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Goethe Warschau Brüssel

Von Uwe Rada

Unter uns


Für Katarzyna Szymielewicz ist klar, dass es nur spielerisch geht. „Wie kann ich meine Filterblase und Komfortzone verlassen und gleichzeitig die Angst überwinden, auf jemanden Fremdes zu treffen?“, fragt die Mitbegründerin und Leiterin der Warschauer NGO „Panoptykon“. Panoptykon ist eine Organisation, die sich gegen Überwachung im Internet einsetzt und für das Recht auf die eigenen Daten. Nachdem im Mai 2018 die europäische Datenschutzverordnung in Kraft getreten war, haben Szymielewicz und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter darauf angestoßen. Für Google und Facebook, hoffen sie, wird das Leben nun etwas schwerer. Und die Macht des Algorithmus, der bestimmt, mit wem wir kommunizieren und wer ausgefiltert wird, wird vielleicht etwas schwinden.

Eine Warschauer Organisation, die gefragt wird, ob sie beim Freiraum-Projekt der Goethe-Institute dabei sein will, hätte sicher auch ein anderes Thema vorschlagen können als das der Filterblasen. Den Abbau der demokratischen Rechte in Polen zum Beispiel, die Propaganda der nationalkonservativen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) in den staatlichen Medien oder die Unabhängigkeit der Gerichte. Doch Katarzyna Szymielewicz hat sich für ein Thema entschieden, das nicht nur Polen betrifft, sondern alle in Europa. Wie wollen wir kommunizieren und mit wem? Wer bestimmt die Regeln dieser Kommunikation? Sind wir gefangen in einer Blase? Oder ist sie uns eine Komfortzone, weil alles, was sich außerhalb befindet, fremd ist und bedrohlich, es uns sogar Angst machen kann? Ganz folgerichtig heißt die Frage, die sich Szymielewicz und Panoptykon ausgesucht haben: „Welche Entscheidung würden wir treffen, wenn wir frei zwischen vollständigem Zugang zu Information und dem Leben in einer Filterblase wählen könnten?“
Eine Person laeuft über einen menschenleeren Platz Andrew Gook © unsplash Freiheit bedeutet in diesem Fall, bekanntes Terrain gegen unbekanntes auszutauschen. Wie schwer das vielen fällt, zeigt gerade das Beispiel Warschau. Mit rund 500 so genannten Gated Communities liegt die polnische Hauptstadt an der Spitze in Europa. Als die ersten dieser abgeschotteten Siedlungen mit Zaun und Überwachungskameras Ende der neunziger Jahre entstanden sind, stand das Thema Sicherheit noch hoch im Kurs. Mit der Zeit jedoch ist daraus auch ein kulturelles Phänomen geworden, meint der Stadtsoziologe Bohdan Jałowiecki: „Wir träumen davon, dass die Stadt von unseresgleichen bewohnt wird.“

Die Fragmentierung Warschaus in homogene Räume schreitet damit voran, weiß auch Wojciech Klicki, der wie Kataryzna Szymielewicz für Panoptykon arbeitet. Trotz der Kritik an dieser Siedlungsform sei ein Ende nicht in Sicht. „Die Polen denken in immer höherem Maße an sich selbst und nicht gesellschaftlich“, sagt Klicki. „Noch immer gilt der Grundsatz. Mein Haus, meine Festung.“ Dabei bringt das Leben in einer mit Zäunen und Kameras bewachten Siedlung nicht unbedingt mehr Sicherheit, weiß auch Katarzyna Szymielewicz. „Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen, die in einer Gated Community leben, sich noch mehr fürchten und unsicher fühlen als andere.“ Szymielewicz nennt das das „Belagerte Festung Syndrom“.

Und dennoch, der Wunsch, unter sich zu sein, verändert unser Leben und unsere Gesellschaft. So gesehen machen Facebook und Google nur, was die Nutzer wollen. Keine Störgeräusche, keine unangenehmen Begegnungen, weder auf der Straße im Viertel, noch im Netz.

Sich selbst und andere spielen

Wäre da ein Zaun, läge auch das Goethe Institut in Warschau in einer Gated Community. Doch der Komplex in einem langgezogenen Hinterhof im Zentrum der polnischen Hauptstadt, in dem das Institut untergebracht ist, ist über mehrere Hofdurchgänge durch die Chmielna-Straße zugänglich. Mitunter ziehen an lauen Abenden auch Alkoholiker durch den Hof und grölen. Nach ein paar Minuten sind sie meistens wieder weg. Auch Tom Bonte hat einen dieser Krachmacher erlebt. Der Direktor des Theaters Beursschouwburg in Brüssel ist mit seinem Dramaturgen Dries Douibi im Mai nach Warschau gereist, um mit Katarzyna Szymielewicz die Möglichkeiten eines gemeinsamen Projekts auszuloten. Bei einem ersten Treffen in Brüssel hat sich bereits herausgestellt, dass beide arbeitsteilig vorgehen wollen. Brüssel hat auf seine eigene Fragestellung (Wie sieht eine wahrhaftige Hauptstadt Europas aus?) verzichtet. Im Gegenzug dazu hat sich Szymielewicz bereiterklärt, dass die Beursschouwburg die Fragestellung von Panoptykon auf die Bühne bringt – in Brüssel ebenso wie in Warschau.

Schnell kommt beim Brainstorming in Warschau die Idee auf, das Ganze als Spiel zu inszenieren. Als Stadtspiel zum Beispiel oder auch als Schauspiel. Warum nicht vor einem Publikum sich selbst spielen? Ein Bankdirektor spielt also einen Bankdirektoren, eine Theatermacherin eine Theatermacherin, ein Politiker einen Politiker. Und dann sind die Schauspielerinnen und Schauspieler an der Reihe, die ebenfalls einen Bankdirektoren, eine Theatermacherin, einen Politiker spielen. Spielen Sie das gleiche? Sind das wir, den oder die sie spielen? Was ist unser Bild von uns selbst, was denken die anderen? Spielerisch ist man plötzlich mit dem anderen konfrontiert, und sei es nur als Vorstellung. Auch das ist eine Möglichkeit, die eigene Blase zu verlassen.
Gebäudestruktur Anders Jilden © unsplash „Wichtig wäre es, ein Spiel zu entwickeln, das Emotionen hervorruft“, ist Katarzyna Szymielewicz überzeugt. „Das uns die Möglichkeit gibt, unsere Komfortzone zu verlassen und die Angst zu überwinden, jemanden Fremdes zu treffen.“

Was, wenn das Theater schließt?

Eine Komfortzone ist das Teatr Powszechny ganz bestimmt nicht. Weder für den leitenden Direktor Paweł Łysak, noch für PiS. „Als wir das Stück Klątwa des kroatischen Regisseurs Oliver Frljić auf die Bühne gebracht haben“, erzählt Łysak, „gab es wütende Demonstrationen vor unserem Theater.“ In seinem Stück Klątwa, auf Deutsch Fluch, thematisiert Frljić die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche auf eine teilweise sehr drastische Art.

Inzwischen hat sich die Aufregung zwar wieder gelegt. Doch wenn im Herbst die PiS die Wahlen in Warschau gewinnen und ein PiS-Politiker Stadtpräsident werden würde, wäre das Theater von Łysak in seiner Existenz bedroht. „Wir sind ein städtisches Theater“, sagt Łysak. Soll heißen, eine neue Regierung könnte der vielleicht ambitioniertesten Bühne der polnischen Hauptstadt den Geldhahn zudrehen.

