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Die Zukunft hat begonnen

In der letzten Oktoberwoche beschäftigte sich das Freiraum-Festival in einer vielstimmigen Collage aus Talks, Performances und Vor-Ort-Veranstaltungen mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Freiheitsrechte in Europa.

Von Uwe Rada

Von Uwe Rada

„Freiraum ist ein Aufruf an die Schweigenden und ein Aufruf, um die zum Schweigen Gebrachten hörbar zu machen.“ Zumindest in der letzten Oktoberwoche hat der appellative Charakter dieses Satzes aus dem Freiraum-Manifest seine Wirkung nicht verfehlt. Denn das Manifest, gewissermaßen die Quintessenz des drei Jahre währenden Freiraum-Projekts von 42 Goethe-Instituten und ihrer künstlerischen Partnerinnen und Partner, wurde erhört, sogar von höchster europäischer Stelle. Während des Freiraum-Festivals nahm die Generaldirektorin der Europäischen Kommission für Bildung und Kultur, Themis Christophidou, das Manifest entgegen. Sie bedankte sich mit den Worten „Freiraum ist, was wir bewahren und wofür wir ständig kämpfen müssen.“

Nach drei Jahren also das Festival als vorläufiger Höhepunkt. Ein hybrides Festival über ganz Europa verteilt mit einer mobilen Bühne, auf der aus Thessaloniki souverän durch das Programm geführt wurde, das coronabedingt größtenteils im Netz stattfand. Tatsächlich aber war die Pandemie keine Einschränkung all der Freiheiten, die andere Festivals brauchen, um erfolgreich zu sein. Eher war sie eine Art Teilchenbeschleuniger. Denn bis zum Frühjahr 2019 hatte man zwar fünf Themenfelder identifiziert, zu denen kontinuierlich künstlerisch und inhaltlich gearbeitet wurde. Aber die große Unterzeile unter der noch viel größeren Freiheitsüberschrift fehlte.

Über Nacht war sie dann da. Um die erste Coronawelle einzudämmen, den exponentiellen Verlauf der Kurve abzuflachen und den Gesundheitssektor vor dem Kollaps zu bewahren, wurden Freiheitsrechte in bisher nie dagewesenem Maßstab eingeschränkt. Seitdem kann jede und jeder die Geschichten erzählen von der Epidemie und dem Alltag, den sie abrupt ausgebremst hat. Europa stand still, und jeder hat es live vor der eigenen Haustür und in den eigenen vier Wänden miterlebt. Für Freiraum war das ein Glücksfall. Das Virus, seine Bekämpfung und die Fragestellung des Projekts nach dem „Stand der Freiheit in Europa“ passten plötzlich.

„The day after“ lautete also die Überschrift über das dreitägige Festival vom 30. Oktober bis 1. November 2020. Der diskursive Höhepunkt fand am Freitag gleich nach der Übergabe des Manifests an Themis Christophidou statt. In seiner Keynote warf der bulgarische Politologe Ivan Krastev die Frage auf, ob das Heute schon das neue Morgen sei. „Wie neu ist die Normalität?“, fragte Krastev, der zu diesem Thema im Sommer bereits ein Buch veröffentlicht hatte, und kam zu dem Ergebnis, dass etwa die zunehmende Überwachung, die mit den Corona-Einschränkungen einhergehe, schon lange Normalität sei. „Nur geht die Erfahrung jetzt tiefer“, sagte Krastev in seinem knapp halbstündigen Vortrag, von dem er aus Wien zugeschaltet war. Ganz nebenbei wies er auch darauf hin, wie wichtig Vertrauen in die Regierungen sei, damit die Regeln eingehalten werden. „China schafft es, die USA scheitern.“

Die Pandemie als Zukunftstreiber, das unterstrich Krastev auch mit einem eher düsteren Bild, als er sagte, dass Pandemien in der Geschichte die gleiche Veränderungskraft gehabt hätten wie Kriege. „Corona war keine Zäsur, es hat nur die Tendenzen bestärkt, die es schon gab.“

Aber gibt es nicht auch positive Tendenzen, die durch Corona als Katalysator verstärkt werden könnten? Diese Frage stellte in der folgenden Diskussion die in Jerusalem und Paris lehrende Soziologin Eva Illouz, die aus Paris zugeschaltet war. „Corona kann der Beginn einer neuen Solidarität sein“, sagte Illouz und nahm dabei auch die Staaten als Akteure nicht aus, die wegen der Pandemie etwa deutlich mehr als in der Vergangenheit in das Gesundheitssystem investierten. „Planetary awareness“, nannte sie die neue Erfahrung, die wir gerade alle machten. „Wir denken über uns und andere als die, die auf dem gleichen Planeten leben. Das ist wie bei der Umwelt. Nur stärker.“

