Ausgesprochen … gesellig Mittelgroße Vorkommnisse
Wenn die einzige Abwechslung ist, dass es jeden Morgen andere Home-Schooling-Aufgaben gibt, kann man sagen: „Es passiert nichts“. Maximilian Buddenbohm hat trotzdem etwas erlebt.
Von Maximilian Buddenbohm
„Es passiert nichts“, denke ich, „es passiert einfach nichts.“ Jeder Tag ist eine fast exakte Kopie des Tages davor, kaum ist es die Mühe wert, noch auf den Wochentag zu achten. Nur die Aufgaben in der Home-School werden jeden Morgen einmal durchgetauscht, das ist jetzt das, was man Abwechslung nennt. Sonst ist alles immer gleich. Home-Office, Home-School, Einkaufen, Kochen, Schlafen. Ich stehe am Herd, rühre etwas lustlos in der Pfanne und sehe nebenbei aus dem Fenster.
Etwas Großes jagt direkt auf mich zu. Sie denken jetzt, ich hätte mir das der Dramatik wegen so ausgedacht, nicht wahr, aber dem ist nicht so. Etwas Großes jagt frontal auf mich zu und ich gucke mit vermutlich selten blödem Gesichtsausdruck in zwei gelbe Augen, die in meine Augen starren, rasend schnell näherkommen - und erst kurz vor dem Küchenfenster zieht der Greifvogel jäh hoch und jagt über das Dach hinweg. Ich rufe aufgeregt die Familie zusammen, ich sage, ich hätte einen Greifvogel gesehen, einen riesigen Vogel, ungeheuerlich groß, enorme Spannweite. Ich beschreibe den und mache diese Gesten, mit denen sich Angler gegenseitig Welsgrößen demonstrieren, so groß war der! Ist es zu fassen.
Papa hat einen Vogel
Die Familie guckt zweifelnd und glaubt mir nicht recht. Draußen ist kein einziger Vogel mehr zu sehen, nicht einmal ein Spatz fliegt herum. Sie gucken aus dem Fenster und gehen alle nach ein paar Minuten kopfschüttelnd wieder weg. Sie gehen Mangas lesen, arbeiten, Englisch lernen, was auch immer, sie machen weiter mit dem gewöhnlichen Zeug. Papa hat einen Vogel, und was für einen. Ich sehe noch einmal aus dem Küchenfenster, da fliegt er wieder. Riesig ist er, was für Flügel. Er landet weit hinten auf einem Baum, kaum kann ich ihn noch erkennen.
Am nächsten Morgen sitzt er auf dem Klettergerüst auf dem Spielplatz, ganz oben. Er sitzt statuenhaft still und guckt und wartet. Auf Tauben, Ratten, Mäuse, Meisen, auf was auch immer. Wirklich beeindruckend sieht er aus, was für ein Tier. Ich sehe ihn lange an. Wie viele Tage ist es wohl her, dass ich etwas so interessiert angesehen habe? Es ist ein Bussard, und was für einer. Mitten in der Stadt.
Das Ungewöhnliche
Ich lese in der Wikipedia nach, dort steht, der Bussard sei mittelgroß. Ich bin etwas beleidigt. Mittelgroß! Aber ich habe doch gesehen, wie groß der war und was ist dann überhaupt richtig groß? Etwa nur Adler? Ich sehe den Vogel an, ich erfreue mich an seiner Ungewöhnlichkeit. Ich glaube, ich habe das Ungewöhnliche in letzter Zeit doch etwas vermisst. Ich habe es vielleicht sehr vermisst.
Aber sonst passiert hier wirklich gar nichts.
Wir gehen am späten Nachmittag etwas spazieren. Es hat geschneit, die Alster hat weiße Ufer und sieht noch schöner aus als sonst. Es ist sehr kalt, aber es gehen viele Menschen spazieren, was soll man auch sonst tun. Auf einer Bank am Ufer sitzen zwei, die haben eine Decke über sich geworfen. Nur die Beine und Füße sehen unten raus. An den Schuhen sieht man, dass da vermutlich eine Frau und ein Mann sitzen. Oben unter der Decke sind sie eng zusammen, Kopf an Kopf, bestimmt auch Arm in Arm. Wir gehen eine Weile am Ufer spazieren, wir gehen genau wie anderen.
Wie die da so sitzen
Als wir vom Spaziergang zurückkommen, sitzen die beiden da immer noch auf der Bank. Ihre Position erscheint mir unverändert. Es muss auch unter der Decke kalt sein, aber vielleicht dennoch sehr kuschelig, sonst hält man das doch nicht so lange aus, denke ich mir. Vor dem Pärchen unter der Decke wird es allmählich dunkel. Die Alster versinkt im Dämmer, die Lichter gehen ringsherum an. Eine Hundertschaft Möwen zieht in Eile und im Tiefflug über das Wasser nach Norden. Ein Polizeiboot fährt langsam vorbei und ein winterweißer Mond hängt über der Stadt. Das sehen die beiden alles nicht. Nichts sehen sie.
Menschen gehen an dieser Bank vorbei und zeigen lächelnd auf die beiden, guck mal, guck mal, wie die beiden da so sitzen. „Ich friere schon vom Zugucken“, sagt eine ältere Frau. „Och“, sagt ihr Mann, „wenn es schön ist ...“ und dann gehen sie weiter und nehmen sich an den Händen.
Aber sonst passiert hier wirklich überhaupt nichts. Ein Tag ist wie der andere und es gibt nichts zu sehen.
„Ausgesprochen …“
In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Aya Jaff, Dominic Otiang’a und Margarita Tsomou. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen.
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