Ausgesprochen … gesellig Die Gesellschaft findet nicht statt

Die Menschen dürfen sich zurzeit nur sehr begrenzt treffen. Es gibt also kaum etwas, worüber Maximilian Buddenbohm in dieser Gesellschafts-Kolumne schreiben kann. Also widmet er sich dem Geschehen in seiner Wohnung.

Von Maximilian Buddenbohm

Alte Rohrleitung unter Putz in einem Altbau „Es gibt ein merkwürdiges Geräusch, dann kommt mir ein größeres Stück Wand entgegen.“ | Foto (Detail): Olaf Krüger; © picture alliance / imageBROKER
Ich kann nicht über die Gesellschaft schreiben, denke ich, es findet gerade keine Gesellschaft statt. Die Menschen treffen sich nicht mehr, sie kommen nirgendwo mehr zusammen, sie sehen sich nur kurz beim Lebensmitteleinkauf und da reden sie nicht miteinander. Jedenfalls nicht in Norddeutschland. Die Gesellschaft findet nur noch in den Wohnzimmern statt.

Ein weißes Regal

Was ist in meinem Wohnzimmer? Da steht meine Frau und sieht ein Regal kritisch an. „Warum hängt das da?“ fragt sie. Ich sage: „Das ist unsere Wohnung. Das sind unsere Möbel.“ Sie erklärt mir, dass sie das wisse, dass dieses Regal aber hässlich sei. Ich sehe es mir genauer an. Es hängt schon länger da, viele Jahre schon, ich beachte es sonst nicht weiter. Ich glaube, meine Frau hat Recht, das hat sie meistens. Ein weißes Regal mit metallenen Einfassungen, wann fanden wir das denn bloß schön? Unerfindlich, das Regal sieht aus wie ein Ablagesystem auf einer Intensivstation. Dieses Regal muss weg, beschließen wir. Wir bestellen ein schöneres Regal in einem warmen Braunton. Die Läden haben zu, man kann alles nur bestellen. Wir spielen geduldige Menschen und warten zwei, drei Tage ab.

Das Regal wird geliefert, meine Söhne sagen: „Oh, ein Paket!“ Und gehen davon aus, das sei für sie. Ich sage: „Das ist ein neues Regal fürs Wohnzimmer.“ Die Söhne verstehen nicht, warum wir ein neues Regal brauchen, Spielzeug wäre doch interessanter gewesen. Und welches Regal überhaupt? Ich zeige ihnen das alte Regal. Sie stehen davor und schütteln den Kopf, das ist ihnen noch nie aufgefallen: „Ach, da hängt ja ein Regal.“ Das Regal finden sie weder schön noch hässlich, das Regal ist ihnen vollkommen egal. In dem Alter hat man noch keinen Geschmack.

Das dauert alles viel länger

Meine Frau und ich schrauben das alte Regal ab. Also wir versuchen es. Leider drehen sich die Schrauben nicht richtig, die müssen Berserker mit ungeheurer Kraft in die Wand geschraubt haben, mehr Muskeln als Verstand. Ich frage, wer das damals angebracht hat, meine Frau sagt, das sei ihr Vater gewesen. Ich sage nichts mehr. Ich arbeite mich an den Schrauben ab, ich probiere Schraubenzieher und Akkuschrauber, ich ruckele am Regal herum. Ich suche den anderen Werkzeugkasten, ich suche geladene Akkus. Ich fluche, ich schwitze. Das dauert alles viel länger, als ich dachte.

Schließlich nehme ich das alte Regal erfolgreich ab. Wir fangen an, das neue Exemplar zu montieren. Das ist leider auch unerwartet schwierig. In dieser Wand kann man nicht bohren, die Schrauben greifen nicht und aus der Anleitung geht nicht hervor, was wie herum gehört. Ein Sohn kommt ins Wohnzimmer und fragt: „Wolltet ihr nicht nur schnell ein Regal anbringen?“ Ich erkläre ihm den Weg in sein Zimmer.

Ich bohre noch einmal. Und noch einmal. Es gibt ein merkwürdiges Geräusch, dann kommt mir ein größeres Stück Wand entgegen. Ich gucke erstaunt auf ein großes Stück Stein auf dem Boden, aus dem Loch bröckelt noch etwas und von der Bohrstelle aus laufen jetzt breite Risse durch die Tapete. Meine Frau guckt nur und sagt nichts, das ist immer gefährlich. Ich sage: „Das sieht nach einem Problem aus.“ Wir holen sicherheitshalber einen Nachbarn, der sich im Gegensatz zu uns mit handwerklichen Aufgaben hervorragend auskennt. Der sieht sich die Sache an, klopft an die Wand und bestätigt dann, was ich bereits völlig korrekt erkannt habe: „Das ist ein Problem.“ Es ist immer schön, wenn man richtig liegt.

Ich stopfe das Stück Stein zurück in die Wand. Ich drücke die Tapete ein wenig an. Wir schrauben das alte Regal notdürftig wieder fest, es hält nur mit viel Glück, die Schrauben hängen jetzt auf halbmast. Ich stelle Bilder auf das Regal, die verdecken den Schaden erstaunlich gut und sehen auch noch schön aus.

„Das lassen wir jetzt so“

Meine Frau und ich setzen uns hin und sehen uns die Wand mit dem Regal an. „Sieht doch ganz gut aus“, sage ich. „Das lassen wir jetzt so“, sagt meine Frau und schiebt den Karton mit dem neuen Regal unters Sofa. Wir räumen auf, wir saugen den Bohrstaub weg, wir rücken alle Möbel wieder zurecht und bringen die Werkzeuge weg. Das Zimmer wirkt gemütlich und wir haben heute nichts mehr vor. Ab und zu sehen wir zum Regal. Warum hatten wir da denn vorher keine Bilder drauf? Das ist richtig gut so. Und mit Corona wird das auch so sein, glaube ich. Am Ende des Problems stellen wir die Normalität notdürftig wieder her und werden sie auf einmal richtig gut finden.

Man muss die Menschen aber intensiv beobachten, um so etwas zu erkennen und zu deuten, man muss auch auf Kleinigkeiten achten und genau hinsehen. Mein nächster Mensch etwa sitzt, während ich dies schreibe, immer noch im Wohnzimmer, sieht ein Regal an und nickt ab und zu.
 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Aya Jaff, Dominic Otiang’a und Magrita Tsomou. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen.