Punk-Kneipenkultur  Die Steintor Schänke: Wohnzimmer eines Viertels

Eliza und Ingo in der Punkkneipe Steintor Schänke in Bremen
Eliza und Ingo in der Punkkneipe Steintor Schänke in Bremen © Goethe-Institut, Annette Baran

Ein Kneipenkonzert an einem heißen Augustabend zieht zwar keine Massen an, aber beim Besuch in der ältesten Punkkneipe Bremens wird klar, warum sich die Szene hier trifft und feiert – manchmal sogar bis zum Morgengrauen.

Die Steintor Schänke in Bremens Bezirk „Viertel“ wirkt auf den ersten Blick eher unscheinbar. Eingereiht zwischen Mietshäusern, einer Bio-Bäckerei und kleinen Kunstgalerien, weiß nur der Stammgast gleich, dass sich die kultigste Punk-Kneipe Bremens im Hauseingang mit der Adresse Vor dem Steintor 52 verbirgt.

Stammgäste gibt es viele. Seit über 40 Jahren hat die Steintor Schänke einen festen Platz in der Kneipenlandschaft Bremens. Sie ist eine von nur zwei Gaststätten mit einer 24-Stunden-Ausschanklizenz in der Gegend. Das zieht Nachtschwärmer*innen an und lässt die Besitzer Eliza und Ingo oft bis 6 Uhr morgens hinter der Theke ausschenken. Ihre Spezialität: „Kettenfett“, ein Drink aus in Vodka aufgelösten Lakritzbonbons.

Die beiden leben für die Kneipe. Sie wohnen selbst im Haus, über der Gaststätte, und sind Teil einer lebendigen, freundschaftlichen und kreativen Community. Mittags geht es los mit der ersten Getränkelieferung. Wer dann schon an der Theke sitzt, um einen Schnack zu halten, packt auch gern mit an.

Die Schänke ist nicht nur eine Punkkneipe mit Live-Auftritten von kleinen und größeren Namen in der Punkszene. Sie ist ein Treffpunkt für Nachbarn, Gleichgesinnte und die Punkerszene der Stadt. „Die jüngeren Punks machen ihr eigenes Ding, daher ist die Szene generationsbedingt eher getrennt. Die Jungen gehen auch nicht mehr auf Platte wie damals in den 80ern. Und die Älteren kommen zu uns, aber oft haben wir auch ein sehr gemischtes Publikum“, erzählt Eliza von ihren Erfahrungen mit den Bremer Punkern.

Seit Eliza mit dem Instagram-Account für die Schänke aktiv ist, bekommt sie viele Auftrittsanfragen von Bands. Alle Konzerte sind umsonst. Manchmal, wie heute, richtet ihr Bekannter Charlie ein Buffet an. Er war früher für das Tournee-Catering großer Bands wie Coldplay zuständig. „Es waren immer die unbekannten Bands, die die meisten Extrawünsche hatten“, erzählt er, während er ein Tablett mit Frühlingsrollen auf den Tresen stellt. Die Bands, die heute in der Schänke spielen, TV Moms aus New York, und Riot Spears aus Berlin, sind einfach nur dankbar für eine Mahlzeit, als sie mit Stunden Verspätung in der Kneipe eintreffen. Es wird nicht laut werden, heute Abend. Beide Bands haben nur ihren Frontmann bzw. ihre Frontfrau geschickt, um ein Akustikset zu spielen. Bei 36 Grad Celsius im Innenraum der Schänke steht das Publikum lieber draußen, um eine leichte Brise des Sommerabends zu erhaschen. Lotte ist der erste echte optisch erkennbare Punk, der sich zum Publikum gesellt. Mit blaugefärbtem Iro sticht er heraus. Als ich ihn frage, was Punk für ihn bedeute, sagt er: „Punk ist, das zu machen, was man will und auf die Meinung von anderen zu scheißen, einfach sein Leben zu leben, ohne auf die anderen zu hören.“ Und bekräftigt seine Aussage mit einem großen Schluck Bier aus der Flasche. Draußen wird es voller und lauter. Eliza und Ingo haben alle Hände voll zu tun. Am Eingang treffe ich zufällig einen Kollegen, Sotiris, den Social-Media-Manager des Goethe-Instituts Thessaloniki, der ebenfalls ein Stammgast ist, wenn er seine Freundin in Bremen besucht. Die beiden stehen in der bunten, fröhlichen Menge, die vor allem zwei Dinge gemein hat: einen unkonventionellen Lebensstil und die gleiche politische Meinung (in der Schänke haben Gäste Anti-Nazi-Sticker an alle Wände und sogar auf den Toilettendeckel geklebt). Gegen 22.30 Uhr packen die Bands ein. Nach 23 Uhr dürfen wegen Beschwerden einiger Anwohner*innen keine Konzerte mehr stattfinden.

Am nächsten Morgen, schreibt mir Eliza, dass es wieder eine lange Nacht gewesen sei. Gegen 1 Uhr sei der Laden noch einmal richtig voll geworden, als das Konzert der Toten Hosen auf der nahegelegenen Bürgerweide zu Ende ging und die Fans noch nicht nach Hause wollten. Punk heißt für die beiden auch: wenig Schlaf, aber dafür das Gefühl, das Herz einer lebendigen Community zu sein.

Im Video-Interview mit GEGENÜBER erzählen die beiden, was Punk für sie bedeutet und wie ihr Alltag aussieht.
 

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