Ausgesprochen … gesellig Ganz gechillt

Innere Zufriedenheit und Bei-sich-Sein – dafür haben ganze Generationen Unmengen von Ratgeberliteratur gelesen. Der heutigen Jugend gelingt es ganz leicht: „Chill mal!“

Von Maximilian Buddenbohm

Junge entspannt sich in der Sonne Was die Älteren mühsam lernen müssen, beherrschen die Jungen vielleicht von Natur aus: „Leute, chillt mal!“ | Foto (Detail): Lea Roth; © picture alliance/Beyond
Ich habe mit einem Sohn und seinen Freunden über ihre beruflichen Aussichten und Ambitionen gesprochen. Nicht etwa, weil sie schon besonders klare Wünsche, Traumjobs oder bereits erkannte spezielle Begabungen hätten, nein, soweit sind die noch nicht. Ich wollte nur wissen, welche ungefähren Vorstellungen man heute mit etwa zwölf Jahren von der Berufswelt hat. Denn mit zwölf Jahren ist man noch eindeutig Kind, hat aber schon gewisse Vorstellungen von der Welt und den Zuständen darin.

Viel Raum für anderes

Was haben die Kinder gesagt? Es ist fast noch interessanter, was sie alles nicht gesagt haben. Denn sie haben nicht von tollen Karrieren und hohen Zielen geredet, die es später zu erreichen gilt. Sie haben die hier so heilige Leistung nicht erwähnt. Es ging ihnen auch nicht um hohe Einkommen, um Statussymbole oder um besonders angesehene Berufe. Dafür waren sie sich vollkommen einig: Ein Job ist nur dann erstrebenswert, wenn er viel Raum für anderes lässt. Für Hobbys, Interessen und Sport, für die Familie und später für die dann eigenen Kinder, vor allem aber für das wieder und wieder betonte Chillen. Denn wer nicht gechillt lebt, der lebt nicht richtig, so viel steht für sie fest.
 
Frühere Jahrgänge, also etwa meiner, wollten in der Jugend vor allem cool sein, die Älteren erinnern sich gewiss. Was hat man sich damals für Mühe gegeben, auf jeden Fall cool zu sein und immer cool zu bleiben – und wie anstrengend war das. Wir hätten die Frage nach beruflichen Aussichten auch mit besonders coolen Berufswünschen beantwortet, da bin ich mir sicher. Die neuen Jahrgänge aber sind grundsätzlich und vielleicht von Natur aus gechillt. Wie auch immer sie das erreichen konnten – wir werden das ja nicht vererbt haben – es ist mir ein Rätsel. Sie sind wesentlich entspannter als wir, warum auch immer. Wer gechillt ist, der hat es nicht nötig, irgendwie zu wirken, nicht einmal cool. Fast hätte ich geschrieben: Wie cool ist das denn! 

Bei sich sein

Wer gechillt ist, der ist einfach bei sich und findet es auch noch gut dort. Und bei sich zu sein und es da sogar gut zu finden, wie schön mag das sein? Um da hinzukommen, haben wir Älteren noch ganze Regalmeter Psychoratgeber verbraucht und sogar Therapien gemacht: „Ich bin okay, du bist okay.“ Funktioniert hat das nicht bei jedem von uns, es war Lernen und Mühe, es war Versuch und Irrtum, die Kinofilme, Romane und Theaterstücke der letzten Jahrzehnte haben das ausführlich behandelt. Und immer noch stehen wir hin und wieder abends sinnend vor Spiegeln, wir sehen uns und die Jahre, die sich in unseren Gesichtern abzeichnen, kritisch an, und wir denken nach wie vor nicht: „Okay“. Wir denken bestenfalls: „Na ja.“
 
Wenn ich ins Kinderzimmer gehe und mich laut über das Chaos dort ärgere, sagen die Söhne: „Papa, chill mal!“ Dann ärgere ich mich sehr. Aber nicht, weil das so eine besonders respektlose Frechheit ist: „Papa, chill mal!“ Redet man denn so mit seinen Eltern? Ach egal, das stört mich nicht. Mich stört viel mehr, dass ich einfach nicht weiß, wie das geht.
 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Qin Liwen, Dominic Otiang’a und Gerasimos Bekas. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen.