Ausgesprochen ... integriert Heimat und Herkunft

Wer darf wann deutsche*r Staatsbürger*in werden? Darüber, wie sich nationale Zugehörigkeit auf die eigene Identität auswirken kann, schreibt Sineb El Masrar.

Von Sineb El Masrar

Demonstrant*innen halten ein Transparent mit der Aufschrift: „Bleiberecht für Alle“ in den Händen. Demonstrant*innen halten ein Transparent mit der Aufschrift: „Bleiberecht für Alle“ in den Händen. Ein Bündnis aus Organisationen der Geflüchtetenhilfe und afghanischer Selbstorganisationen in ganz Deutschland haben gegen Sammelabschiebungen nach Afghanistan aufgerufen. | Foto (Detail): Georg Wendt © picture alliance / Georg Wendt / dpa
Die aktuelle Bundesregierung will zukünftig sowohl die Einbürgerung als auch die Mehrfachstaatsangehörigkeit erleichtern. Wie so oft bei Einwanderungsfragen ist die eine Seite glücklich und erleichtert, die andere besorgt, wegen der Anreize bezüglich illegaler Migration. So findet sich die Wahrheit und Realität auch in dieser Thematik in der goldenen Mitte. Fest steht, dass laut der Organisation Pro Asyl rund 200.000 Menschen mit Duldungsstatus, also einer Aussetzung der Abschiebung, hier leben und für diese Menschen nun eine Perspektive in Aussicht gestellt wird, die die Angst der möglichen Abschiebung nimmt.

Es gibt unter uns Bürger*innen, die bis zu drei Jahrzehnte in der Dauerduldungsschleife festhängen, was das Arbeiten nicht nur erschwert, sondern auch das freie Reisen und Integrieren. Von der psychischen Gesundheit, die solch eine Angst vor der Abschiebung beispielsweise in ein undemokratisches oder vielleicht sogar fremdes Herkunftsland erzeugt, ganz zu schweigen. Also soll künftig jede*r ein Bleiberecht bekommen, wer deutsche Sprachkenntnisse vorweisen kann, den Lebensunterhalt selbst bestreitet und seine Identität glaubhaft darlegen kann. Wenn nicht, geht es zurück in den Duldungsstatus. Bis dahin war es ein langer Weg.

Sehnsuchtsort und Status-Quo-Heimat

Denn auch, wenn Deutschland Einwanderungsland ist, dies so anzuerkennen und laut auszusprechen hat einige Jahrzehnte gebraucht. Trotz der Tatsache, dass nur wenige Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik 1949 systematisch Menschen mit Arbeitsverträgen bei den europäischen Nachbarn und im Mittleren Osten sowie auf afrikanischen und lateinamerikanischen Kontinenten angeworben wurden. Hinzu kommen jene, die in beiden deutschen Republiken studierten. Oder eben jene, die den Fluchtweg für ein besseres Leben antraten. Manche gingen, viele blieben, andere holten ihre Ehepartner*in und Kinder nach und noch mehr wurden hierzulande geboren. Deutschland ist fest verwoben mit den Menschen von überall her, die seit Jahrzehnten ihren Lebensmittelpunkt hierzulande haben. Nicht wenige empfinden Deutschland als ihre Status-Quo-Heimat.

Ich teile den Heimatbegriff von Menschen mit Einwanderungsgeschichte gerne in zwei Heimat-Teile. Sehnsuchtsort-Heimat und Status-Quo-Heimat. Denn für die meisten ist das Herkunftsland ihrer Eltern oder Großeltern durch ihre Herkunftssprache, Religion, Namen, Riten und Bräuche und den großen familiären Bezug im Herkunftsland, wie zum Beispiel der Türkei, Italien oder Tunesien höchst präsent und hat mehr mit einem Sehnsuchtsort zu tun. Wo alles ideal wäre, wenn man nicht aus den unterschiedlichsten Gründen in Deutschland leben würde.

Heimat ist mehr als Staatsangehörigkeit

Deutschland ist zu ihrem festen Bezugspunkt geworden, was sie weder leugnen noch abstreiten können, selbst wenn sie meinen Deutschland habe ihnen nur Schlechtes getan. Sie können Deutschland nicht loslassen, es ist wie ein Elternteil, das fest mit ihrer Biografie verwoben ist und sie gleichermaßen geprägt hat, wie ihr Herkunftsland. Selbst, wenn sie in hermetisch abgeschlossenen Parallelgesellschaften ihr Leben fristen. Es sind deutsche Parallelgesellschaften, die entstehen, wenn Menschengruppen nicht integriert werden oder Mensch sich diesem Kulturkreis verweigert. Doch allen voran haben die Menschen sich hier mit ihren Nachbar*innen, Kolleg*innen, Freund*innen und Familien und ihrer Ausbildung und Arbeit ein Leben in Sicherheit aufgebaut. Wo sie sich auf ihre Rechte verlassen können und sie sich auch in Gesundheitsfragen in guten Händen wissen. Das mag banal klingen, ist aber von existenzieller Bedeutung für uns als soziale Wesen.

Heimat ist mehr als Staatsangehörigkeit. Nicht wenige Menschen fühlen sich heimisch in diesem Land, dessen Pass sie nicht besitzen. Ein Dokument kann zwar selten ein Heimatgefühl bestimmen, ein gesicherter Status und eine Staatsangehörigkeit können aber die Sicherheit geben über die gleichen Rechte zu verfügen und so das Leben enorm erleichtern.
 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Sineb El Masrar, Susi Bumms, Maximilian Buddenbohm und Marie Leão. Sineb El Masrar schreibt über Einwanderung und die Multi‑Kulti‑Gesellschaft in Deutschland: Was fällt ihr auf, was ist fremd, wo ergeben sich interessante Einsichten?