Ausgesprochen … gesellig Vier Szenen aus der Urlaubszeit

Achtung, Stress: Familienurlaub! – Alle wollen etwas, nur jeder etwas anderes oder auf andere Weise. Maximilian Buddenbohm erklärt, wie es doch noch zur Erholung kommen kann.

Von Maximilian Buddenbohm

Biergartengäste sitzen einem Biergarten in München unter Bäumen Ein Münchner Biergarten – wo könnte genau jetzt bessere Stimmung sein? – In Köln vielleicht! | Foto (Detail): Tobias Hase; © dpa
Eine Familie geht auf einen Bahnhof zu, sie diskutieren alle laut und nicht gerade freundlich miteinander. Die Mutter bleibt plötzlich demonstrativ stehen, sie gehört zu den Menschen, die enorm demonstrativ stehen bleiben können, das ist hohe Schauspielkunst und verlangt viel Übung, man sieht es gleich. Sie bremst abrupt ihren Gang, lässt zwei Koffer fallen und hebt dramatisch die Hände: „Meine Güte, dann fahrt doch ohne mich!“ Die Familie bleibt zwei Schritte weiter auch stehen, rollende Augen, Blicke über die Schultern. In den Gesichtern sieht man das entnervte Abwägen, geht man jetzt beruhigend auf die Mutter ein oder lässt man sie einfach stehen? Natürlich lässt man sie nicht stehen. 

„Köln wäre jetzt toll“

Am Ostseestrand breitet ein Vater eine Decke aus und sortiert kniend Taschen mit Essen und Spielzeug. Als er fertig ist, sieht er hoch zu seiner Frau, die daneben steht und ihm kopfschüttelnd zusieht, ein Kleinkind auf dem Arm. Sie kommentiert: „Du kannst das doch nicht ernsthaft da hinlegen, wo alle durch müssen, spinnst du denn?“ Der Mann nimmt die Taschen und die Decke und wirft alles zwei Meter weiter, und zwar in hohem Bogen. Die Frau schlägt vor, künftig getrennt zu verreisen. 
 
In München sitzt ein Paar im Biergarten vor zwei Gläsern. Er sagt: „Köln wäre jetzt toll. In Köln ist so eine tolle Stimmung, weißt du.“ Unfreiwillige Zuhörer erfahren nicht, warum das die Frau so ärgert, aber sie antwortet fast schreiend: „Jetzt sind wir aber nun einmal in Bayern! Hörst du endlich auf damit!“
 
In den Bergen steht ein Familienvater vor seinen Lieben, hält einen Reiseführer in der Hand und liest etwas vor, sicher über den Ort, in dem sie stehen. Die Familie guckt desinteressiert in die Gegend und auch diesen Mann überkommt es: „Himmel, ihr müsst auch irgendwas wollen! So kann das doch alles nichts werden hier!“ Und er stopft den Reiseführer in seinen Rucksack, dass die Seiten umknicken und einreißen. Seine Frau sieht angestrengt in die Wolken. 

Familiärer Vollkontakt

Es gibt kaum noch Eltern oder überhaupt Menschen, die nicht zumindest in Teilzeit arbeiten, es gibt immer mehr Ganztagsschulen in Deutschland. Man muss sich klarmachen, was das für den Alltag heißt: Man sieht sich nicht mehr lange pro Tag, es sind ja alle dauernd weg. An den Wochenenden wird dazu viel Zeit für Hobbys geopfert, für Freunde und für den Sport. Erst im Urlaub also müssen sich alle auf einmal aushalten. Stundenlang, tagelang, wochenlang, der Urlaub ist der plötzlich eintretende familiäre Vollkontakt ohne vorheriges Trainingslager. Und vermutlich brauchen alle mindestens eine Woche, bis sie den schmalen Grat des sozialen Friedens zwischen Toleranz und Resignation gefunden haben, bis sie sich wieder aushalten und sogar mögen können, bis sie ein neues „Wir“ bilden. Also wenn sie sich bis dahin nicht endgültig getrennt haben jedenfalls. 
 
Es ist nur eine These, aber ich nehme an, schöne Urlaubserinnerungen stammen heutzutage grundsätzlich aus zweiten oder gar dritten Urlaubswochen. Die erste Woche dagegen halten alle nur aus.
 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Qin Liwen, Dominic Otiang’a und Gerasimos Bekas. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen.