik der EU. In drei Runden können die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in drei verschiedene Themen eintauchen. Das Spannende daran ist: Hier treffen Leute zusammen, die sonst nie miteinander an einem Tisch sitzen würden.

Die Menschen an Tisch vier kommen aus Brüssel, Argentinien und Finnland. Sie müssen sich konzentrieren, denn das Gemurmel von den anderen Tischen hängt im Saal wie ein Klangteppich. Neugierig fragt der junge Mann aus Argentinien, wo Verhoeven denn den Trennstrich ziehe zwischen einem Passanten und einem möglichen Dieb. „Wenn jemand durch die Straße geht und jedes Haus fotografiert, macht er sich verdächtig“, erklärt Verhoeven. „Und was ist mit Touristen?“, lautet die Gegenfrage. „Die kommen nicht in unsere Straße, wir stehen in keinem Reiseführer.“

Verdächtig oder neugierig – es ist ein schmaler Grat. Verhoeven vertraut auf seinen gesunden Menschenverstand. Und betont, dass seine Gruppe die Arbeit der Polizei nicht infrage stelle: „Wir sehen uns als Unterstützung. Aber entscheidend für uns ist: Fühlen wir uns sicher oder nicht? Ich habe mich dafür entschieden, dass ich mich sicher fühlen möchte. Und der positive Nebeneffekt ist: Als Nachbarn haben wir uns besser kennengelernt, wir reden wieder mehr miteinander.“

Bürgerstreifen in Brandenburg

Nachbarschaften, die sich gegen Einbrecher zur Wehr setzen, gibt es auch in Deutschland. Im brandenburgischen Neuzelle machen Bewohnerinnen und Bewohner des Ortsteils Kummro mit Schildern auf sich aufmerksam. „Chronimy siebie“ steht da auf Polnisch. Das heißt: „Wir schützen uns.“ Auch auf Russisch und Rumänisch steht diese Warnung auf den Schildern. Nicht dagegen auf Deutsch. Die potenziellen Täterinnen und Täter werden also – im Gegensatz zur Gruppe von Pé Verhoeven –, von vornherein ethnisch markiert. Im benachbarten Eisenhüttenstadt hat die Polizei vor einigen Jahren mit einer Bürgerwehr zusammengearbeitet, wollte sie als „Sicherheitspartner“ bei der Kriminalitätsbekämpfung gewinnen. Dann stellte sich heraus, dass ebenjene Bürgerwehr von Neonazis unterwandert war. Im nahen Lawitz wiederum gingen nach der Ankunft von Flüchtlingen im Jahr 2015 viele Bürger selbst auf Streife – und weigerten sich, mit der Polizei zusammenzuarbeiten. Man mache sich sonst zum Helfer einer Politik, die die Bürger nicht mehr schützen könne, wurde einer von ihnen in einer Reportage der Zeit zitiert. Die Reporterin, die eine Woche mit der selbstbenannten „Bürgerstreife“ unterwegs war, stellte hinterher fest: „Wenn man erst mal anfängt, genau hinzuschauen, wird vieles verdächtig.“
Ein Fichtenwald Irina Iriser © unsplash
In Flandern, sagt Pé Verhoeven, gibt es Kommunen, die Bürgerwehren unterstützen. Doch die Grenzen zwischen einer Nachbarschaftsgruppe und einer Bürgerwehr, die den Staat offen ablehnt und die Sicherheit selbst in die Hand nehmen will, sind fließend. Aber ist das nur beim Thema Sicherheit im Wohnviertel so?

Sicher in der eigenen Bar?

An einem anderen Tisch in der „Beurs“ sitzt Aru Lee. Sie ist eine queere, Schwarze Aktivistin, die lange in der Bar „Mothers and Daughters“ in Brüssel gearbeitet hat. Die Bar selbst versteht sich als „sicherer Ort“ für Frauen und Lesben, auf ihrer Internetseite ist von einem „inklusiven Raum“ die Rede. Unerwünschtes Verhalten wird gleichzeitig kategorisch benannt: „We want to create a feminist safer space, which means that racism, sexism, biphobia, transphobia, queerphobia, fatphobia, homophobia, butchphobia, sissyphobia, ableisms, ageism, femmephobia, toxic masculinity, misogyny and classism are not welcome here.“

Aru Lee selbst hat ihre Runde bei der Big Conversation als Einladung angekündigt, über sichere Orte und sichere Communitys zu reden. In der Diskussion selbst gibt es viel Zustimmung zum Konzept der Bar. Freiheit und Sicherheit scheinen hier eine Allianz miteinander einzugehen: Der Rückzug aus dem öffentlichen Raum bei gleichzeitigem Ausschluss von Personen, die nicht in die Zielgruppe gehören, schafft offenbar Freiheit und Sicherheit zugleich. Tatsächlich? Auch für Aru Lee? Nicht ganz, denn als Schwarze spüre sie in der Bar immer auch den Weißen Blick, wie sie verrät. Der Rückzug in einen selbstbestimmten, eigenen Raum wirft also immer auch die Frage auf, wer sich in diesem Raum wohl fühlt und wer nicht.
Ein Zebrastreifen in Regenbogenfarben Tayla Kohler © unsplash
Und eine weitere Frage folgt auf dem Fuße: Kann man Nachbarschaftsgruppen wie die von Pé Verhoeven, die die Freiheit zugunsten der Sicherheit aufs Spiel zu setzen scheinen, mit Menschen vergleichen, die Erfahrungen gemacht haben, deretwegen sie um sich herum einen „safe space“ organisieren? Sind Rassismus und Frauen- und Lesbenfeindlichkeit einerseits und die Verletzung der Privatsphäre bzw. der eigenen vier Wände andererseits grundverschiedene Erfahrungen? Oder am Ende zwei Seiten ein- und derselben Medaille? Dass Fragen wie diese aufgeworfen werden, ist einem Format wie dem in Brüssel geschuldet, bei dem Themen zusammen debattiert werden, die sonst nur sehr getrennt voneinander verhandelt werden.

Rein ins Getümmel

Am 29. November 2016 um 14.03 Uhr bekam der Spiegel-Korrespondent Hasnain Kazim Post. „Herr Kazim, Sie sind ein SCHMIERFINK, der nur ANTIDEUTSCH DENKT UND SCHREIBT!!! Ich habe noch nie etwas Vernünftiges aus Ihrer Feder gelesen, noch nie! Sie erlauben sich wirklich etwas, als AUSLÄNDER uns Deutsche belehren zu wollen in Ihrem überheblichen Ton! Komm du SCHREIBERLING zu mir, dann zeige ich dir, was ein ECHTER DEUTSCHER ist!!!“

Der Absender hatte seinen Hassbrief mit vollem Namen unterzeichnet. Anders als Pé Verhoeven und die Betreiberinnen der Bar „Mothers and Daughters“ machte Kazim jedoch nicht die Schotten dicht, sondern warf sich ins Getümmel. Noch am selben Tag schrieb er an den Absender zurück: „Lieber Herr S., haben Sie vielen Dank für Ihre Nachricht! Ich freue mich sehr über Ihre Einladung, sehr gerne komme ich zu Ihnen. Da ich zufälligerweise mit meiner Familie (Großeltern, Eltern, Geschwistern, drei Ehefrauen (die vierte konnte nicht, die liegt gerade im Kreißsaal und kriegt unser sechstes gemeinsames Kind), acht Kindern, 17 Cousinen, 17 Cousins und 22 ihrer Kinder) ohnehin in Ihrer Nähe auf Urlaub bin, würde ich gerne gleich am Sonntag, 4. Dezember, vorbeischauen und mit Ihnen Advent feiern. Wir alle freuen uns sehr, von Ihnen zu lernen, was ein "echter Deutscher" ist! Mit besten Grüßen, Hasnain Kazim.“

Kazim, Sohn indisch-pakistanischer Eltern, geboren in Oldenburg, aufgewachsen in Schwaben, stellt seinen Briefwechsel bei der Big Conversation in Form einer „Intervention“ vor. Als er die deutsche Fassung und Samira Saleh die englische liest, ist es mucksmäuschenstill im Theatersaal der Beursschouwburg. Vielleicht weil die Hasspost, die Kazim bekommt, einen dritten Aspekt ins Verhältnis von Sicherheit und Freiheit einführt: die Gewalt. Und weil Kazim sich nicht zurückzieht, sondern diese Gewalt öffentlich macht und mit dem Finger auf die zeigt, die sie ausüben.
Fußgängerbrücke auf einem Bahngleis Flowerflister Photogapher © unsplash

Freiheit ist kontextabhängig

Und trotzdem erlebt er auch im näheren Umfeld durchaus irritierende Momente, wie er seinem Publikum bei der Big Conversation erzählt: „Es gab Redakteure beim Spiegel, die meinten, ich müsse angemessen reagieren, denn auch die Verfasser solcher Mails seien schließlich Leser.“

Ist das eine sehr deutsche Art im Umgang mit Menschen, die sich wehren? Es ist das Verdienst von Dietmar Kammerer, an seinem Tisch in der „Beurs“ darauf hinzuweisen, dass es in verschiedenen nationalen Kontexten auch „verschiedene Traditionen von Freiheit“ gibt: „In Deutschland gibt es im Vergleich zu Großbritannien weniger Kameras, aber mehr Widerstand gegen Videokameras“, weiß Kammerer, der über die Überwachung öffentlicher Räume promoviert hat. „Dagegen gab es in Großbritannien Widerstand gegen die Einführung einer ID-Card, und lange Zeit waren die Polizisten unbewaffnet.“

Die Balance zwischen Sicherheit und Freiheit, Gewalt und Gegenwehr, vielleicht auch die zwischen Offenheit und Misstrauen, bleibt nach der Big Conversation weiterhin ein schwieriges Thema. Gut aber, dass so viele verschiedene Seiten einmal zu Wort gekommen sind. Ein toller Abend.
 

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