Corona, das war schon zu Beginn deutlich geworden, würde das Festival als Megathema fest im Griff haben, weil sich mit der Pandemie und ihrer Bekämpfung all die anderen Freiraumthemen wie in einem Brennglas spiegelten: Rede-und Meinungsfreiheit, gesellschaftliche Diversität, Freiheit als ökonomischer Luxus, Zunahme von nationalistischen Tendenzen und Europa-Skepsis und nicht zuletzt die Gestaltung des städtischen Raums. Und wie bei anderen „planetarischen“ Ereignissen und Zäsuren wie etwa 9/11 kann auch jeder das abstrakte Thema auf persönliche Erfahrungen herunterbrechen. Wenn jeder eine persönliche Geschichte zu ein- und demselben Thema hat, ist das eine Zäsur.

So ging es auch Krastev und Illouz während des Panels am Freitagabend. Mit in der Runde war auch der Generalsekretär des Goethe-Instituts, Johannes Ebert, der davon berichtete, wie Corona seine Mobilität ausgebremst habe. Krastev wiederum, der von März bis Mai 14 Flüge canceln musste, stellte die Frage in den Raum: „Wenn du aufgefordert wirst, zuhause zu bleiben, ist die Frage: Wo ist das, dein Zuhause?“ Eva Illouz, die zwischen Paris und Jerusalem pendelt, musste sich plötzlich mit neuen Grenzziehungen auseinandersetzen.

Was aber macht die Pandemie mit der Freiheit? „Der weltweite Lockdown ist ein Experiment, für das es in der Geschichte bisher kein Beispiel gibt“, ist Eva Illouz überzeugt, die wie Krastev den Vergleich mit Kriegen herbeizieht. „Während eines Krieges wissen wir aber, wer der Feind ist, und wir haben ein gewisses Repertoire, darauf zu reagieren, etwas zu glorifizieren oder auch nicht. Jetzt ist die tödliche Gefahr etwas Unsichtbares, das unsere Beziehungen zu anderen suspendiert.“

Krastev, Illouz und Ebert zweifelten nicht an der Notwendigkeit, die Pandemie mit drastischen Einschränkungen zu bekämpfen, wiesen aber alle auch auf die teils dramatischen Folgen dieses Freiraum-Lockdowns hin. So würden in Ländern, in denen es kein Vertrauen in die Regierungen gäbe, die Einschränkung kritisch gesehen, auch weil die Befürchtung im Raum stehe, dass es beim Regierungshandeln nicht nur um Pandemiebekämpfung geht, sondern auch um eine Verfestigung von Macht und Kontrolle. Auch deshalb sagte Goethe-Generalsekretär Johannes Ebert: „Wir müssen aufpassen, dass die Einschränkung von Freiheit nicht das neue Normal wird.“

Zuhause bleiben

In den oben genannten fünf Themenfeldern, die die Auseinandersetzung mit dem Freiraum-Thema bis zum Ausbruch der Pandemie beherrscht hatten, spielte der öffentliche Diskurs und der öffentliche Raum eine zentrale Rolle, während der private Raum allenfalls am Rande Erwähnung fand. Auch hier stellte die Pandemie, stellten Homeoffice und Homeschooling die Wirklichkeit auf den Kopf, weshalb der zweite Tag des Festivals mit einer Keynote von Eva Illouz begann.

Natürlich war die Fragestellung rhetorisch. „Kann das Zuhause in einer krisengeschüttelten Welt einen sicheren Hafen bieten?“ Illouz dekonstruierte die Bilder des Zuhauses als Prozess einer Trennung der privaten und öffentlichen Sphäre vom 17. bis zum 19. Jahrhundert. Auch der moderne Begriff des Zuhauses gründe auf dieser Trennung. „Mit Corona aber ist das Zuhause zum hybriden Ort, zum Ort des Privaten und des Öffentlichen geworden“, stellt Illouz fest.

Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Privatsphäre. „Eine Wohnung kann kein Ersatz für eine Schule sein.“ Aber auch das öffentliche Leben ist betroffen. „Was wird aus uns, unserem sozialen und öffentlichen Leben, wenn das Zuhause der einzige Ort ist, an dem wir leben?“ Für Eva Illouz ist das Zuhause also kein sicherer Hafen, sondern eine Bedrohung der Freiheit. „Das Zuhause kann seine Funktion nur erfüllen, wenn es Teil der Welt ist.“

Immerhin, stellt Illouz zum Schluss ihrer Keynote fest, sei das Bedürfnis nach öffentlichem Leben nicht erloschen. So hätten Umfragen in Frankreich ergeben, dass sich 35 Prozent der Befragten wünschten, bald wieder ihre Freunde und Freundinnen zu sehen. An zweiter Stelle der Wunsch, wieder in Restaurants und Cafés gehen zu dürfen.

Lokal handeln

Auch wenn es in vielen Diskussionen rund um das Freiraum-Projekt manchmal den Anschein hatte, als würde Freiheit mitunter auf die Forderung nach einem „safe space“ reduziert werden, setzte das Festival mit der Betonung der „planetary Awareness“ ein starkes politisches Statement.

Gleiches galt für die beiden Themenfelder, die am zweiten Tag auf die Keynote von Eva Illouz folgten. Unter der Überschrift „Die andauernde biopolitische Krise der Demokratie“ setzten sich Expertinnen und Künstler mit der Gefahr auseinander, dass der Covid-Ausnahmezustand tatsächlich zu einer neuen Normalität werden könnte. Und das Thema „Soziale Bewegungen und neu entstehende Solidaritäten“ widmete sich den Projekten und Themen von Aktivistinnen und Aktivisten vor Ort. Denn als „hybrides Festival“ fand das Freiraum Event nicht nur online, sondern auch offline statt.

Auch am Berliner Mierendorffplatz. Dort hat der Partner des Amsterdamer Goethe-Instituts, der Architekt Yasser Almaamoun ein klassisches Stadtthema in den Mittelpunkt gerückt. Er lud verschiedene Akteure der Mierendorff-Insel ein, um über diesen von vier Seiten von Wasser umgebenem Stadtteil zu diskutieren. Denn anders als das wohlhabende Charlottenburg gehört dessen nördlicher Zipfel eher zu den schwierigen Berliner Quartieren. Mit einem Inselrundweg soll nun die lokale Identität gestärkt werden.

Gleich zu Beginn der öffentlichen Vorstellung, der dann Workshops an einzelnen Arbeitstischen folgten, wies jemand daraufhin, dass ausgerechnet das Areal eines Freiraum-Projektes mit Flatterband abgesperrt sei. Außerdem musste jeder der Teilnehmenden zur Kontaktverfolgung seine Adresse hinterlassen. Almaamoun konnte nur die Schultern heben und sagen: „Das sind die Bedingungen, unter denen das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf das Event genehmigt hat.“ Freiheit und Einschränkung derselben Hand in Hand: Hätte man das Event deshalb canceln sollen?

Digitaler öffentlicher Raum

Nach den beiden Tagen, an denen nach dem Stand der Freiheit in Europa gefragt wurde, war der abschließende Sonntag dem Stand der Künste vorbehalten. Beklemmende Bilder gab es etwa in den Videoarbeiten von Beasley aus New York, der den Spuren einer menschenleeren Stadt folgte. Eine Schlussfolgerung lautete: „Der digitale Raum ist Teil des öffentlichen Raumes. Die Pandemie hat das verstärkt.“

Wie sehr die Kultur in Zeiten der Pandemie fehlt, zeigt sich derzeit überall in Europa. Unterschiede, darauf hatte am Samstag bereits die slowenische Aktivistin und Anthropologin Svetlana Slapšak hingewiesen, gebe es aber in der Art und Weise, wie dagegen protestiert wird. „In Ljubljana gingen die Demos von Künstlern aus.“

In Deutschland dagegen bestimmen Coronaleugner die Proteste. In Italien wiederum protestieren neben Kulturschaffenden auch Neofaschisten. Auch die Proteste auf der Straße werden also von der Pandemie beschleunigt. Slapšak spricht sich deshalb für mehr Einmischung aus. „Es gibt keine individuellen Lösungen. Niemand kann als Individuum die Krise lösen. Das ist ein systemisches Problem. Das muss politisch gelöst werden.“ Dazu gehöre auch, die offensichtlichen Lügen, die von Verschwörungstheoretikern verbreitet würden, zu dekonstruieren.

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