Ausgesprochen … gesellig Lassen Sie mich durch, ich habe etwas vor

An einem Tag während der Pandemie wurde Maximilian Buddenbohm zu einem besseren Menschen. Ein kurzer Fahrradausflug der gerne etwas länger hätte dauern können.

Von Maximilian Buddenbohm

Zwei Radfahrer*innen fahren sehr schnell Viel zu schnell bin ich da, Radfahren ist so toll! | Foto (Detail): imageBROKER | Rosseforp; © picture alliance
Meine Frau muss zu einer Behörde, dort muss etwas geregelt werden, eine lästige Notwendigkeit in etwas weiterer Fahrradentfernung. Das passt ihr zeitlich nicht, sie überlegt, ob ich nicht vielleicht ... und sie sieht mich fragend und bittend an. Allerdings ist es einigermaßen unwahrscheinlich, dass ich das für sie erledigen kann. Das ist rechtlich, soweit wir das als Nichtjuristen überhaupt beurteilen können, eher nicht drin. Wir denken nach und wägen ab, sie schüttelt den Kopf. Mit einer Vollmacht könnte es vielleicht doch gehen, grübelt sie weiter, aber wirklich nur vielleicht. Mit ihrem Ausweis dabei, und dann noch mit der Möglichkeit, dass sie von dort angerufen wird? Sie überlegt so herum, sie weiß nicht recht. Ich sage: „Gerne, Schatz, gib her die Papiere, ich fahre sofort los. Ich versuche das für dich.“ Sie sieht mich erstaunt an und sagt: „Das bist du nicht.“

Radfahren ist so toll

Und da liegt sie wohl richtig. Das ist nicht mehr mein Ich in der präpandemischen Version. Nie hätte ich freudig einen so sinnlos anmutenden Versuch gestartet, noch dazu einen, bei dem ich ganz gewiss mit fremden Menschen reden muss. Noch schlimmer, mit unfreundlichen Menschen womöglich. Nie hätte ich begeistert Ja zu vermeidbaren Komplikationen gesagt. Undenkbar war das. Glatt geweigert hätte ich mich, mühsam hätte sie mich überreden müssen. Aber jetzt! Ein Termin, ein Termin, ich habe etwas vor. Woanders! Draußen! Hell begeistert steige ich aufs Rad, verlasse Home-Office und Home-School und fahre in einen anderen Stadtteil. Ich habe mir nur eine ungefähre Wegbeschreibung geben lassen und finde es fast schade, dass ich die Straße gleich finde, dass ich mich nicht gründlich verfahre und neue Gegenden sehen kann. Viel zu schnell bin ich da, Radfahren ist so toll. Draußen sein ist toll, Menschen sehen ist toll, sogar das Wetter ist toll. Eine schöne Stadt ist das hier auch, fällt mir auf, ein netter Park liegt da am Weg, den habe ich lange nicht mehr gesehen. Überhaupt habe ich alles lange nicht mehr gesehen. Ich denke gar nicht über die anstehende Situation nach, ich fahre nur Rad, das macht Spaß.

Alles einmal wieder machen

Ich entdecke die richtige Hausnummer nicht sofort und irre daher etwas herum, das ist lustig, das macht nichts. Aus einer Arztpraxis kommt eine alte Dame, nimmt ihre Maske ab und lächelt mich an. Ich lächele zurück, da wird ihr Lächeln breiter und sie sagt: „Nicht wahr, das tut auch mal gut, einfach so lächeln.“ Recht hat sie, natürlich hat sie Recht. Ich hole mein Handy raus und schreibe einem Menschen eine nette Nachricht. Man soll Freundlichkeiten immer gleich weitergeben, finde ich, dann bleiben sie im Umlauf.  Ich gehe irgendwo rein, ich lese Schilder und Wegweiser in Treppenhäusern, ich werde schließlich fündig. Ich treffe in der Behörde auf Menschen, die sichtlich gelangweilt und ohne nennenswertes Besuchsaufkommen herumsitzen, mir engagiert entgegenkommen und alle meine Probleme im Handumdrehen lösen. Zack, zack, schon fertig, was noch? Mehr nicht? Können wir nichts mehr für Sie tun? Das ist fast schade, denn dann kann ich schon wieder gehen. Ich habe mich nicht einmal kurz in den Wartebereich setzen können, dabei hätte ich auch das gerne gemacht. Ich möchte alles einmal wieder machen. Wie schön es ist, irgendwas zu machen.

Ich möchte noch draußen bleiben 

Ich fahre langsam wieder nach Hause. Ich rufe aber erst einmal die Familie an. Vielleicht kann ich noch etwas erledigen, wenn ich schon unterwegs bin, gibt es nicht noch irgendwas? Einkaufen vielleicht? Braucht ihr gar nichts? Die Gelegenheit ist so dermaßen günstig! Ihr braucht doch bestimmt etwas, ihr braucht immer etwas, denkt gefälligst gründlich nach. Ruft mich in zehn Minuten an, ich hole dann alles, was ihr braucht. Von wo auch immer und gerne. Ich bin draußen, ich möchte hier noch bleiben.

Nein, ich glaube natürlich nicht, dass diese Gefühlslage so bleibt. Spätestens im Laufe der zweiten Jahreshälfte wird sie sich, wenn ich den Prognosen zum Verlauf der Pandemie glauben möchte, vermutlich langsam wieder abnutzen, wenn wir alle wieder mehr von allem machen.

Aber bis dahin ist es auch einmal interessant, ein anderer Mensch zu sein.
 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Aya Jaff, Dominic Otiang’a und Magrita Tsomou. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen.