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Mit einer dreitägigen, fast festivalartig umfangreichen Veranstaltung in Berlin zog das Projekt Freiraum nach knapp zwei Jahren intensiver Zusammenarbeit mit Reden, Diskussionen, Konzerten, einer Ausstellung und Filmvorführungen Zwischenbilanz. Und bei fast allen beteiligten Goethe-Instituten und ihren Partnern heißt es nun: weitermachen!

Von Annette Walter

Der Himmel über Berlin ist grau und trüb an diesem Märznachmittag, kalter Wind zieht durch die Straßen. Das aber stört die Gruppe der rund 25 vor dem Moabiter Unionpark versammelten Frauen nicht. Sie singen das Lied „Bella ciao“, das ursprünglich während des Zweiten Weltkriegs von italienischen Widerstandskämpfern gegen das Mussolini-Regime gesungen wurde und das bis heute weltweit für antifaschistische und sozialistische Bewegungen eine Hymne ist. Trotz des ungemütlichen Wetters bleiben einige Passant*innen stehen und klatschen nach der Darbietung.

Wie das Singen im öffentlichen Raum zu gelebter Protestkultur werden kann, das zeigt dieser beeindruckende Spaziergang mit dem slowenischen Frauenchor „ŽPZ Kombinat“. Das improvisierte Open-Air-Konzert war einer der vielen Programmpunkte bei der mehrtägigen Veranstaltung „FREIRAUM in Berlin – Zum Stand der Freiheit in Europa: Ausstellung, Diskussion, Konzert, Performance in Berlin“, mit der das Goethe-Projekt Freiraum nach fast zwei Jahren Laufzeit ein großformatiges Zwischenresümee gezogen hat.
Gruppenbild der Teilnehmenden der Veranstaltung FREIRAUM Berlin Foto: Anja Weber © Goethe-Institut Als die Frauen in der Arminiusmarkthalle „Bandiera rossa“ anstimmen, eines der bekanntesten Arbeiterlieder überhaupt, scharen sich sofort zahlreiche Erwachsene, Kinder und Händler um den Chor. „Die rote Fahne wird triumphieren. Es lebe der Kommunismus und die Freiheit“, heißt es in dem Lied. Bei der nächsten Station auf dem Mathilde-Jakob-Platz – benannt nach einer Vertrauten von Rosa Luxemburg, die im KZ Theresienstadt ermordet wurde – gehen Geschichte und Gesang eine stimmige Allianz ein: Hier wird das slowenische Antikriegs-Lied „Pesem Upora“ aus der Versenkung geholt und mit neuem Leben gefüllt. Auch hier hören Menschen spontan zu, eine Frau mit Kinderwagen möchte wissen, was es mit dem Lied auf sich hat. Der Gesang der Frauen bringt Menschen ins Gespräch, und genau das ist Maja Žiberna ein besonderes Anliegen. Die Journalistin und Regisseurin beim öffentlich-rechtlichen Slowenischen Rundfunk hat im Rahmen von Freiraum einen Dokumentarfilm über den Chor gedreht.

Kaffee und Rückschau an Runden Tischen

Wie alle anderen Teilnehmer*innen war Ziberna auch dabei, als es am ersten Vormittag des Berliner Treffens darum ging, den Stand und die Ergebnisse der 21 Freiraum-Projekte bzw. -kooperationen in einer internen Gruppenarbeit Revue passieren zu lassen. In der großräumigen Halle des Zentrums für Kultur und Urbanistik (ZK/U) sitzen die Freiraum-Partner*innen dicht gedrängt auf Bänken um fünf Holztische, viele haben einen Kaffee vor sich stehen. Die meisten haben eine lange Anreise hinter sich, sind Hunderte von Kilometern aus ihren Städten nach Berlin gekommen, sei es aus Tirana, Nicosia, Rom, Dublin, Sofia, Rijeka, Skopje, Carlisle oder aus einer der vielen anderen beteiligten 40 europäischen Städte.

An jedem der Tische wird über ein anderes der fünf großen Freiraum-Themen gesprochen, hier über die „Lebenswerte Stadt“, dort über „Nach Europa“, „In Verteidigung der Vielfalt“, „Freiheit, ein Luxus“ und „Rede frei“. Andrea Mecchia aus Rom vom Antimafia-Verein daSud  war in der bisherigen Projektlaufzeit mit der Frage nach einer lebenswerten Stadt befasst. An seinem Tisch sitzt auch sein Tandempartner Achilleas Kentonis vom Kunstzentrum ARTos Foundation in Nikosia. Kentonis erzählt von den beiden Graffitis, die für den öffentlichen Raum beider Städte entworfen wurden. Die zahlreichen Reaktionen auf die Wandbilder haben ihm das sichere Gefühl gegeben, etwas bewirkt zu haben, berichtet Kentonis: Viele ältere Menschen in der Nachbarschaft interessierten sich für die Wandbemalungen, aber auch Jugendliche besuchten die Bilder, die in einem Flüchtlingslager und in einer Sozialbausiedlung entstanden sind. Es sei ein Dialog zwischen Menschen in Gang gekommen, die sonst nicht aufeinandergetroffen wären, was wiederum für ihn sehr lehrreich gewesen sei, so Kentonis: „Das Goethe-Institut in Nikosia hat es uns ermöglicht, unser technisches Know-how so einbringen, dass im Bereich der Augmented Reality neue Kreativjobs für marginalisierte Jugendliche entstanden sind.“
Gruppenarbeit bei der Freiraum-Veranstaltung in Berlin Foto: Anja Weber © Goethe-Institut Neben Kentonis sitzt Luka Rodela vom Kulturinstitut Drugo More aus Rijeka. Auch Rodela blickt auf eine spannende Zeit zurück: Seine Projektgruppe – sein Tandem mit Luxemburg hat sich sogar einen eigenen Namen gegeben: „Luxflux“ – hat leerstehende Räume und Gebäude für Bürger*innen nutzbar gemacht, sich aber auch im Guerilla Gardening ausprobiert. Als Nächste berichtet Josephine Michau vom Architektur-Festival Kopenhagen über den Freiraum-Projektverlauf: Die Kopenhagener Kooperation mit Skopje sei ein „lucky match“ für beide Teams gewesen, ein Glücksfall. Man habe in der Partnerstadt mehrere Dokumentarfilme gedreht, die der Frage nachgehen, wie eine Stadt freie Räume für alle Bewohner*innen sichern kann. Die Filme werden nun bei der Berliner Veranstaltung gezeigt.

„Die Freiheit in Europa ist eine unvollendete Aufgabe“

Am Abend des ersten Tages wurde „Freiraum in Berlin“ dann offiziell im ZK/U eröffnet. „Diversität, Toleranz und Freiheit sind heute die Werte von Europa“, betonte Goethe-Generalsekretär Johannes Ebert in seiner Keynote. Aber diese Werte stünden unter Druck. Nationalismus und der Glaube an die eigene Überlegenheit habe man in vielen Ländern seit Langem überwunden geglaubt. Nun gehörten sie jedoch zu den drängendsten Problemen in der Europäischen Union. Umso wichtiger sei entsprechend das explizite Engagement für die Freiheit. „Es ist Aufgabe der Politik, die Freiheit von Kunst und Kultur über die Grenzen hinweg zu gewährleisten“, fand Andreas Görgen, Leiter der Kultur- und Kommunikationsabteilung im Auswärtigen Amt. In dieser Hinsicht gebe es allerdings noch viel zu tun, denn, so sagte es Freiraum-Projektleiterin Cristina Nord: „Die Freiheit in Europa ist eine unvollendete Aufgabe.“
Begrüssung durch die Projektleiterin Christina Nord Foto: Alexandru Andrei © Goethe-Institut Wie aber kann diese Aufgabe gelöst werden, wie lässt sich heute ein gemeinsames, Bindungskräfte generierendes Narrativ für Europa finden? Um diese Frage ging es bei der Podiumsdiskussion „Europa erzählen“ am frühen Abend des ersten Tages. Die Kunst könne hier Perspektiven eröffnen, die aufzuzeigen der Politik nur schwer gelänge, betonte Johannes Ebert. Das Konzept einer europäischen Leitkultur dagegen halte er für falsch: „Das würde eine neue Festung schaffen. Diesen Fehler sollten wir nicht machen.“ Er war überzeugt: „Wir müssen Bedingungen schaffen, die es jungen Menschen ermöglichen, ihr eigenes Narrativ zu finden.“ Genau diesen Ansatz setze Freiraum in die Tat um. Ebert beschwor die Freiheit als einen zentralen europäischen Wert. „Leben wir Werte wie Freiheit wirklich, müssten wir da nicht mehr tun?“ fragte dagegen Moderatorin Katarzyna Wielga-Skolimowska, ebenfalls vom Goethe-Institut. Hier meldete sich Freiraum-Teilnehmer Luca Rodela zu Wort und ergänzte: „Vielleicht sollten wir weniger über humanistische Begriffe wie Freiheit reden, sondern einfach etwas tun.“ Johannes Ebert widersprach: „Da bin ich nicht Ihrer Meinung. Diskussion ist immer Teil von Aktion.“ „Aber es bringt uns auch nicht weiter, wenn wir nur über Krisen reden“, entgegnete Wielga-Skolimowska und beendete das Podium mit dem skeptischen Schlusswort: „Hoffen wir auf eine bessere Geschichte für Europa.“

Die heilsame Kraft der Diskussion in der Gruppe

Noch mehr Raum für Diskussionen eröffnete dann der „Open Situation Room“. Bei diesem Format, einer partizipativen Diskursveranstaltung, wurden die Teilnehmer*innen auf fünf Tische verteilt, an denen jeweils eines der fünf Freiraum-Themen besprochen wurde. Politiker*innen wie der Vizepräsident des Deutschen Bundestages, Thomas Oppermann (SPD), und die ehemalige Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD), aber auch der Spiegel-Journalist Hasnain Kazim, der Autor Max Czollek, der Entwicklungsmanager Sardar Aftab Khan und die Künstlerin und Kuratorin Edit Pula fungierten als Expert*innen, die an ihren jeweiligen Tischen Einführungen gaben und die Ergebnisse der drei Mal 50-minütigen Diskussionen zusammenfassten. Der Journalist Hasnain Kazim moderierte beispielsweise ein Panel zum Thema „Redefreiheit“ und stellte den Fokus dabei auf „Hate Speech“.
Mitglied des Bundestags Barbara Hendricks und die polnische Soziologin Beata Kowalska Foto: Laura Fiorio © Goethe-Institut Er erzählte von seinen Erfahrungen – schließlich hat er selbst es allzu oft mit hasserfüllten Kommentaren im Internet zu tun, worüber er das Buch Post von Karlheinz geschrieben hat. „Was halten Sie davon, dass Grünen-Parteichef Robert Habeck seinen Twitter-Account gelöscht hat?“, war eine der Fragen, die er an die sieben Frauen und Männern in seiner Gesprächsrunde richtete. „Wenn man schweigt, indem man nicht mehr twittert, bestätigt man die Hater“, meinte Edit Pula aus Tirana. „Man sollte sie vielleicht auf einen Kaffee einladen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen.“ „Ich weigere mich, die Hater zu treffen“, konterte Kazim. Er berichtete von Hardcore-Rassisten, die ihm Mails geschrieben haben, und von einem an einer deutschen Universität lehrenden Professor, der ihm in einem 20-seitigen Brief erläuterte, warum Kazim nie Deutscher werden könne. In einem Punkt stimmte er aber mit Pula überein: „Wenn man online schweigt, werden immer mehr Äußerungen akzeptiert.“ Am Ende stellte Kazim fest, die Runde sei, trotz oder wegen der sehr unterschiedlichen Ansichten, fast wie eine Gruppentherapie für ihn gewesen. Dass das Diskutieren grundsätzlich sinnvoll ist, fand auch Edit Pula, denn „ich komme aus einem Land ohne Debattenkultur. Wie soll man dort Redefreiheit herstellen?“ Nicht immer gab es nach den Panels ein eindeutiges Ergebnis: „Wir haben lediglich Visionen entwickelt, aber keine Lösungen gefunden“, bilanzierte der serbische Journalist Andrej Ivanji die von ihm moderierte Runde zu „Nach Europa“.

„Eine fantastische Gelegenheit, um viele Gleichgesinnte aus ganz Europa zu treffen“

Am Ende der fast festivalartigen Freiraum-Tage in Berlin fiel das Fazit bei vielen Teilnehmer*innen sehr positiv aus. „Es war ein riesiger Luxus für uns, diese Tage zu haben und über all diese Dinge zu sprechen“, erzählte Valentina Kastlunger vom Theater Zona K aus Mailand, die mit ihrer Tandem-Partnerin Liv Hege Skagestadt aus Oslo in einem fusionierten gemeinsamen Projekt die Frage nach dem Zusammenleben zwischen schon länger einheimischen und geflüchteten Menschen in europäischen Großstädten untersucht hat. „Die drei Tage waren eine großartige Erfahrung für mich“, sagte auch Daniel McFarlane aus Dublin. „Ich hatte die fantastische Gelegenheit, viele Gleichgesinnte aus ganz Europa zu treffen, die eine mit meiner vergleichbare Arbeit machen. Für mich ist eine tiefe Partnerschaft mit anderen Menschen aus Europa, mit anderen EU-Bürgern entstanden.“ Sein im Rahmen von Freiraum entwickeltes Projekt hatte sich zum Ziel gesetzt, Schüler*innen aus sozial schwächeren Gegenden Dublins Chancen für eine Hochschullausbildung zu eröffnen. Sein Kollege Ronan Smith hält dieses Ziel für erreicht: „Wir konnten das Leben der beteiligten Schülerinnen und Schüler positiv beeinflussen.“ Die Jugendlichen hätten nun selbst um eine Verlängerung gebeten. Deshalb hat sein Team den Plan einer Fortsetzung des Projekts für 2019/2020 gefasst und bemüht sich zurzeit um die Finanzierung. Ein schönes Beispiel dafür, dass die Impulse, die Freiraum gegeben hat, auch nach Abschluss der ersten Projektphase ihre Wirkung tun – und dass sich ein starkes europaweites Netzwerk in Kultur und Zivilgesellschaft gebildet hat, das weiterarbeitet, weiterdenkt, weiterdiskutiert und weiter produktiv ist.
Der Frauenchor Kombinat in Berlin Foto: Anja Weber © Goethe-Institut

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