Ausgesprochen … gesellig Herbstanfang

Es ist der letzte sommerliche Abend. Die Menschen in der Stadt genießen ihn – denn sie wissen: Ab morgen wird es anders sein.

Von Maximilian Buddenbohm

Sonnenuntergangsstimmung an der Alster in Hamburg Der letzte Sommerabend vor dem Herbst | Foto: mat/Shotshop/picture alliance
Ich ging mit einer guten Freundin spazieren. Es war der letzte Sommerabend und alle wussten das, der Wetterbericht war deutlich und ließ keine Zweifel. Die entscheidende Kaltfront kam über das Meer herangeweht, und mit ihr kamen unweigerlich auch der Regen und der Herbst. Aber an diesem Abend war er gerade noch da, der Sommer, und wie er da war. Es war ein ungewöhnlich warmer Großstadtabend im September, dem noch eine ebenso warme Nacht folgen würde, es war ein grandioses Finale. Über der Stadt hing ein orangenfarbener Viertelmond, der sah aus wie ausgedacht, wie ein Teil einer Inszenierung. Ganz tief hing er über der Stadt und Tausende gingen an den Ufern der Flüsse und Seen entlang und bummelten durch die Parks und die Szeneviertel. Sie saßen vor den Cafés, sie gingen herum, sahen hoch zum Mond und seufzten, denn am nächsten Tag würde das sicher alles vorbei sein, der Sommer und die Stimmung und der größte Teil des Jahres auch. Am nächsten Tag schon würden sie hier unter Regenschirmen gehen. Das kann auch romantisch sein, versteht sich, aber ganz anders.

Küssend auf den Brücken

Pärchen gingen langsam und Hand in Hand, sie standen küssend auf den Brücken und lagen sich umarmend auf Picknickdecken in Parks. Überall waren die Spaziergänger, überall die Menschen, die noch ein letztes Mal abends draußen waren. Draußen, wo es warm war und schön und wo die Stadt in der Dämmerung aussah wie in einem Werbeprospekt für Touristen. Die Menschen besahen sich die Bilder des Abends, als müssten sie sich alles merken. Wegen solcher Szenen waren sie vielleicht einmal hierhergezogen. Das war das, was es in der Provinz nicht gab, das war tatsächlich das Großstadtposter und sie waren alle mittendrin. Jogger drängten sich schimpfend durch schlendernde Grüppchen, die Sportler hatten keinen Sinn für Romantik, die wollten nur ihre Fitness, wie immer.

Meine Freundin und ich saßen vor einem Café mit einem Getränk am Ufer, als es dunkel wurde. Wir sahen über die Stadt und erkannten erstaunlich wenig. Was waren denn bloß diese grünen Lichter dort im Westen, was war dieses hohe Haus, konnte das denn wirklich ganz neu sein, dass wir es beide nicht benennen konnten? Und hätte dort, neben der Kuppel, nicht etwas anderes sein müssen, nicht diese Kirche? Die Stadt wirkte auf einmal fremd auf uns und hätte auch eine andere sein können. Irgendeine Stadt war das und dieser eine Turm da, er sah im Dunkeln aus wie Big Ben, und der gehört hier nicht her. Wir waren in einer Stadt, das war auf jeden Fall gut. Wir stießen an und tranken auf unsere Freundschaft, denn die hat schon viele Herbste mitgemacht. Hinter uns Stimmengewirr, leises Lachen, klirrende Gläser und Flaschen. Vor uns die Fläche des Sees, auf den nachtdunklen Wellen glitzerten die Spiegelungen der Stadtbeleuchtung. Dazu schnell vorbeiziehende Lichter und ferne Rufe, da draußen trainierten noch späte Ruderer, jemand im Boot zählte laut die Schläge mit.

Kein gutes Jahr für Pläne

In anderen Jahren hätten wir zwei an so einem Abend vielleicht Pläne gemacht, für einen Theaterbesuch im Oktober etwa. In diesem Jahr nicht. Es ist kein gutes Jahr für Pläne, wir warten ab und wir gucken erst einmal. Das ist das, was alle gerade denken. Wir warten ab und wir gucken erst einmal, es ist vielleicht sogar der Satz des Jahres. Es hat auch Vorteile, man hat weniger Termine auf diese Art. Möchten wir das als Vorteil sehen? Wir Menschen sind so überaus begabt darin, uns etwas zurecht zu biegen.

Vor uns saßen die Menschen, die keinen Platz mehr auf den Bänken und Stühlen bekommen hatten. Sie saßen in einer Reihe direkt an der Uferkante, wir sahen nur ihre Rücken. Es waren viele, zwanzig Personen oder mehr, die Reihe verlor sich in einer Biegung. Sie saßen da alle in der gleichen Haltung und mit der gleichen Blickrichtung, sie sahen alle über das Wasser hin. Möwen sitzen manchmal so auf Brückengeländern, wie ausgerichtet und durchgezählt, bis sie irgendwann wegen einer kleinen Störung gemeinsam kreischend auffliegen, nur um sich dann nach Minuten wieder dort niederzulassen. Die Menschen am Ufer aber gingen irgendwann nach Hause und in den Herbst, die kommen so schnell nicht wieder.

Es ist jetzt kalt und nass da draußen.
 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Aya Jaff, Dominic Otiang’a und Magrita Tsomou. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen.