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Es ist die Fremdheit, die uns verbindet

Freiräume sind Zwischenräume – oftmals vorerst kleine Nischen – bis diese größer und größer werden und sich zu echten freien Räumen entwickeln. Auch in meinem Berufsfeld, dem Theater, muss in jeder einzelnen Arbeit der gemeinsame, freie, kreative Raum der Erarbeitung eines Stücks oder Projekts aufs Neue erfunden, entwickelt, erkämpft werden.

Von Jan Bosse

Allied Aliens – Freiräume denken

Für das europäische Goethe-Projekt Freiraum  „Milano meets Oslo“ wurde ich eingeladen, innerhalb ungewohnt kurzer Zeit, weniger als einen Tag, mit den Schauspielern Camara Joof (ghanisch, norwegisch) und Sarah Camille Ramin Osmundsen aus Oslo, Modou Gueye (senegalesisch) aus Mailand auf „Den mangfaldige scenen“ mit Liv Hege Skagestad ein Stück über Freiraum auf die Bühne zu bringen: Allied Aliens.

Mein Osloer „Freiraum“ begann mit einem Treffen im Goethe-Institut im dunklen Oslo – mitten in Grønland am Goethe-Buffet mit Rentierschinken und Elch-Buletten.

Es gibt so gut wie kein „Rezept“ für die Herstellung von Theater, allerdings tragen (wie beim Kochen oder in jedem Handwerk) die Ingredienzien, die wohl gewählten „Zutaten“ sicherlich entscheidend zum Gelingen des Ganzen bei. „Doch der Funken, der ( ..) zum Rausch werden lässt – zur echten Gaumenfreude (um noch einmal die Küchenmetapher zu bemühen) – dieser prometheische Funken ist nicht göttlich, sondern Menschen gemacht“.
Freiraum Architektur Foto: Malva Nieto © unsplash Eher fragender Zeuge als Regisseur

Bin ich der Richtige für dieses Projekt? – „White, middle-age male bourgeois theatre director from Germany...“ Vielleicht ja doch – denn das Publikum ist mir ähnlicher, als ich es sonst wahrhaben möchte. Meine Fragen sind nicht die Fragen, die sich die Beteiligten auf der Bühne gegenseitig stellen würden, wenn sie unter sich wären. Es ist die Fremdheit, die uns verbindet.

In diesem Projekt des Goethe-Instituts verstehe ich mich eher als fragender Zeuge denn als Regisseur. Dann aber stellt sich doch heraus, dass die Auswahl für eine theatralische Präsentation unserer Begegnung, das Bündeln, Ordnen, Sortieren dieser Fülle von Geschichten eine dringend notwendige Struktur erfordert, die das Gespräch über das rein Private hinaushebt. Als Höhepunkte zeigen sich drei eingefügte selbst verfasste Lieder, ein norwegischer Song, ein englisches Poem, eine senegalesische Rhapsodie.

Der Versuch, nicht an der Oberfläche zu kratzen, sondern bei jeder Geschichte die Vielzahl der anderen, nicht erzählten Erlebnisse, Erfahrungen, Gedanken als Ahnung mit zu erzählen, die Biografien, die Verwerfungen, den Schmerz, ein ganzes Leben. Den Raum im Kopf der europäischen, weißen Zuschauer zu öffnen. Fragen, die weitere Fragen aufwerfen, Antworten, Geschichten, die Lust und Neugier wecken, weiter zu fragen. Und dennoch ein Geheimnis, das bleibt. Erzählt wird nur, was erzählt werden will, werden muss.

Modou berichtet, wie er alltäglichen Rassismus in Italien begegnet, wenn er, wie so oft, unhöflich geduzt wird, im Laden, im Café: „Cosa vuoi?“

Seine Antwort ist: „Ich sage ‚Sie’ zu Ihnen, also sagen Sie bitte auch ‚Sie‘ zu mir.“ Manchmal, so Modou, lacht er auf die rüde, verächtliche Frage auch nur los und nimmt dem Gegenüber so meist den Wind aus den Segeln.
Ein offenes Fenster an einem Hochhaus Foto: Chris Barbalis © unsplash Zugehörigkeit erzählen

Die Namen als Symbol von Identität. Die kurdische Workshop-Leiterin erzählt von der Wichtigkeit der Namen, der erkennbar kurdischen Namen, die diesem zerstreut lebenden, vertriebenen Volk ohne Land täglich ihre Zugehörigkeit erzählen.

Rosina, unsere deutsch-italienische Übersetzerin vom Goethe-Institut aus Mailand deren Vater sie unbedingt Monika nennen wollte. Die Mutter war entsetzt: „Viel zu deutsch!“ – Na gut, dann eben wie die Oma: Rosa! – „Oh nein! Rosa?! Dann wenigstens Rosina, bitte!“

Die tolle türkisch-norwegische Dokumentarfilmerin, die ihren türkischen Namen immer dann benutzt, wenn sie zum Beispiel Islamisten interviewt, und ihre norwegische Ehe in diesen heiklen Situationen eher nicht erwähnt.

Der spannende, begeisternde Abend endet in Gewalt. Eine Frau begann plötzlich auf einen unserer Schauspieler einzureden, ihn heftig zu beschimpfen und ging schließlich auf ihn los, drückte dem konsternierten, aber völlig ruhig bleibenden Mann eine Zigarette ins Gesicht, inklusive plötzlicher rassistischer Beschimpfung, wie sie dümmer und klischeehafter in keinem schlechten Drehbuch stehen könnte. 

Wir alle konnten und wollten nicht glauben, dass genau dieser Abend, dieses kleine Projekt, das so viele Räume geöffnet hatte, uns alle in soviel Euphorie verbunden hatte, in so schlechtem Theater, in echtem Drama enden sollte. 

Genau dieser Vorfall zeigt, warum das Projekt Freiraum notwendig ist, weitergehen muss. Ich freue mich auf die Fortsetzung Ende November in Mailand!

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