Interview „Ich bin immer noch anfällig für das Argument, dass die EU hilfreich sein kann, Kriege zu vermeiden“

Marie Hermann ist im Rahmen von Freiraum Partnerin des Goethe-Instituts in Marseille. Die Verlegerin gibt in ihrem neugegründeten Verlag „Hors d’atteinte“ neben Belletristik vor allem Bücher zu Feminismus, Populismus und Stadtentwicklung heraus. Im Interview spricht sie über die Hintergründe ihrer Freiraum-Fragestellung – und streift dabei die beunruhigende Symbolpolitik der neuen Marseiller Skyline, die unbestreitbare Krise der Demokratie und Europa als gigantische Utopie.
 
Ein Interview von Uwe Rada


Profilfoto von Marie Hermann Foto: Adam Burakowski © Goethe-Institut Frau Hermann, für Marseille haben Sie die Frage aufgebracht, wie es zu schaffen sein kann, dass unterschiedliche Bevölkerungsgruppen in der Stadt auch weiterhin miteinander in Kontakt kommen können. Dabei spielt auch das Thema der Gentrifizierung eine Rolle. Warum?

Auch wenn dieser Zusammenhang oft totgeschwiegen wird: Die Veränderungen in den städtischen Strukturen im Allgemeinen und die Gentrifizierung im Besonderen haben einen starken Einfluss auf die Art und Weise, wie Menschen miteinander leben. Dieses Thema interessiert mich sehr. Man könnte aber auch sagen, dass allein die Tatsache, in Marseille zu leben, einen dazu zwingt, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen.
 
Von welchen Veränderungen sprechen Sie?
 

Marseille hat eine für Frankreich recht außergewöhnliche Geschichte: In der Stadt lebt eine starke Tradition des Widerstands gegen den Zentralismus und die Zentralmacht in Paris. Gleichzeitig hat die Stadt wegen des Hafens einen sehr schlechten Ruf. Sie gilt als schmutzig, die Bevölkerung als faul. Hinzu kommen die Migrationsbewegungen innerhalb des Mittelmeerraums, die die Geschichte der Stadt ebenfalls tief geprägt haben: Marseille ist schon lange ein wichtiger Kreuzungs- und Durchgangsort. Aber dennoch leben im Zentrum immer noch mehrere soziale Schichten zusammen – was nur noch in wenigen Großstädten Westeuropas der Fall ist.
 
2013 war Marseille Europäische Kulturhauptstadt. Als Leuchtturmprojekt ist das MuCEM entstanden, das Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers. Aber auch die Situation in den ärmeren Stadtvierteln sollte sich verbessern. Ist das gelungen – oder hat gar Verdrängung stattgefunden?
 

Seit Marseille Europäische Kulturhauptstadt wurde, hat es von Seiten der Behörden vielfältige Bemühungen gegeben, das Image der Stadt aufzupolieren. Unter anderem ist die Rue de la République saniert worden, was aber fast die Wirkung eines gentrifizierenden Angriffs hatte. Noch viel beunruhigender aber ist das Projekt „Euroméditerranée“, mit dem 1995 begonnen wurde. Hierbei soll ein ganzer Stadtteil neu gebaut werden. Dieser politisch offen artikulierte Wille, eine Stadt in der Stadt zu bauen, lässt an das Zauberlehrling-Experiment denken: Was passiert in einer neoliberalen Stadt, in der die verschiedenen Gesellschaftsschichten keinerlei Kontakt mehr miteinander haben?
 
Sie leiten in Marseille einen Verlag. Sind Sie auch Aktivistin?
 

Als Verlegerin liegen mir diese Themen am Herzen. Und ich freue mich natürlich, wenn ich sehe, dass die Veränderungen in der Stadt viel weniger eindeutig sind, als wie die Behörden es sich wünschen. Trotzdem teile ich mit dem wunderbaren französischen Verleger François Maspero die Überzeugung, dass niemand, der/die politische oder subversive Texte verlegt, automatisch gleich auch Aktivistin oder Aktivist ist. Dafür müsste man sich auch als Privatperson jenseits der beruflichen Tätigkeit engagieren.
 
Was hat Sie bewogen, am Freiraum-Projekt teilzunehmen?
 

Mir hat die Freiheit, die „Freiraum“ bietet, sehr gefallen. Das Projekt, das man entwickelt, kann am Ende ein Buch, eine Ausstellung, eine Konferenz oder auch ein Verein sein. Ich selber gehöre einer Generation an, der die Europäische Union als gigantische Utopie vorgestellt wurde. Auch wenn ich verstehe, dass Europa für viele ein sehr kompliziertes Thema geworden ist, bin ich immer noch anfällig für das Argument, dass eine solche Union hilfreich dabei sein kann, Kriege zu vermeiden. Daher bin ich froh, dass die Partnerschaften, die durch „Freiraum“ entstehen, den kulturellen Zusammenhalt in Europa stärken werden.
 
Wie kam es konkret zu Ihrer Fragestellung?
 

Als wir angefangen haben, uns mit dem Projekt zu beschäftigen, bekam gerade der dritte Turm der Marseiller „Skyline“ seine endgültige Form (insgesamt sollen es fünf Türme werden). Der dritte Turm aber trägt den Namen „La Marseillaise“, er heißt also wie die Nationalhymne Frankreichs. Für uns ist dieser Turm ein Symbol der gegenwärtigen Kommunalpolitik von Marseille.
 
Warum?
 

Man holt sich einen berühmten Architekten, Jean Nouvel, um das touristische Potenzial der Stadt nochmal zu erhöhen. Man formuliert nationale Ambitionen, wie sie in dem Namen des Turms lesbar werden. Man schafft einen „autarken“ Ort, weit entfernt vom Stadtzentrum, mit Büros, Kindergarten und zwei hängenden Gärten. Und man geht erneut in eine Kooperation zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor, die vor allem im Interesse des zweiten ist. Also haben wir angefangen, über den Turm und über das Projekt „Euroméditerranée“ zu recherchieren. Davon ausgehend haben wir unsere Frage formuliert, die uns mit großer Sorge erfüllt: Werden unterschiedliche Einwohnerinnen und Einwohner weiterhin in dieser Stadt zusammenleben können?
 
Ihr Tandempartner ist Prag. Denen geht es ebenfalls um Demokratie. Beziehungsweise um eine neue Art, Beteiligung zu denken und zu organisieren. Ist diese Form der veränderten Wahlformen und Wahlalgorithmen für Sie eine abstrakte, akademische Idee oder glauben Sie, dass man auch in Marseille damit etwas anfangen könnte?

 
Dass die Ideale der Demokratie in Frankreich wie in vielen westlichen Ländern gerade eine Krise erleben, liegt auf der Hand. In Marseille kommt, mehr noch als in anderen Städten, hinzu, dass ein großer Teil der Einwohnerinnen und Einwohner vollständig darauf verzichtet hat, sich in Wahlen zu äußern. Deshalb wird die Stadt während den nächsten Kommunalwahlen 2020 wohl von Parteien wie der linkspopulistischen „La France insoumise“ und dem rechtsextremen „Front National“ wie ein Labor genutzt werden. Auch wenn beide Parteien entgegengesetzte Ideale haben, scheinen sie leider doch die einzigen zu sein, die noch versuchen, sich an die Arbeiterklasse und die Mittelschicht zu wenden. Deshalb ist es unerlässlich, sich mit der Frage nach der Beteiligung zu beschäftigen.