Ausgesprochen ... gesellig Es darf etwas mehr sein

Unser Kolumnist Maximilian Buddenbohm steht in der Schlange an der Metzgertheke – und erlebt im Vorweihnachtsstress eine rührende Szene zwischen einem Kunden und der Fleischereifachverkäuferin.

Von Maximilian Buddenbohm

Schlange stehen beim Metzger Schlange stehen beim Metzger | Foto (Detail): © picture alliance/imageBROKER
Vier Menschen stehen an der Fleischtheke an, jetzt sind es schon fünf, sechs, sieben, einer wird gerade bedient. Es ist früher Abend, die ganze Stadt macht gerade Feierabend, der Laden ist voll. Die Fleischereifachverkäuferin ist vom Feierabend weit entfernt, ab und zu guckt sie aus dem Augenwinkel, wie lang die Schlange der Wartenden wird, und die wächst jetzt zügig.
 
Die Kunden hoffen, dass die Menschen vor ihnen keine schwierigen Sonderwünsche haben oder umständlich nach der Herkunft der Steaks und Koteletts fragen, sie hoffen, dass alle möglichst simple Wünsche haben, welche die Dame ruckzuck bedienen kann, bitte sehr, die Nächste bitte. Die Wartenden hören, was der Mensch bestellt, der gerade dran ist, sie sind erleichtert, wenn es nur zwei Hühnerbrüste sind, sonst nichts, ist das herrlich einfach. „Darf es noch etwas sein?“ – „Nein, danke.“ 

„Das kriegen wir jetzt hin“

Aber der ältere Herr, der jetzt dran ist, der zögert leider doch zu lange, als die Frau hinter dem Tresen ihm das verlangte Stück Fleisch zeigt. Sie hält ihr Messer an ein üppiges Bratenstück: „So?“ Das ist eigentlich keine Frage, über die man lange nachdenken müsste. Der Herr gerät aber sichtlich in Schwierigkeiten, dem wird geradezu heiß, so schwierig ist diese Frage für ihn. Er guckt angestrengt hin, er zweifelt, er neigt den Kopf und grübelt, er weiß nicht recht, vielleicht doch mehr, nein eher weniger, oder nein – die Menschen in der Schlange hinter ihm atmen tief durch und stöhnen, so einer hat ihnen heute gerade noch gefehlt.
 
Die Dame mit dem Messer am Braten besieht sich den Kunden jetzt etwas genauer und dann passiert auf einmal etwas in seinem Gesicht und gleich darauf auch in ihrem. Bei dem Herrn ist ein verdächtiges Zittern ums Kinn herum zu erkennen, denn der ist der Sache hier offensichtlich nicht gewachsen, das überfordert ihn alles. Bei der Dame dagegen bricht echte Freundlichkeit durch die berufliche Routine und sie lässt das Messer sinken, lächelt den Mann an und sagt: „Das kriegen wir jetzt hin.“ Ganz ruhig sagt sie das.

Es soll nun mal Braten geben 

Dann lässt sie sich das genauer erklären und fragt, was denn das Problem sei? Vier, fünf, sechs Menschen in der Schlange beugen sich etwas vor, um besser mithören zu können. Wenn man schon wartet, dann will man wenigstens wissen, warum man das tut. Der Mann sagt nicht viel, aber es ist immerhin zu verstehen, dass sie, er beschreibt das nicht weiter, dass also sie sonst immer eingekauft habe. Das könne sie jetzt aber nicht mehr, was auch nicht weiter ausgeführt wird. Aber dass es tragisch ist, das versteht man auch so. Es solle aber dennoch Braten geben, sagt er, weswegen er jetzt also alles alleine mache, zum ersten Mal überhaupt und einfach sei das ja nun nicht, sagt er.
 
Die Dame hinter dem Tresen fragt nach dem Gericht, nach dem Rezept und nach der Personenzahl, dann sieht sie den Braten an, zielt kurz mit dem Messer und sagt: „So.“

So ein „So“ braucht es manchmal

Und es liegt so viel Sicherheit in diesem „So“, so viel Berufserfahrung, Lebenserfahrung und patente Gewissheit, da kann es gar keinen Zweifel mehr geben. Es ist ein „So”, wie man es manchmal im Leben braucht. In der Schlange nicken einige und murmeln kenntnisreiche Bestätigungen, ja, das sollte wirklich so passen.
 
Der Herr nimmt das Paket, er sieht erleichtert aus. „Darf es etwas mehr sein?“: Die Dame fragt ihn, was sie immer und jeden fragt. „Nein, nein!“, sagt der Mann schnell, und es klingt ein wenig so, als dürfe es um Gottes willen nicht mehr sein, bloß nicht noch so ein Problem. 
 
Aber es war ja auch schon etwas mehr. 
 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Qin Liwen, Dominic Otiang’a und Gerasimos Bekas. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen.