Ausgesprochen … gesellig Kleine Gesten

Sprechen unter der Maske – da versteht man oft sehr wenig. Also erfinden die Menschen neue Wege der Kommunikation. Maximilian Buddenbohm hat es beobachtet.

Von Maximilian Buddenbohm

Zwei Frauen mit Schutzmaske vor einem Laden Schutzmaske zurechtrücken, freundliche Geste – und erst dann den Laden betreten | Foto (Detail): Rupert Oberhäuser; © picture alliance/imageBROKER
Der Security-Mann im Supermarkt steht am Eingang und guckt, ob die Kundinnen und Kunden auch alle eine Maske tragen, wie es auf Schildern an den Fenstern gefordert wird. Die Mehrheit tut dies pflichtgemäß, denn die Regeln und die Lage, sie sind nun einmal so. Die Menschen gehen an ihm vorbei, er nickt und nickt und winkt durch, immer wieder macht er das. Einige der Hereinkommenden tragen die Masken auf halbmast, unter der Nase, unter dem Kinn oder auch nur an einem Ohr hängend, denen tritt er in den Weg und macht eine Geste, die hätte vor einigen Monaten noch niemand verstanden. Und zwar beschreibt er mit dem Zeigefinger vor seinem Gesicht einen Bogen vom Kinn zur Nase. Es mag gut sein, dass sich diese kleine Bewegung als international verstandene Geste für die Maskenpflicht durchsetzen wird, die wird man nach diesem seltsamen Jahr vermutlich überall verstehen. Die Menschen, denen diese Geste gezeigt wird, ziehen dann die Maske hoch, denn sonst können sie hier nicht einkaufen. Einige haben es wohl nur vergessen, die Maske eben zu richten, einige versuchen aber natürlich, was alles geht, welche Regel gerade noch gilt und ob man nicht doch irgendwie durchkommt. Man kommt tatsächlich an vielen Orten mit vielem durch, aber nicht in diesem Laden, denn der Herr vom Sicherheitsdienst passt auf und er nimmt es genau, er hält sich an seine Anweisungen.

Kleine Choreografien

Dann sieht man eine interessante Choreografie, und auch die ist neu, es sind Bewegungen der Saison. Der Security-Mann tritt einen Schritt zurück von der eben angesprochenen Person, legt eine Hand auf sein Herz und verbeugt sich ganz leicht, nur minimal angedeutet. Das ist eine Geste, die hier nicht sehr verbreitet ist. Dann hebt er einen Daumen und jedem ist klar, dass dies ein Dank ist, und zwar ein ausgesprochen freundlicher. Der Security-Mann trägt natürlich auch eine Maske, und mit Maske versteht einen bekanntlich kein Mensch. Der hat sicher keine Lust, hundertmal am Tag nicht verstanden zu werden, der redet daher einfach gar nicht mehr. Es ist alles nur Pantomime und Gestik, es geht alles auch so. Aber da hört es nicht auf. Es geht nämlich nicht nur auch so – es geht sogar besser auf diese Art. Denn so überaus freundlich wirkt diese Körpersprache, dass niemand lange Diskussionen anfängt oder nur unter lautem Protest weiter geht. Die angesprochenen Personen ziehen nur weisungsgemäß die Maske hoch, heben dann eventuell auch einen Daumen und einige deuten ebenfalls eine Verbeugung an, nur mit einer dezenten Bewegung, es ist kaum zu sehen. Aber es ist doch da und es ist neu, es ist ein freundlicher Umgang ohne Wörter und die Regeln dafür entwickeln wir gerade erst.

Längere Dialoge?

Ich denke über diese neuen Bewegungen nach, während ich zur Kasse gehe. Dort gibt es eine Schlange und die Kassiererin macht eine Geste mit beiden Armen, die weit auseinandergehen, sie bittet damit um mehr Abstand unter den Wartenden. Dann guckt sie prüfend und nickt, als die Menschen sich etwas anders aufstellen. Das sind nur zwei der neuen Gesten in diesem Jahr, es gibt sicher noch mehr. Wie viele werden wir am Ende von Corona wohl können und verwenden? Und können wir dann damit auch längere Dialoge damit aufführen? Wenn man beobachtet, wie sich manche Kunden jetzt in den Gängen der Supermärkte begegnen und wortlos mit den Armen wedeln, um einander irgendwie vorbeizulassen und Vorfahrt zu gewähren, erscheint die Idee gar nicht abwegig.
 
Wie auch immer, ich werde das weiter beobachten. Ich verbeuge mich aber erst einmal ganz leicht, nur angedeutet, und beende diesen Text für heute.
 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Qin Liwen, Dominic Otiang’a und Gerasimos Bekas. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen.