Interview Dinge erfahren und mit der eigenen Wirklichkeit abgleichen

Beata Kowalska, Soziologin aus Krakau und Partnerin des dortigen Goethe-Instituts, erzählt über die ersten Schritte hinein in die konkrete Freiraum-Projektphase: Wie sie ihren Projektpartner aus Sarajevo kennengelernt hat, wie sie ihm die Krakauer Problemstellung erläutert hat – und welche Pläne das Tandem jetzt hat.
 
Ein Interview von Uwe Rada
 

Frau Kowalska, was wussten Sie vor dem Warschauer Auftakttreffen der Freiraum-Beteiligten über Sarajevo?

Beata Kowalska: Ich wusste, dass es eine schöne, alte Stadt ist, die im Krieg schmerzhafte Erfahrungen gemacht hat. Meine erste Assoziation war die fast vierjährige Belagerung. Aus der Populärkultur habe ich die Stadt mit dem Film Sarajevo, mon amour von Frédéric Tonolli oder mit der Musik von U2 in Verbindung gebracht.

Portraetfoto von Beata Kowalska Foto: Adam Burakowski © Goethe-Institut Beim Treffen in Warschau wurden auch die 19 Tandems gelost, die sich über das Jahr 2018 hinweg mit den Themen der jeweiligen Partnerstadt auseinandersetzen werden. Eines dieser Tandems werden Krakau und Sarajevo sein. Im Anschluss an die Auslosung haben Sie bereits mit Ihrem neuen Partner aus Sarajevo gesprochen. Was wusste Saša Peševski von der Akademie der darstellenden Künste in Sarajewo über Ihre Stadt, über Krakau?

Ehrlich gesagt habe ich ihn nicht danach gefragt. Wir haben uns darüber unterhalten, wie wir zu Freiraum kamen, wie wir das Projekt jeweils verstehen. Auch, wie wir unsere Fragestellung für das Projekt begreifen. Es war ein tolles Treffen.
 
Das Freiraum-Thema in Krakau ist die Situation junger Frauen in der Stadt. Warum gerade dieses Thema?
 
In Polen beobachten wir, wie nationalistische Bewegungen immer populärer werden. Verbunden damit sehen wir einen neuen Kult um traditionelle Männlichkeit, Stärke und Militarismus. Nur selten wird dabei die Frage gestellt, was das für Frauen bedeutet, vor allem für junge Frauen. Sie werden einfach als Gebärende betrachtet, die man beschützen muss, aber man erkennt ihnen ihre Subjektivität und Eigenständigkeit ab. Nicht zufällig haben wir im vergangenen Jahr erleben müssen, wie erneut versucht wurde, das Recht der Frauen auf selbstbestimmte Reproduktion einzuschränken, vor allem durch eine Verschärfung des Abtreibungsrechts. Gerade wurde eine Untersuchung veröffentlicht, aus der hervorgeht, dass polnische Frauen das niedrigste Selbstwertgefühl in Europa haben. Dem sind wir auf der Spur.
 
Auf der anderen Seite hat man den Eindruck, dass Polen in den vergangenen Jahren ein Land war, in dem Frauen – in der Literatur, in der Kunst, in gesellschaftlichen Debatten – eine laute, starke Stimme erhoben haben. Auch der „Schwarze Protest“ gegen die Verschärfung des Abtreibungsgesetzes war ein wichtiger Ausdruck der polnischen Zivilgesellschaft.
 
Das sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Der Anstieg nationalistischer Bewegungen mit ihrem sehr traditionellen Blick auf Genderrollen führte und führt zu weiteren Versuchen, das Selbstbestimmungsrecht der Polinnen zu beschneiden. Das Ergebnis waren die massiven Frauenproteste. Ich erinnere daran, dass die polnischen Gesetze in diesem Zusammenhang ohnehin schon zu den restriktivsten überhaupt gehören. Wir haben uns darüber Gedanken gemacht, warum gerade die ganz jungen Frauen beim „Schwarzen Protest“ verhältnismäßig wenig vertreten waren. Wenn wir uns vor Augen halten, dass die Mobilisierung vor allem über die sozialen Netzwerke lief, die für diese Gruppe eigentlich alltäglich ist, schien uns das besonders symptomatisch.
 
Die Generation der jungen Frauen wird zwischen zwei Seiten regelrecht erdrückt: Da ist zum einen der kapitalistische Konsum, der sie einem irrealen Bild des eigenen Körpers nachjagen lässt, und zum anderen der zunehmende Nationalismus, der auch in der Schule allgegenwärtig ist, wo die jungen Frauen überall von „verfemten Soldaten“ umgeben sind.
 
„Verfemte Soldaten“, so werden in Polen die Untergrundkämpfer gegen die kommunistische Machtübernahme nach 1945 genannt, die lange vergessen waren und nun Heldenstatus bekommen sollen. Sowohl Polen, das wird dadurch deutlich, als auch Bosnien sind Länder mit ausgesprochenen Heldenkulturen. Der Krieger ist wieder oder immer noch eine wichtige Figur, ein Ideal. Wäre es für Sie nicht einfacher gewesen, mit einem Partner aus einem Land zusammenzuarbeiten, das zu den „postheroischen Gesellschaften“ gehört?
 
Ich denke, dass wir Europa manchmal wie einen Monolith betrachten, also mit den Augen der westlichen Länder. Nur aus dieser Perspektive betrachtet scheint es nicht besonders interessant zu sein, die Ansichten eines balkanischen Landes kennenzulernen.
 
Was ist das Ziel Ihrer Zusammenarbeit? Planen Sie ein gemeinsames Projekt, oder werden es zwei verschiedene werden?
 
Wir planen zwei Projekte, die uns gegenseitig helfen, uns in unsere Partnerstadt hineinzuversetzen. Das scheint uns am interessantesten zu sein. Wir haben viel über unsere Themen gesprochen, über die Filme, die wir für Freiraum gedreht haben, wir haben eine Menge Material ausgetauscht. Jetzt versuchen wir zunächst, das, was wir so über die jeweils andere Stadt erfahren, mit der Wirklichkeit in unserem eigenen Land, in unserer eigenen Stadt abzugleichen. Wir wollen sehen, wie das dann aus unserer jeweils eigenen Perspektive ausschaut.


Beata Kowalska ist Soziologin und Dozentin an der Jagiellonian University in Krakau. Sie lehrt feministische Soziologie, Entwicklungsforschung und Postcolonial Studies. Als Wissenschaftlerin und Aktivistin gegen Diskriminierung hat sie sich in den letzten Jahren vor allem mit muslimischem Feminismus und der Situation von Frauen im Mittleren Osten beschäftigt. Gleichzeitig engagiert sie sich für Geschlechtergerechtigkeit in Polen und anderswo.
Im Rahmen von Freiraum ist sie mit ihrem Institut Projektpartnerin des Krakauer Goethe-Instituts. Gemeinsam wurde folgende Fragestellung entwickelt: „Wo sind die Mädchen? Hört die Stadtverwaltung die Stimmen junger Frauen?“ Diese Frage bearbeitet jetzt Sarajevo – und hat im gleichen Zug die eigene Problemstellung an Krakau übergeben: „Wie vermittelt man den Menschen heute, wie wichtig Freiheit ist?“