Mit der Straßenbahn sind Katarzyna Szymielewicz, Tom Bonte und Dries Douibi sowie die Goethe-Leute aus Brüssel und Warschau ans andere Ufer der Weichsel gefahren, um einen möglichen Ort zu besichtigen, bei dem die Performance zum Thema Filterblasen aufgeführt werden könnte. Paweł Łysak und sein Stellvertreter Paweł Sztarbowski empfingen die Delegation bei einem Kaffee auf dem Theatervorplatz. Auch zum Thema Freiheit und Freiraum hat Łysak etwas zu sagen: „Wir sehen immer mehr, dass die Rechte die Agenda bestimmt. Wenn wir mit denen einen Dialog führenwollen, dann nur aus einer starken Position heraus.“

Das Thema Freiraum, da sind sich alle sicher, wäre im Teatr Powszechny gut aufgehoben. Oder doch nicht? Sollte man doch nicht eher eine Bühne suchen, die nicht so offensichtlich mit der Opposition in Polen verbunden ist? Eine, die nicht in der eigenen Blase agiert? Denn die Filter Bubbles, gegen die die Stiftung von Katarzyna Szymielewicz ankämpft, sind das eine. Zieht man sich aber aus freien Stücken in die eigene Komfortzone zurück, kann man nicht mehr mit dem Finger auf Google und seinen Algorithmus zeigen. Die Fragestellung aus Warschau ist deshalb auch ein Anstoß, darüber nachzudenken, ob man nicht öfter ins Risiko gehen und das Gespräch mit Andersdenkenden suchen sollte. Auch deshalb haben sich Szymielewicz, Bonte und die Goethe-Leute aus Warschau und Brüssel noch zwei weitere Bühnen ausgesucht: die kleine Off-Bühne Komuna Warszawa und das Teatr Studio im Kulturpalast.
Blick aus einem Innenhof in Richtung Himmel Caitlin Oriel © unsplash

Plan A und Plan B

Wie schwierig die Zusammenarbeit mit Menschen ist, die nicht so ticken wie man selbst, zeigt auch das geplante Projekt zwischen der belgischen und der polnischen Hauptstadt. Zurück im Goethe-Institut zeigte sich schnell, dass auch der Dialog beim Freiraum Projekt mitunter eine große Herausforderung sein kann. „Brauchen wir wirklich einen künstlerischen Partner, der unser Thema auf die Bühne bringt“, fragt Panoptikon-Chefin Katarzyna Szymielewicz aus dem Nichts. „Wir machen doch keine Kunst, sondern ein soziales Experiment.“ Tom Bonte vom Theater Beursschouwburg dagegen will es unbedingt mit einer künstlerischen Inszenierung versuchen.

Diese Inszenierung ist der „Plan A“, auf den sich Warschau und Brüssel schließlich einigen. Panoptykon wird ein Briefing an Brüssel schicken. Das Briefing wiederum ist für Tom Bonte die Basis, sich nach einem oder mehreren Künstlerinnen und Künstlern umzuschauen, die das Thema „Komfortzone und Angst“ und das „Durchbrechen der Filterbubbles“ auf die Bühne bringen soll. Tom Bonte: „Das Ergebnis, das ich mir wünsche, ist mehr Zweifel.“

Sollte all das nicht klappen, tritt ein Plan B in Kraft, den Cristina Nord, die Projektleiterin von Freiraum, ins Spiel gebracht hat. „Dann wird aus dem künstlerischen Projekt das Format einer „Big Conversation“, eine
experimentelle Diskussionsveranstaltung, bei der das Publikum gleichzeitig Akteur ist. Nicht Künstlerinnen und Künstler antworten dann auf die Frage, ob und unter welchen Umständen wir unsere zweite Haut abstreifen können und wollen, sondern jeder und jede, die dabei ist.

Cristina Nord ist vom Potential der Fragestellung jedenfalls überzeugt. „Der meisten Bubbles, in denen ich mich bewege, bin ich mir bewusst. Aber esgibt bestimmt auch welche, von denen ich nichts weiß.“ Eine davon war das Restaurant, in dem sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops am Abend zum Essen trafen. Es trägt den Namen „Między nami“, „Unter uns“.

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