Ausgesprochen … gesellig Blumentöpfe und Bänke

Lockerung von Pandemie-Regeln: Die Stadt belebt sich. Pläne und Konzepte werden gemacht. Und was machen die Menschen?

Von Maximilian Buddenbohm

Pflanzkästen mit Bäumen stehen auf der Mittelspur des Jungfernstiegs in Hamburg, seitdem die Straße verkehrsberuhigt und für den Individualverkehr gesperrt ist. Pflanzkästen aus Holz, in denen junge Bäumchen und Büsche stehen: Nett gemeinte Stadtbegrünung, aber so, dass man sie auch schnell wieder wegräumen kann | Foto (Detail): Markus Scholz; © picture alliance/dpa
Ich stehe in einer der großen Einkaufsstraßen in der Hamburger Innenstadt, es ist Freitag, später Nachmittag. Die Stadt ist voll, denn die Läden sind wieder geöffnet. Die Menschen kümmern sich endlich um ihren Nachholbedarf an Einkäufen. Sie gehen herum und sehen sich die Schaufenster und all die anderen Menschen an, die Gesellschaft findet wieder statt. Die Leute kaufen vor allem Schuhe und Kleidung, man sieht es an den Schlangen vor gewissen Geschäften. Nur eine begrenzte Anzahl von Leuten darf gleichzeitig in die Läden, daher muss man vor vielen Shops lange warten. Vermutlich kaufen die Menschen heute das, was sie nicht online kaufen konnten oder wollten, vielleicht probieren sie so etwas wie Schuhe doch lieber an, wenn sie es können. Einige Stellen in den Fußgängerzonen kann man sogar als sehr voll bezeichnen, so war es hier zuletzt vor etwa sechs Monaten. Die meisten Menschen tragen Masken, wie es noch vorgeschrieben ist. Morgen wird sicher in der Zeitung stehen, dass man mit diesem Tag und dieser Woche zufrieden war. Der Einzelhandelsverband wird das sagen, die Stadtplaner, die Gastronomen. Die Menschen werden für ihr Einkaufsverhalten gelobt werden. Kein Zweifel, die Innenstadt lebt wieder, zumindest tagsüber.

Neue Bänke – Teil eines Plans

In dieser Einkaufsstraße stehen Bänke, die sind neu. Sie passen nicht recht in die Kulisse, sie scheinen da nicht hinzugehören. Woran liegt das? Das liegt daran, dass sie neu sind, viel zu neu. Deswegen wirken sie wie zufällig dort abgestellt, deswegen wirken sie so, als könnten sie morgen auch schon wieder weg sein. Dabei sind sie da richtig und wichtig, sie sind nämlich Teil eines Plans. In dem Plan geht es darum, die Innenstadt dauerhaft attraktiver zu machen, damit sie wieder öfter so voll ist wie heute und es dann auch bleibt. Daher jetzt diese Bänke. Jahrelang gab es da keine Bänke, denn die Leute sollten nicht sitzen, sondern shoppen. Sitzgelegenheiten wurden eher verhindert, die fand man falsch. Auf Sitzgelegenheiten konnten auch obdachlose Menschen sitzen, das wollte man nicht. In der Innenstadt sollte zwar buntes Treiben sein, aber so bunt nun auch wieder nicht. Jetzt also das Umdenken, jetzt die neuen Bänke, es ist ein Experiment. Deswegen stehe ich hier und mache mir Notizen. Ich sehe nach, wer dort sitzt und was passiert.
 
Auf einer Bank sitzt eine Frau und füttert Tauben mit Krümeln von ihrem Brötchen, das ist schon einmal ganz falsch. Das Füttern der Tauben ist verboten, denn Tauben machen Dreck. Das weiß die Frau vielleicht nicht, vielleicht ist es ihr auch egal. Die Tauben jedenfalls sind begeistert, für sie hat sich die Innenstadt jetzt schon deutlich verbessert. Für die Frau auch, das mag sein. Vielleicht kommt sie jetzt öfter. 

Nudelsalat oder Pizzaschachtel? 

Und dort, das ist wirklich abwegig, sitzt einer und isst aus einer mitgebrachten Plastikschüssel etwas, das nach Nudelsalat aussieht. Mit einer mitgebrachten Gabel isst er das, als würde er ein gemütliches Picknick in einem Park machen. Statt sein Geld in einem der Restaurants hier in der Straße zu lassen, macht der sich seinen Salat einfach selber und isst den dann mit Blick auf die Restaurants. Es ist fast schon eine Provokation.
 
Einer sitzt breitbeinig in der Mitte einer Bank und streckt sich und gähnt groß und grinst, der findet vermutlich gerade alles gut und richtig. Prallgefüllte Einkaufstaschen stehen neben ihm, ein To-Go-Getränk hält er in der Hand, sogar eine leere Pizzaschachtel liegt neben ihm. So waren die Bänke gemeint, nehme ich an, es geht um Aufenthaltsqualität und Konsum. Was da wohl wichtiger ist, man muss nicht lange raten. 

Die Stadt irgendwie retten 

Zwei Straßen weiter stehen große Pflanzkästen aus Holz, in denen junge Bäumchen und Büsche stehen. Ein Pop-Up-Garden ist das, ein kleines Schild gibt darüber Auskunft. Nett gemeinte Stadtbegrünung, aber so, dass man sie auch schnell wieder wegräumen kann. Wie im Theater, wenn nach ein paar Wochen ein anderes Stück gespielt wird.
 
Viele denken, dass sich die Innenstadt gründlich ändern muss, wenn sie weiterhin attraktiv sein soll. Gerade nach der Pandemie, in der alle Menschen fast alles online gekauft haben. Jetzt reden alle von Konzepten und Plänen und Ideen, jetzt wollen alle die Stadt irgendwie retten, die Parteien, die Behörden, die Interessensverbände. In dieser Kolumne geht es nicht um Konzepte, hier geht es um das, was zu sehen ist. Hier geht es also darum, dass die Stadt anscheinend auf die gleiche Art verbessert und belebt und gerettet wird, wie ich es in jedem Frühjahr mit meinem Balkon mache. Frisch bepflanzte Blumentöpfe und ein kleines Bänkchen, schon sieht es da wieder einladend aus und ich bleibe etwas öfter und länger dort.
 
Ich hätte nicht gedacht, dass das so etwas wie ein zukunftsweisendes Konzept ist. Aber was weiß ich schon von Stadtplanung.
 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Aya Jaff, Dominic Otiang’a und Magrita Tsomou. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen.