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Den Menschen eine Stimme geben

Carlisle liegt weit weg von London an der Grenze zu Schottland, und viele hier fühlen sich abgehängt. Bei einem Workshop wurde gefragt: Was ist das eigentlich, Isolation, und wie kann man sie überwinden? Und vor allem: Wie bringt man die Projektideen aus zwei Städten zusammen, wenn die einen eine spektakuläre Kunstausstellung machen und die anderen eher sozialarbeiterisch Menschen, die sich nicht gehört fühlen, eine Stimme geben wollen? Ein Bericht aus der nicht ganz einfachen, aber hochspannenden Startphase des Freiraum-Projekts.

Von Uwe Rada

Sagen wir einmal, Görlitz, die östlichste Stadt Deutschlands, hätte einen Bahnhof, in dem ICE-Züge aus Berlin oder Dresden auf dem Weg nach Breslau alle Stunde halten. Nehmen wir ferner an, es wäre der Sitz einer Universität und das touristische Zentrum des größten deutschen Nationalparks. In der historischen Innenstadt wimmelte es nur so vor kleinen, schicken Geschäften, die Cafés wären voll, überall junge Leute, es gäbe eine Galerie für zeitgenössische Kunst und jede Menge bürgerschaftliches Engagement. Würden sich die Görlitzerinnen und Görlitzer, wäre ihnen ein solches Schicksal beschieden, abgehängt fühlen vom Rest der Republik und von Berlin, ihrer Hauptstadt?
 
Carlisle ist mit 70.000 Einwohnern ähnlich groß wie Görlitz mit seinen knapp 60.000 Bewohnerinnen und Bewohnern, es ist die nördlichste Stadt Englands, im Stundentakt über die Virgin Trains mit London verbunden, die Fahrzeit aus der Hauptstadt beträgt drei Stunden fünfzehn Minuten, also etwas weniger als von Berlin nach Görlitz, wo man ohnehin in Cottbus umsteigen muss. An der Universität sind über 12.000 Studierende eingeschrieben, der angrenzende Lake District, Großbritanniens größter Nationalpark, ist das Ziel von über 18 Millionen Touristen im Jahr. Herausgeputzt ist die Stadt, überaus lebendig – und dennoch: Die Menschen in Carlisle fühlen sich abgehängt. Das jedenfalls legt die Fragestellung nahe, die Carlisle beim Freiraum-Projekt der Goethe-Institute seinen Partnern im griechischen Thessaloniki mit auf den Weg gegeben hat: „Was ist Isolation und wie können wir sie überwinden?“

Teilnehmer einer Diskussionsrunde Foto: Adam Burakowski © Goethe-Institut
Erfrorene Schafe im Grenzland: Das diffuse Gefühl des Abgehängtseins

Wer in Carlisle die herausgeputzte Innenstadt verlässt und auf dem Castleway über den River Caldew ins Stadtviertel Caldewgate geht, sieht, dass die Stadt einmal eine bedeutende Industriestadt in der sonst landwirtschaftlich geprägten Umgebung war. Die Eisenbahn brachte im 19. Jahrhundert die Industrie in den Norden Englands. In die „Borderlands“, wie viele heute noch sagen, weil die Grenze zu Schottland nur 16 Kilometer entfernt liegt. Bis heute markiert der im 2. Jahrhundert n.Chr. gebaute Hadrianswall diese Grenzlinie, die einst die römische Provinz Britannia inferior vor den Schotten und Iren schützen sollte. „Stadt am Wall“, das heißt Carlisle auf Gälisch.

In Grenzstädten wie in Carlisle oder Görlitz entwickeln die Menschen mitunter ein feines Gespür dafür, ob ihnen, die sie weitab von den Hauptstädten leben, die nötige Aufmerksamkeit zukommt. Das wurde auch deutlich, als sich Ende März 2018 auf Einladung der Nachbarschaftsorganisation Awaz Cumbria Künstlerinnen und Künstler, aber auch kommunale Aktivistinnen und Aktivisten getroffen haben. Sie waren ins Shaddongate Resource Center im Stadtteil Caldewgate gekommen, ein Gebäude, in dem zahlreiche kommunale Initiativen und Organisationen ihren Sitz haben. Im engen Versammlungsraum des Centers stellte Aftab Khan von Awaz Cumbria noch einmal die Frage von Carlisle zur Diskussion – und musste feststellen, dass Isolation auch eine Frage der Selbstwahrnehmung ist, nicht nur ein statistischer Parameter. Eine Teilnehmerin des Workshops erinnerte an den Schneesturm Anfang März, der den Zugverkehr in den Norden Englands zum Erliegen brachte. Zahlreiche Dörfer in den Bergen des Lake District waren damals von der Außenwelt abgeschnitten. „Die Menschen dort mussten mit Hubschraubern versorgt werden, zahlreiche Schafe sind erfroren und verhungert“, berichtete sie. Eine Erfahrung des Abgehängtseins, die man in London vielleicht gar nicht wahrgenommen hat.
 
Und natürlich auch nicht in Thessaloniki, Carlisles Partnerstadt beim Freiraum-Projekt. Zwar beklagen sie auch in der Hafenstadt am Thermaischen Golf, dass bei den Olympischen Spielen 2004 das meiste Geld nach Athen geflossen sei. Doch abgehängt ist Thessaloniki, Griechenlands zweitgrößte Stadt, mitnichten. Einst war die Stadt ein Schmelztiegel vieler Kulturen und Religionen. Juden, Türken und Griechen lebten hier. Darauf ist man in Thessaloniki noch heute stolz. Es wird also spannend werden, wenn Christos Savvidis vom Kunstzentrum Artbox Ende April nach Carlisle kommt. Was versteht er unter Isolation, und welche Ideen wird er entwickeln, sie zu überwinden? Und welche Vorstellungen hat er von einer Brexit-Hochburg? Verlassene Fabriken, an jeder Ecke Obdachlose und Gewalt? Er wird sich wohl eines Anderen belehren lassen müssen.

Splendid Isolation oder Fluch? Eine Frage der Selbstwahrnehmung

Auch beim Workshop Ende März wurden Fragen wie diese noch einmal diskutiert. „Was ist Isolation überhaupt?“, griff eine Teilnehmerin die Fragestellung aus Carlisle auf. „Müsste es nicht eher heißen: Stehen Isolation und Freiheit überhaupt im Widerspruch zueinander?“ Denn auch das gehört zu Carlisle: Fernab des alles an sich reißenden Magnets London gibt es im Norden Englands Natur pur, die Luft ist noch zum Atmen da, die Küste wunderbar romantisch. Isolation ist nicht nur Abgehängtsein, meint auch Katrin Sohns, Leiterin des Kulturprogramms Nordwest des Goethe-Instituts in London, die ebenso wie der Institutsleiter von Glasgow, Nikolai Petersen, zum zweiten Workshop nach Carlisle gereist war. „Es gibt ja auch die splendid isolation“, sagte Sohns, „also das Leben bewusst abseits des Zentrums.“
 
Im Gegensatz zum Norden Schwedens oder Finnlands, wo viele dort Lebende die Abgeschiedenheit explizit schätzen, wird das Leben an der Peripherie in der Grafschaft Cumbria, deren Verwaltungszentrum Carlisle ist, nicht selten als Problem empfunden, als Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören. Mitunter nimmt dieses Gefühl geradezu bizarre Züge an. Nachdem in Cumbria 2005 die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen und die Stadt nach tagelangen Regenfällen überschwemmt war, machten einige Bewohner*innen ein Kunstwerk für ihr Unglück verantwortlich: Ein paar Jahre zuvor war ein Stein aufgestellt worden, auf den ein 1.069 Wörter langer Fluch des Erzbischofs von Glasgow aus dem Jahr 1525 eingraviert war, der die Stadt vor Plünderern und Vergewaltigern schützen sollte. Plötzlich war von dem Stein nur noch als „Der Fluchstein“ die Rede, er sollte schuld sein an den Katastrophen der Gegenwart. Ein Stadtrat wollte ihn sogar wieder entfernen lassen. Eine Provinzposse, gewiss, aber eine, die auch etwas darüber sagt, wie eine Provinz tickt.
 
Zwar gibt es in Carlisle noch Arbeit in industriellen Betrieben wie dem Reifenhersteller Pirelli und den zahlreichen Ämtern, die zum Verwaltungszentrum der Grafschaft Cumbria gehören. Doch die statistischen Daten, die Aftab Kahn im Shaddongate Resource Center vorlegt, sprechen für sich: Mit jährlich 23.000 Pfund ist das durchschnittliche Haushaltseinkommen niedriger als der englische Schnitt, der 28.500 Pfund beträgt. Über 16 Prozent der Kinder in Carlisle leben in Armut, die Lebenserwartung liegt unter dem englischen Mittel. Trotzdem oder gerade deshalb hat eine große Mehrheit der Menschen in Carlisle 2016 für den Brexit gestimmt. 60,1 Prozent votierten für „leave“, 39,9 Prozent für „remain“.
 
Carlisle als Hochburg der Brexiteers, das war auch der Grund dafür, dass sich die Goethe-Institute in London und Glasgow für die Stadt an der Grenze von England und Schottland zu interessieren begannen. Doch nicht nur die Zahl der Leave-Wähler*innen gab den Ausschlag, warum Carlisle zum Standort des Freiraum-Projekts im Vereinigten Königreich wurde, sondern auch seine zivilgesellschaftlichen Aktivitäten. „Wir haben festgestellt, dass es dort jedes Jahr das sogenannte ‚Unity-Festival‘ gibt“, berichtet Nikolai Petersen während des Workshops. So fanden Goethe und Aftab Khan zusammen, dessen gemeinnützige Einrichtung Awaz Cumbria dieses Festival organisiert, ein Fest, das die ethnische und kulturelle Vielfalt von Carlisle unterstreichen soll.

Gefühle benennen, unbegründete Ängste auflösen, eine Stimme bekommen

Mit Awaz Cumbria hat Freiraum einen Partner gewonnen, der weniger im kulturellen als im nachbarschaftlichen Bereich aktiv ist. „Wir engagieren uns für die Rechte von Minderheiten und anderweitig benachteiligten Menschen“, sagt Aftab Kahn beim Workshop. Gegründet wurde die Organisation von Peter Foley, dem ersten schwarzen Fußballprofi Großbritanniens, der ebenfalls zum Treffen ins Shaddongate Resource Center gekommen ist. Khan selber stammt aus der umkämpften Provinz Kaschmir in Pakistan und ist 2007 nach England gekommen, um dort zu studieren. Zuvor hatte er nach dem großen Erdbeben von 2005 den Wiederaufbau in der Region Kaschmir organisiert und war bei den Behörden angeeckt. In England ist er dann geblieben. Auf Carlisle und Cumbria lässt er nichts kommen, hier hat er eine neue Aufgabe gefunden.

Teilnehmende einer Diskussionsrunde Foto: Adam Burakowski © Goethe-Institut Khan verschweigt nicht, dass der Anteil von Minderheiten in Carlisle im Vergleich zu anderen Regionen in Großbritannien gering ist. „Die schwarzen Bewohner und die anderen ethnischen Minderheiten machen 5,6 Prozent der Bevölkerung aus, in der Grafschaft Cumbria sogar nur 4,9 Prozent“, sagt er. Die Angst der Weißen, von Minderheiten an den Rand gedrängt zu werden – eine Angst, die vielerorts in Europa zum Aufstieg des Rechtspopulismus geführt hat –, ist in Carlisle also kaum begründet – zumindest nicht statistisch.
 
Beim Workshop von Awaz Cumbria gibt es auch Stimmen, die vor diesem Hintergrund weniger die Isolation bzw. die Entfernung zu London als Hauptproblem benennen. „Vielleicht müsste man die Frage präzisieren“, meint eine Künstlerin, die viel mit Jugendlichen arbeitet. „Vielleicht geht es eher darum, dass viele den Eindruck haben, ihre Stimme werde nicht gehört. Wir müssen diesen Menschen wieder eine Stimme geben.“ In vier Arbeitsgruppen wurde im Anschluss diskutiert, wie man sich gegenseitig helfen oder kommunale Akteure einbinden kann. Auch das künstlerische Projekt, das aus der Fragestellung des Freiraum-Projekts hervorgehen soll, war Thema. Welches Format soll es haben? Wie wird das Ergebnis präsentiert? Was wäre ein Erfolg? Und vor allem: Wer soll davon profitieren?

Freiraum-Projekt: Eine spektakuläre Schau zu sozialer Gerechtigkeit!?

Die Herausforderung, vor der Aftab Khan nun steht, ist wahrlich nicht gering. In Carslisle erwarten diejenigen, die ihn und Awaz Cumbria bei Freiraum unterstützen, konkrete Vorschläge für die Verbesserung der Situation vor Ort, ob man sie nun Isolation nennt oder nicht. Christos Savvidis aber, der künstlerische Partner in Thessaloniki, hat bereits ganz konkrete Vorstellungen. Eine Ausstellung soll entstehen, möglichst professionell und auch spektakulär. Der gemeinsame Nenner, den beide gefunden haben, ist: Die Stimme der Benachteiligten soll endlich Gehör finden. „In der Ausstellung könnten voice pieces der Bewohner von Carlisle, aber auch von Thessaloniki zu hören sein“, schlägt er Aftab bei einer von mehreren Skype-Konferenzen vor.
 
So könnte die Überwindung der Isolation, die Carlisle zum Thema gemacht hat, so aussehen: Die professionellen Kunstschaffenden von Artbox aus Thessaloniki haben Aftab Khan ein Format vorgeschlagen, zu dem er schlecht Nein sagen kann. Doch das Thema „Nationale Minderheiten und soziale Gerechtigkeit“, das Khan und seiner NGO Awaz Cumbria auf den Nägeln brennt, könnte nun auch zum Thema des griechischen Partners in Thessaloniki werden. Auch, wie Aftab Khan immer wieder das Ziel seiner Arbeit beschreibt, würde Savvidis wohl unterschrieben: „Wir müssen den Benachteiligten einen Zugang zu Bildung, zu sozialen Dienstleistungen, zur Gesundheitsversorgung geben. Erst wenn sie das alles haben, können sie von der Freiheit profitieren, die für andere selbstverständlich ist.“

Gehört werden wird Carlisle auch vom Goethe-Institut Glasgow. „Wir überlegen derzeit, ob wir nicht ein Filmfestival in Carlisle organisieren“, kündigt Nikolai Petersen, der Institutsleiter in Glasgow an. Der Freiraum, der in Carlisle entstehen wird, soll schließlich auch nachhaltig sein.

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