Das Warschauer Treffen

Von Speed-Dating, Nervosität und dem Entscheid der Lostrommel: Beim Auftakttreffen des Freiraum-Projekts in Warschau wurden Anfang Dezember 2017 jene 19 Paare gelost, die nun anderthalb Jahre Zeit haben, den Perspektivwechsel zu wagen und sich mit den Problemen der neuen Partnerstadt auseinanderzusetzen.

Von Uwe Rada

 

Es gibt Paare, die kommen zusammen, weil sie sich lieben. Andere schließen einen eher pragmatischen Pakt, bei dem die Liebe nicht unbedingt entscheidend ist. Aber dass ein Paar durch das Los zusammenfindet, ist doch eher die Ausnahme. Das Goethe-Institut hat bei seinem grenzüberschreitenden, europäischen Freiraum-Projekt diese Ausnahme zur Regel gemacht: Zum Auftakt wurden per Zufallsgenerator 19 Paare bestimmt, die nun über gut anderthalb Jahre hinweg ein Gespann bilden, um der Krise in Europa auf die Spur zu kommen und neue Gedanken zum Thema „Freiheit“ zu entwickeln.

Am 4. und 5. Dezember 2017 trafen sich alle an Freiraum Beteiligten in Warschau, um sich einzustimmen, kennenzulernen – und vor allem die Paarbildung zu vollziehen. Jedes der 42 Goethe-Institute reiste zusammen mit einer Vertreterin oder einem Vertreter einer bereits im Vorfeld bestimmten Partnerinstitution an, um mit einem anderen Stadt-Duo in Liaison gebracht zu werden. Entsprechend groß war die Spannung bei den Leiterinnen und den Leitern der beteiligten Goethe-Institute und ihrer Partner, als sie nach Warschau kamen.

Besetztes Haus mit Graffiti in Warschau Foto: Piotr Drabik © flickr Mögliche Partner eingezirkelt

Während vor dem Museum der Geschichte der polnischen Juden der Schneeregen auf das Ghetto-Ehrenmal fiel, vor dem einst Willy Brandt niederkniete, stieg im Konferenzsaal des verglasten Neubaus, wo das Treffen stattfand, die Nervosität. „Wir nehmen Sie mit auf eine Reise mit unbekanntem Ziel“, orakelte Susanne Höhn, die Leiterin des Brüsseler Goethe-Instituts, gleich zu Beginn in ihrem Grußwort. Bislang steht nämlich nicht viel mehr als die Grundidee des Freiraumprojekts: Weil es im krisengeschüttelten Europa zwar nicht an nationalem Egoismus, dafür aber umso mehr an Neugier und Empathie fehle, wurde der Perspektivwechsel zum Prinzip erklärt. Nicht um die eigene Freiheit – oder deren Gefährdung – soll es für die am Projekt beteiligten Goethe-Institute samt ihrer Partner gehen, sondern um die der anderen. Nicht die eigenen Probleme sollen in einem künstlerischen Projekt thematisiert werden, sondern die Probleme weit entfernter Städte.

Mindestens tausend Kilometer, so lautet die einzige Bedingung der Paarbildung, müssen zwischen den künftigen – vielleicht – Liebenden liegen. Ein erstes Vorfühlen und Herantasten an die potenziellen Kandidatinnen und Kandidaten wurde, noch unverbindlich, bei einer sogenannten „Speed-Dating-Runde“ ausprobiert. Wer auf der einen Seite der Tische saß, konnte bleiben, die andern rückten jeweils einen Tisch weiter. Bei diesem ersten Kennenlernen fragte sich wohl jeder und jede, ob der oder die, die einem gerade gegenübersaß, zu einem selbst und seinen Themen passen würde. Hinterher, beim ersten Abendessen in der lässig-ungezwungenen Atmosphäre des Barcafés „Państwomiasto“, löste sich die Spannung etwas. Im Scherz räumte der Leiter des Goethe-Instituts in Prag, Berthold Franke, ein, schon einmal mit einem Zirkel gemessen zu haben, wer denn als Partner für Tschechien überhaupt in Frage kommen könnte.

Zivilgesellschaftlich dem Rechtspopulismus begegnen

Warschau als Ort des Auftakttreffens war nicht zufällig gewählt. Seit ihrem Wahlsieg 2015 baut die nationalkonservative PiS-Partei von Jarosław Kaczyński das Land zu einem illiberalen Staat nach dem Vorbild Ungarns um. Der Freiheit der angeblich „liberalen Eliten“ in den Städten setzt das rechte Lager nationale Identität, konservative Rollenbilder und staatliche Souveränität entgegen und betreibt einen rasanten Demokratieabbau mit dem Ziel des Machterhalts. „Polen muss sich wieder von den Knien erheben“, lautet einer der Schlachtrufe aus Warschau in Richtung Brüssel. Doch der Wahlsieg der PiS hatte auch soziale Ursachen, berichtete die Warschauer Soziologin Karolina Wigura in ihrem Gastvortrag am Jüdischen Museum am nächsten Vormittag. Unter den liberalen Vorgängerregierungen habe sich die soziale Spaltung verschärft. „Mit der erstmaligen Einführung eines Kindergeldes hat die PiS vor allem die ländliche und weniger wohlhabende Bevölkerung erreicht'“, so Wigura.

Abgehängte Bevölkerungsschichten und Regionen zu erreichen, das hat sich auch Johannes Ebert zum Ziel gesetzt. Der Generalsekretär des Goethe-Instituts war aus Beirut nach Warschau gekommen, um dem Freiraum-Auftakt Erfolg zu wünschen – und das ambitionierte Ziel des Projekts vorzustellen. „Wir wollen Zielgruppen erreichen, zu denen wir bislang nicht durchdringen“, betonte Ebert und gewährte einen Einblick in die Genese des Projekts: „Die Entscheidung dafür fiel nach dem Brexit-Votum in Großbritannien und der Wahl von Donald Trump in den USA.“ Um dem Rechtspopulismus zu begegnen, müsse man die Zivilgesellschaft stärken, betonte Ebert. „Deshalb liegt der Fokus von Freiraum auch bei den zivilgesellschaftlichen Partnern der beteiligten Institute.“

Foto von Teilnehmenden des Warschauer Treffens Foto: Adam Burakowski © Goethe-Institut Ein bunter Haufen Aktivismus

Entsprechend bunt war der Haufen an Kulturleuten, Menschenrechtlern und Aktivistinnen, der in Warschau aufeinandertraf. Aus Rom kam zum Beispiel Laura Triumbari, die mit ihrer Organisation „daSud“ seit Jahren der Mafia die Stirn bietet. Ihr Credo: Bürgerbeteiligung schafft Transparenz bei politischen Entscheidungen. Gegen den Rechtsruck in seiner Stadt wehrt sich Milan Zvada vom Kulturzentrum Záhrada aus dem slowakischen Banská Bystrica, wo 2013 der Führer der rechtsextremen Volkspartei die Regionalwahl gewonnen hat.

Um Identität und Teilhabe in einer vielfältigen Stadt geht es dem Kooperationspartner des Goethe Instituts Mailand, der Initiative „Sunugal“. Sie wurde unter anderem von Mailänder*innen senegalesischer Herkunft gegründet. „Sunugal“ versteht sich auch als Brücke zwischen Italien und dem Herkunftsland vieler Migrantinnen und Migranten in Mailand. In Warschau lernte Giulio Verago von „Sunugal“ Emilė Paskočimaitė und ihre Organisation „Jugend debattiert“ kennen. Ihr Thema ist die Situation junger Menschen auf dem litauischen Arbeitsmarkt. „Was sind unsere Wünsche, was brauchen wir, um zu bleiben?“, fragt Paskočimaitė. Wichtige Fragen in einem Land, das seit der Wende von 3,5 Millionen Einwohnern auf 2,8 Millionen geschrumpft ist.

Mit dem Zusammenhang von Freiheit und Kunst beschäftigt sich das Kunsthaus Dresden und seine Leiterin Christiane Mennicke-Schwarz. Im Februar 2017 erregten drei vor der Frauenkirche in die Höhe ragende Busse aus Aleppo die Gemüter der Dresdenerinnen und Dresdener – und plötzlich standen der Kunst Demonstrantinnen und Demonstranten von Pegida gegenüber. Auch das ein Thema, das unter die große fragende Überschrift „Freiheit“ passt, mit der die beteiligten Goethe-Institute und ihre Partner miteinander in ein europäisches Gespräch kommen wollen.

Vom Dating direkt auf die Achse der Liberalität

Fünf große Themenfelder erkennt das Projektteam um Cristina Nord, Leiterin des Kulturprogramms Südwest der Goethe-Institute, in den Fragestellungen, die die beteiligten Institute zusammen mit ihren Partnern bereits formuliert haben. Unter fünf Überschriften wurden die 38 Fragestellungen entsprechend sortiert: Fragen nach der um sich greifenden Gentrifizierung von Stadtquartieren oder der Privatisierung öffentlicher Räume firmieren unter der Überschrift „Die lebenswerte Stadt“.

Unter dem Claim „Feindbild Europa“ sammeln sich Fragen, die Freiheit konfrontieren mit Rechtspopulismus und europafeindlichen Ressentiments. „Die knallbunte Gesellschaft“ befragt das Zusammenleben in heterogenen Stadtgesellschaften. Die sich zunehmend öffnende Schere zwischen Arm und Reich findet sich kritisch beleuchtet unter der Überschrift „Freiheit, ein Luxus?“. Und unter der Losung „Den Mund aufmachen“ versammeln sich schließlich die Einwürfe, die darauf bestehen, dass Kunst Räume braucht, um sich gegen den ökonomischen Druck, aber auch gegen zunehmende Denkverbote zu wehren.

Wo stehen wir in Europa? Wo, glauben wir, dass wir stehen? Und was meinen die anderen, wo wir stehen? Als Warm-up vor dem ersten Speed-Dating wurden gleich am ersten Warschauer Tag alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer gebeten, sich im Foyer des Jüdischen Museums auf einer gedachten Achse aufzustellen, einer Achse, die von „maximal frei“ bis „maximal unfrei“ reichte. Die Westeuropäerinnen und Westeuropäer verorteten sich erwartungsgemäß am Pol der Liberalität, die Osteuropäerinnen und Osteuropäer versammelten sich auf der gegenüberliegenden Seite. Mit einer Ausnahme: Die Tschechen suchten sich den Platz an der Spitze der Liberalität aus, obwohl mit Andrej Babiš gerade ein Rechtspopulist Ministerpräsident geworden ist. Als die Kolleginnen und Kollegen diese Selbstwahrnehmung infrage stellten, kam es von der Delegation aus Tschechien: „Wir sind nicht illiberal, wir sind neoliberal, also maximal liberal.“ Das Gelächter war groß.

Foto von Teilnehmenden des Warschauer Treffens Foto: Adam Burakowski © Goethe-Institut In der „Europadämmerung“ um den Begriff der Freiheit kämpfen

Tatsächlich nämlich, und da war das Warm-up ein hübsches Symbolbild für das Projektthema, lässt sich der Grad der Freiheit in Europa nicht auf einer linearen Achse abbilden. Allein die Debatten um Gentrifizierung und öffentliche Räume, die in Warschau geführt wurden, zeigten, dass die individuelle Freiheit von Bürgerinnen und Bürger oft dadurch eingeschränkt wird, dass die Freiheit der Investoren mehr wiegt als das „Recht auf Stadt“. Wer aber soziale Gerechtigkeit ebenso als Grundrecht im Sinne von Freiheit für alle betrachtet, muss wiederum die Freiheitsrechte anderer einschränken. Und was ist mit der oft erst nach dem Zusammenbruch des Ostblocks erlangten Freiheit vieler Länder in Mittel- und Osteuropa, wenn die EU-Spielregeln vorsehen, dass ein Teil der Souveränität an Brüssel abgegeben werden muss?

Das über viele Jahre hinweg eingeübte Gleichgewicht der Kräfte im Spannungsfeld von Freiheit, Gerechtigkeit und Sicherheit ist mit der Finanzkrise und dem wachsenden Zuspruch für rechtspopulistische Losungen ins Wanken gekommen. Dass das Goethe-Institut nun die Freiheit so zentral in den Fokus eines europäischen Projekts stellt, macht deutlich: Man sieht hier eine massive Gefahr darin, dass dem wachsenden Bedürfnis an nationaler und sozialer Sicherheit als erstes die Freiheitsrechte geopfert werden. Mit der „Europadämmerung“, die der bulgarische Intellektuelle Ivan Krastev in seinem vielbeachteten Essay ausgemacht hat, steht auch die Demokratie auf dem Spiel. Gleichwohl plädierte Mériam Korichi, eine Philosophin aus Paris, in Warschau dafür, den Freiheitsbegriff auch kritisch zu hinterfragen. „Liegt es überhaupt in unserer Natur, frei zu sein?“, fragte sie provokant. Ihr Vortrag, von der Regie kurz vor der Auslosung der 19 Paare platziert, war auch ein Versuch, den Begriff der Freiheit neu zu denken und ihn nicht, wie sie sagte, „den Rechten zu überlassen“.

Frisch Verpaarte zwischen tastendem Zauber und heiligem Ernst

Und dann war es plötzlich still. Pünktlich um zwölf Uhr mittags am zweiten Tag des Treffens griff Korichi in die Lostrommel und zog jene Ziffer, die den Algorithmus bestimmte, nach dem die 19 Tandems zusammengestellt wurden. Nachdem die Katze aus dem Sack war, herrschte im Jüdischen Museum für einen Augenblick tiefe Stille, doch dann löste sich die Anspannung auf.

Christiane Mennicke-Schwarz aus Dresden darf nun neugierig darauf sein, wie das Goethe-Institut Tallinn in Kooperation mit einem Zentrum für performative Künste wohl die Dresdener Frage angeht: „Was vermag die Kunst als Sprache der Freiheit in Zeiten des Ressentiments?“ Das Kulturzentrum Záhrada aus dem slowakischen Banská Bystrica muss sich mit der Lage in Athen auseinandersetzen und der Frage: „Wir können wir Menschen zum Sprechen bringen?“

Gleich nach dem Matching trafen sich die frischgelosten Paare zum ersten Kennenlernen. Über den ersten Sätzen in teils gebrochenem Englisch, über den neugierigen und teilweise erwartungsvollen Blicken lag eine Art heiliger Ernst. Der Zauber, der jedem Anfang innewohnt. Wenn es zur geheimen Regie des Warschauer Treffens gehörte, das Zuhören als Soft Skill zu stärken und mehr auf Fragen zu setzen als auf vorschnelle Antworten, dann ist der Plan schon in diesem ersten Moment des Abtastens aufgegangen.

So saß beispielsweise Emilė Paskočimaitė aus Vilnius mit Oana Valentina aus Bukarest an einem Tisch. Schnell haben beide festgestellt, wie wichtig das Thema Toleranz in beiden Städten ist. „Wie kann man Toleranz lernen, wie kann man sie jungen Menschen beibringen?“ Das wollen beide auch mit einem Austausch herausfinden, bei dem sich junge Menschen aus beiden Städten gegenseitig kennenlernen sollen. Parallel zur Arbeit an der Fragestellung der anderen Stadt sollen die Ergebnisse der Recherche und der Treffen auf Facebook und Instagram vorgestellt werden.

Eine politisch spannende Konstellation bilden Tirana und Budapest. In der ungarischen Hauptstadt kämpfen Bernadette Somody und László Majtenyi um die Unabhängigkeit ihrer von der Soros-Stiftung gegründeten NGO „Institut für Politik“. In der albanischen Hauptstadt dagegen sind Zivilgesellschaft und Politik eng miteinander verknüpft. Hier arbeitet die Künstlerin Edit Pula in der Stadtverwaltung als kulturelle Beraterin. Man darf gespannt sein, was beide einander auf den Weg geben werden.

Den weitesten Weg muss Aftab Khan auf sich nehmen. Der Leiter der Organisation Awaz Cumbria arbeitet im nordenglischen Carlisle, einer Kleinstadt, die berühmt geworden ist, weil die „Leave“-Anhängerinnen und -Anhänger beim Brexit-Votum nirgendwo so stark vertreten waren wie hier. Viele Menschen in Carlisle fühlen sich abgehängt und von der Politik im Stich gelassen. „Wie können wir Isolation verstehen, und wie können wir sie überwinden?“, heißt die Frage, mit der Aftab Khan im kommenden Jahr den Leiter des Kulturzentrums Artbox in Thessaloniki, Christos Savvidis, beschäftigen wird. „Wir werden beide eine Ausstellung zur Situation in unseren Städten machen“, verkündeten Khan und Savvidis nach ihrem ersten Treffen.

Bis Ende 2018 werden die frisch gelosten Paare ihre Projekte auf die Beine stellen müssen, bevor sie dann, im Frühjahr 2019, der Öffentlichkeit präsentiert werden. Ob Europa dann noch tiefer in der Krise steckt als bisher? Oder sind die Zerfallskräfte dann schon wieder schwächer geworden? Wie auch immer. Die am Projekt Freiraum Beteiligten werden in jedem Fall von sich sagen können: Wir haben an Europa gearbeitet, wir haben ein Stück Europa gelebt.