Ausgesprochen … gesellig Wie wir vergessen

Wie riecht es in der U-Bahn? Was ist anders, wenn wir auf der Autobahn fahren? – Nach einem Jahr Leben mit Corona haben wir einiges vergessen. Maximilian Buddenbohm hat sich darüber Gedanken gemacht.

Von Maximilian Buddenbohm

Autos bei Dunkelheit und Regen auf einer Autobahn Baustellen, Staus und Laster – alles wie immer auf der Autobahn? Oder fehlt etwas? | Foto (Detail): Christian Charisius; © picture alliance/Christian Charisius/dpa
Ich habe in mehreren Artikeln gelesen, dass wir nach einem Jahr allmählich anfangen zu vergessen, wie es vor Corona war. Ein wenig kopfschüttelnd und misstrauisch habe ich es zunächst gelesen. Mir ist nicht aufgefallen, dass ich etwas vergessen habe, ich habe diese Möglichkeit gar nicht in Betracht gezogen. Die Welt vor Corona, das war doch meine. Die könnte ich noch nachzeichnen, in jedem Detail, in aller Genauigkeit könnte ich sie beschreiben. Dachte ich. Dann habe ich den Tweet einer Journalistin gesehen, Mareice Kaiser (@Mareicares) war das, sie schrieb: „Ich weiß nicht mehr, wie U-Bahn riecht.“
Ich saß vor meinem Notebook und überlegte. Vielleicht war doch etwas daran, vielleicht vergessen wir tatsächlich. Ich dachte konzentriert und etwas beunruhigt an die U-Bahn, aber ich wusste noch, wie sie riecht. Ich wusste also noch, wie sie damals gerochen hat, meine ich, als wir alle noch dauernd damit gefahren sind, als sie noch voll war. Dauernd war die voll, in dieser anderen Welt. Ich wusste auch noch, wie die S-Bahn gerochen hat, nämlich anders als die U-Bahn, viel schlimmer, das lag am nächtlich eingesetzten Reinigungsmittel mit dieser entsetzlichen Essignote.

Nasse Kleidung, nasse Hunde

Ich konnte mir das alles noch gut vorstellen. Eine volle Bahn an einem heißen Tag etwa, lauter schwitzende Menschen mit versagenden Deos, dieser unangenehme, dieser heftig bedrängende Geruch, ähnlich wie in den Umkleiden von Sporthallen. Oder der Geruch einer überfüllten Bahn an einem Regentag. Nasse Kleidung, nasse Hunde, Pfützen auf dem Boden. Ich kann Gerüche nicht ohne Bilder denken, ich sah auch gleich die beschlagenen Scheiben wieder vor mir, die quer laufenden Tropfen währen der Fahrt daran, ich roch das, ich sah das, es war alles noch da. Oder eine Bahn an einem späten Abend: Betrunkene Menschen, unter den Sitzen herumkollernde Flaschen, irgendwo Kotze auf dem Boden. Ich erinnerte mich im Grunde an viel mehr, als mir lieb war. Oder grölende Fußballfans mit bunten Schals, die sie herumschwenkten, wabernder Biergeruch und das Geräusch, wenn Bierdosen geöffnet wurden. Oder am frühen Morgen die Menschen mit erstaunlichen Gepäckmengen auf dem Weg zum Flughafen, immer wieder auf die Uhr sehend und zum zehnten Mal nach den Tickets in den Jacken tastend, wenn man ganz dicht an denen vorbeiging, dann konnte man riechen, wie frisch geduscht und reisebereit sie waren. Und ich wusste natürlich auch noch, wie es war, wenn jemand einstieg, der gerade Pommes aß oder einen Döner, wie das ganze Abteil kurz darauf danach roch und man Hunger bekam oder einem übel wurde, je nachdem. Ich saß an meinem Schreibtisch und dachte, dass ich alles noch wusste. Romane hätte ich darüber schreiben können, so gut wusste ich alles noch.

Auf der Autobahn eine Fahrt durch ein Land von früher

Einen Tag später fuhr ich auf der Autobahn. Auf der Autobahn war ich lange nicht mehr gewesen, wir reisen schon seit vielen Monaten nicht mehr. Eine kleine Corona-Pause war das für mich, auf der Autobahn sieht und merkt man nichts von der aktuellen Lage, rein gar nichts. Dachte ich. Es war voll wie immer, einige fuhren wie die Irren und also auch wie immer, es gab Baustellen und Staus und Fahrbahnverengungen und links vorbeijagende Polizeiwagen. Neben der Straße lagen die immer gleich aussehenden Wälder und Felder. Niemand trug eine Maske, in keinem einzigen Auto, alles sah aus, wie es immer ausgesehen hat. Ganz normale Autos, ganz normale Schilder mit den Namen von Städten, in die ich nicht wollte. Es war eine Fahrt durch ein Land von früher, es war endlich einmal eine Stunde ohne die permanente Erinnerung an die Wirkung der Viren. 

Als ich wieder nach Hause kam, lief gerade eine Meldung im Radio. Da hörte ich, dass die ersten Reisebusse bald wieder fahren werden. Das hatte ich nicht bemerkt, in meiner entspannten Stunde auf der Autobahn, dass da keine Reisebusse fuhren. Wie oft habe ich die früher überholt, wie selbstverständlich waren die? Auf der rechten Spur die Laster und die Busse, fürchterlich viele davon. Das gehörte doch so, das war doch das normale Bild. Es ist mir nicht aufgefallen, dass die fehlten. Ich habe Reisebusse einfach vergessen.

Und wer weiß, was sonst alles noch.
 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Aya Jaff, Dominic Otiang’a und Magrita Tsomou. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen.