Ausgesprochen … gesellig Alles tanzt

Es gab wenige Dinge die peinlicher waren als Tanzen – damals in den Achtzigerjahren. Heutzutage ist das ganz anders. Maximilian Buddenbohm hat einen Kulturwandel beobachtet.

Von Maximilian Buddenbohm

Es gehört zu den wenig beachteten gesellschaftlichen Errungenschaften, dass Tanzen nicht mehr peinlich ist. Es ist weder Älteren noch Jüngeren peinlich, es ist keiner sozialen Gruppe mehr peinlich, nicht einmal Norddeutschen, und das will wirklich etwas heißen. Tanzen ist okay, wenn man das will, dann kann man es in aller Öffentlichkeit machen. Einfach so. Ab und zu fällt mir noch auf, wie ungeheuerlich das ist.
 
Um die Wichtigkeit dieser Errungenschaft zu illustrieren, muss ich kurz zurückblenden in die frühen Achtzigerjahre, in meine Kindheit, in der es für uns noch kategorisch undenkbar war, sich zu Musik zu bewegen. Der Gedanke war absurd, das machte man einfach nicht, es sei denn, man war ein Mädchen und ging zur rhythmischen Sportgymnastik. Das war zwar auch seltsam, aber entschuldigt. Nein, man tanzte nicht. Bis zu jenem pubertären Alter, in dem man nach alter Tradition mit dem ganzen Jahrgang in eine Tanzschule ging, um dort in die obskuren Riten des Discofoxes, der Rumba und des Walzers eingeführt zu werden. 

Es gab stark belastende Momente 

Das war eine höchst peinliche Angelegenheit, von Freude oder Spaß konnte keine Rede sein, es gab vielmehr stark belastende Momente. Denn man musste ja, es handelte sich grundsätzlich um Paartänze, Menschen des anderen Geschlechts anfassen und ihnen dabei geradezu unheimlich nahekommen. Wobei es selbstverständlich die richtigen und die falschen Menschen des anderen Geschlechts gab, und es war nur schwer zu erfühlen, welche Variante da schlimmer war. Ich starb in beiden Fällen tausend Tode, während die unerbittliche Tanzlehrerin „Rück, Platz, Wechselschritt“ skandierte und mich im Vorbeigehen mit energischem Griff noch näher an die Partnerin schob.
 
Hier fehlt der Raum, um die popkulturelle Entwicklung abzuleiten, die das endlich aufgebrochen hat, man müsste den Hip-Hop erwähnen, die Fantastischen Vier, MTV, Videoclips überhaupt, man müsste nach etlichen Kapiteln heute beim Game Fortnite landen, bei den Moves, die eine ganze Generation selbstverständlich beherrscht und bei allen passenden und unpassenden Gelegenheiten ausführt.

„Ich mache Tanz“ – ganz selbstverständlich

Meine Söhne gehen auf Ganztagsschulen, da gibt es nicht nur Mathe, Deutsch und Englisch, da können sie aus einer Vielzahl von Kursen wählen, was ihnen Spaß macht. Ab und zu frage ich nach, was sie alles machen, und wenn sie „Ich mache Tanz“ antworten, dann ist das für sie ein ganz gewöhnlicher Satz. Ich denke dabei an diesen einen Jungen von damals, der entgegen aller Wahrscheinlichkeit und Sitte an der rhythmischen Sportgymnastik teilgenommen und sich damit zum Gespött der Schule gemacht hat. Wenn man heute an einem Schulhof vorbei geht und irgendwo Tanzbewegungen sieht – die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch! – dann ist das nur eine kleine Beobachtung, aber dahinter steckt doch eine lange Geschichte.
 
Und neulich sah ich im Park eine Gruppe von Jugendlichen, die mit beträchtlichem Spaß und unter viel Gelächter einen Tanz aus der Vergangenheit eingeübt hat. Ich habe ihn erst nach einer Weile beim Zusehen erkannt: Discofox.
 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Qin Liwen, Dominic Otiang’a und Gerasimos Bekas. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen.