Ausgesprochen … gesellig Zwei, drei Stunden täglich

Von der Bildschirmzeit bis zur Langeweile – wann soll das Kind das alles eigentlich einplanen? Unser Kolumnist Maximilian Buddenbohm denkt über all die wichtigen Erziehungsfragen nach, die sich ein modernes Elternteil stellen muss. 

Von Maximilian Buddenbohm

Auf einem umzäunten Platz spielen einige Kinder Fußball. Eine Kindheit im goldenen Käfig? | Foto (Detail): Robert Newald © picture alliance / Robert Newald / picturedesk.com
Ich muss es wohl vorweg erwähnen, dies ist ein Text ohne Coronabezug. Er bezieht sich auf eine normale Zeit, auf eine normale Situation, auf eine mehr oder weniger normale Familie – so schwer vorstellbar es im Moment auch sein mag.

Immer mehr Kinder gehen in eine Ganztagsschule. In fast allen Familien sind mittlerweile beide Elternteile berufstätig –  wenn es beide überhaupt gibt. Morgens gehen alle aus dem Haus, nachmittags kommen alle wieder. Nach dem Schultag und dem Schulweg ist es bei vielen Kindern fast schon siebzehn Uhr, aber da ist immer noch etwas vom Tag übrig. Einige Stunden, die vor der Bettzeit zu befüllen sind. Und womit zu befüllen? Mit Sinn. Dafür sind die Eltern zuständig. Es gibt einen gewissen Common Sense unter Erziehungsberechtigten und Pädagog*innen, was in diese Zeitspanne zwischen Schulschluss und Schlaf hineinpassen muss. Ich möchte das kurz auflisten.

Spielerisch lernen … oder was?

Die Kinder sollen, wenn sie die Schule hinter sich haben, bitte gleich noch einmal etwas lernen, weil etwa die Englischvokabeln geübt werden müssen. Das Einüben der Vokabeln für Tests passt leider nicht in den Ganztag. Überhaupt passt die Vorbereitung auf Arbeiten nicht in den Ganztag. Das könnte man diskutieren, ob das nicht hineinpassen müsste, aber erst einmal passt es nicht und die Kinder müssen auch zu Hause etwas lernen. Am Sinn des Lernens zweifelt niemand und wenn doch, dann fehlt es wohl an Ehrgeiz.

Die Kinder sollen sich darüber hinaus viel bewegen. Das ist wichtig, denn in manchen Ländern bewegen sich die Kinder bekanntlich zu wenig. Alle Nachrichten darüber sind verlässlich mit dicken Kindern bebildert, dass möchte man nicht. Also vor die Tür mit dem Nachwuchs, los, macht etwas! Irgendetwas. Was Kinder draußen eben so machen, man will ja nicht alles anweisen.

Die Kinder nicht durchgehend in der Wohnung zu haben, das ist aber auch für Eltern wichtig, denn während die Kinder draußen sind und einigermaßen ratlos im Regen stehen, kann man mit der Partnerin oder dem Partner kurz rekapitulieren, was die Kinder heute noch alles machen müssen. Man will ja nichts Wichtiges auslassen!

Interaktion will gelernt sein

So müssen die Kinder auch Freunde treffen, fällt einem dann ein. Es soll ein prall gefülltes Sozialleben für sie geben, jetzt und in der Zukunft. Nicht nur alleine auf dem Sofa hängen, auch mal mit echten Menschen reden! Interaktion! Das will aber erst einmal gelernt sein, wie man Freunde findet, wie man mit Menschen redet, wie man sozial klarkommt. Dazu braucht man Gelegenheiten. Und Zeit, eh klar.

Ein Buch lesen müssen die Kinder dann noch. Bücher sind unfassbar wichtig. Wenn die Kinder keine Bücher lesen, geht das ganze Land vor die Hunde und früher war dann wirklich alles besser, so viel steht fest. Bücher müssen gelesen werden, das darf nicht angezweifelt werden, und nicht wenige Menschen würden zusätzlich den Konsum von Zeitungen und Zeitschriften begrüßen, zur Not auch online. Qualitätsquellen! Es gibt nämlich bessere Quellen als Tiktok, das müssen die Kinder möglichst früh verstehen. Und in der Schule lernen sie dazu gewiss nichts.

Es wäre auch gut, wenn die Kinder sich an der Vorbereitung des natürlich gesunden Essens beteiligen würden, etwa wenn das Gemüse geschnippelt werden muss. Dann lernen sie, dass man im Haushalt helfen muss, dass nicht alles vom Himmel fällt und die Eltern keine Hausangestellten sind, das ist pädagogisch wertvoll. Und dann erlernen sie bitte auch das Kochen selbst, sie werden es später mit großer Sicherheit brauchen. Und bevor sie beim Kochen helfen, könnten sie noch etwas einkaufen, warum sollen nur die Eltern alles heranschleppen? Kinder können ruhig Verantwortung für etwas übernehmen, etwa für einen Vorrat an Saft oder Milch. Wir mussten früher auch einkaufen! Das war schon immer so, und bei der Gelegenheit erzählen die Eltern, wie weit sie in ihrer Kindheit gegangen sind und wie schwer sie getragen haben. Jeden Tag.

Und was ist mit der „Quality Time“?

Darüber hinaus müssen die Kinder noch sogenannte „Quality Time“ mit ihren Eltern verbringen. Sie müssen also mit ihnen etwas spielen oder basteln, mit ihnen Ausflüge machen – etwas in der Art. Heitere Beschäftigungen, bei denen sich die Beziehung wie nebenbei stabilisiert oder entwickelt, was eben gerade dran ist. Ab in den Park, wir wollen dort schöne Zeit verbringen! Gemeinsam! Und da gucken die Kinder dann schon wieder so kritisch.

Es hängt aber nicht alles nur an den Eltern, ich möchte keinen falschen Eindruck vermitteln. Selbstverständlich müssen Kinder auch regelmäßig von anderen Menschen betreut werden. Da gibt es etwa weitere Menschen in der Familie, die einen Beitrag leisten sollen, Großeltern, Tanten, Onkel. Die sind alle wichtig und jeder ist charakterlich ein wenig anders, das addiert sich im Laufe der Jahre prachtvoll und die Fülle der Einflüsse macht eine Kindheit erst rund. Und Vielfalt ist sowieso super, weswegen auch ein Sporttrainer eine wichtige Figur werden kann. Kinder sollten also, das darf man auf keinen Fall vergessen, Vereinssport machen. Überhaupt Sport, überhaupt etwas in einem Verein! In keinem Verein zu sein, wie seltsam ist das denn.

Dann sollten sie, da sind sich alle einig, ein Musikinstrument beherrschen. Das macht das spätere Leben schöner, so sagt man. Alle, die in der Kindheit kein Instrument gelernt haben, bereuen es ewig. Hätte ich doch! Das gilt es unbedingt zu vermeiden und hier ist die Gitarre, mein Sohn. Eines Tages wird die ganze Musik dir gehören. Die Zeit zum Üben muss drin sein, und jetzt ab in dein Zimmer. Die Gitarrenstunden kosten immerhin Geld, ich kann dir das vorrechnen.

Andere Künste sind ebenfalls fein, da kann man sich ruhig einmal durchtesten, was noch alles geht. Malerei, Theater et cetera, man muss es alles versucht haben. Gerne über einen längeren Zeitraum, denn nicht alles zündet sofort. So etwas kann dauern und vielleicht gefällt dem Kind das mit dem Aquarellieren oder dem Ballett erst nach der sechsten Stunde? Dann wäre es schade, es nicht lange genug versucht zu haben. Im Kontext der Kunst, aber das versteht sich von selbst, ist es empfehlenswert, die örtlichen Museen, Büchereien, Baudenkmäler  und so weiter nach und nach in lockerer Folge in den Alltag der Familie zu integrieren.

Was noch? Gekuschelt werden muss noch. Nähe ist bedeutend, jeder Mensch muss ab und zu liebevoll in den Arm genommen werden, vielleicht auch länger. Dabei, davor oder danach muss auch entspannte Zeit für ruhige Gespräche mit Tiefgang sein, was hast du denn heute so gemacht, mein Kind? Erzähl doch mal. Eine Gesprächsebene mit dem Kind muss gefunden, erhalten und später noch ausgebaut werden, das wird gerade kurz vor der Pubertät wichtig und kann nicht nur nebenbei geschehen.

Die gesunde Portion Bildschirmzeit

Über die Intensität und die Quantität kann man streiten, aber Kinder müssen auch genug Zeit vor Bildschirmen verbringen. Es wäre doch seltsam, wenn sie heute Tablet, Computer oder Smartphone nicht bedienen könnten, das müssen sie also regelmäßig einüben. Sie sollen keine Außenseiter sein, also muss an diesen Geräten gespielt werden, immerhin spielen alle daran. Bildschirmzeit muss eben nicht nur dauernd verboten werden, wie man zunächst annehmen könnte, sie muss auch verlässlich eingeplant werden.
Alles, was ich bisher genannt habe, findet aber besser erst statt, nachdem sich die Kinder um ihr Tier gekümmert haben. Eine Kindheit ohne Tier ist eine traurige Vorstellung und auch dabei lernt der Nachwuchs Verantwortung, etwa beim Schrubben der Käfige oder wenn der Hund raus muss.
 
Mehr fällt mir gerade nicht ein. Ich habe allerdings das sichere Gefühl, dass diese Liste nicht halbwegs vollständig ist. Alle mitlesenden Eltern können sicher spontan etwas ergänzen oder weiter ausführen.
Man darf aber zum Schluss nicht vergessen, worin sich sämtliche Erziehungsexpert*innen vollkommen einig sind: dass das Kind auch immer wieder nichts tun muss. Leere Zeit braucht es! Langeweile gar! In der passiert dann nämlich das Kreativitätswunder. In der leeren Zeit blüht das Kind auf einmal auf. Das ist wie bei knospenden Blumen in Vasen – einfach eine Weile irgendwo stehen lassen und abwarten, dann wird es bunt.
Die Liste ist lang, aber die Aufgabe ist im Grunde doch einfach zu lösen. Man muss nur alles geschickt auf zwei, drei Stunden pro Tag verteilen.

Dann ist das gar kein großes Problem.
 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Aya Jaff, Dominic Otiang’a und Magrita Tsomou. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen.