Ausgesprochen … gesellig Es klingelt

Urlaub an der Nordsee: Viel passiert nicht, und damit ist Maximilian Buddenbohm auch sehr zufrieden. Doch auf einem schurgeraden endlosen Weg am Deich ertönt dieses Klingeln.

Von Maximilian Buddenbohm

Radfahrer fahren mit Ihren Fahrrädern und E-Bikes / Pedelecs hinter dem Deich auf einem befestigtem Weg Wenn der Trend von hinten klingelt – E-Bikes | Foto (Detail): Fotostand / Gelhot; © picture alliance
Wir sind auf einem Ferienbauernhof an der Nordsee. Wir waren hier schon oft, seit vielen Jahren fahren wir hierher. Die Kinder mögen es, wir mögen es, da muss man nicht unbedingt etwas Neues suchen. Wir wissen, das klappt hier. Ich habe meine Ruhe, und die Kinder haben andere Kinder, damit ist ihr Programm schon umfassend dargestellt. Meine Ruhe ist ebenfalls leicht zu beschreiben, ich brauche nur einen Platz zum Liegen oder zum Sitzen, ein Buch und ein Notizbuch, dann bin ich versorgt und zufrieden. So kann es für mich tagelang oder wochenlang bleiben. Ich brauche keine Abwechslung, ich möchte das bitte genau so, das ist Urlaub für mich.

Kleine Veränderungen fallen auf

Meiner Frau geht es ähnlich wie mir, sie muss nur zwischendurch noch Ausflüge machen, obwohl wir doch alles schon kennen in dieser Gegend. Manchmal fahre ich dann mit, weil ich denke, vielleicht erlebe ich etwas dabei. Dann erleben wir wieder nichts, und das ist auch schön, weil es Urlaub ist und weil wir zusammen sind. Uns fallen immerhin kleine Veränderungen auf, wir waren ja wieder ein Jahr nicht hier. Imbisse wurden eröffnet oder geschlossen, die Eintrittspreise sind gestiegen, Schilder wurden irgendwo aufgestellt. Gärten wurden angelegt, Häuser wurden abgerissen oder gebaut, ein Kreisverkehr hat eine Kreuzung ersetzt. Vor einem Rathaus steht ein neuer Blumenkübel. Wir stehen davor und sagen: „Guck mal, das war da noch nicht.“ Man sieht im Urlaub so aufmerksam hin, wie man es zuhause schon lange nicht mehr schafft.
 
In diesem Jahr fallen uns aber vor allem die Klingeln auf. Die sehen wir nicht, die hören wir. Wir gehen am Deich entlang, das ist ein schnurgerader und endlos langer Weg. Nur zu Fuß oder auf dem Rad darf man auf dieser Strecke unterwegs sein, Autos haben hier nichts zu suchen. Es ist ein herrlich ereignisloser und wunderbar gleichförmiger Weg, der ist sehr schön, wenn man es an der Nordsee mag. Man könnte hier endlich zur Ruhe kommen, man könnte hier auch einmal überhaupt nichts denken. Man könnte hier einfach nur gehen. 

Menschen auf Rädern – im Partnerlook 

Aber hinter uns klingelt es laut. Ich drehe mich um, da sind Menschen auf Rädern, die sind noch ziemlich weit weg. Aber sie klingeln schon einmal, sie warnen schon, sie machen sich schon bemerkbar, und dann sausen sie auch schon erstaunlich schnell heran mit verbissenem „Platz da!“-Gesichtsausdruck. Menschen auf E-Bikes sind das. Das ist jetzt also die Mode in diesem Jahr, fällt uns nach einer Weile auf, nachdem etliche in dieser Art an uns vorbeigefahren sind. Auf einmal fahren alle mit Elektroantrieb. Wir zählen die Elektroräder und zum Vergleich auch die normalen Räder. Wir hören aber bald wieder auf damit, weil es auf einmal kaum noch normale Fahrräder gibt. Alle haben jetzt einen Elektroantrieb. Es gibt dieses Klischee von deutschen Touristenpärchen, bei denen beide im Urlaub die gleichen Outdoorjacken tragen. Das kann man jetzt ergänzen, sie fahren auch E-Bikes vom gleichen Typ und in gleicher Farbe. Ich weiß es, ich habe es gesehen. Es ist ein Klischee, es ist die Wirklichkeit.
 
Die meisten dieser Räder sehen neu aus, wie gerade eben erst gekauft, das fällt uns auch auf. Im letzten Jahr war das aber noch nicht so, sagen wir staunend, das muss eine enorm schnelle Entwicklung gewesen sein. Wie so etwas bloß kommen kann, die können sich doch nicht alle abgesprochen haben? Sind E-Bikes auf einmal billiger geworden, werden sie einem jetzt hinterhergeworfen? Das doch wohl nicht, in den Zeitungen stand eher das Gegenteil. Wie ein Trend plötzlich so allgemein werden kann, so verbindlich, es ist jedes Mal ein Phänomen. Aber wie auch immer das zu erklären ist, jetzt fahren sie also alle schnell und elektromotorisiert. Vermutlich fahren sie auch viel weiter als früher, es kostet schließlich weniger Kraft. 

Gekauft oder geliehen? 

Ich sehe mir das an und stelle mir Fragen, denn man denkt ja auch im Urlaub dauernd, ob man nun will oder nicht. Ob die jetzt tatsächlich alle neue E-Bikes gekauft haben? Oder ob die alle ihre E-Bikes geliehen haben, ist das jetzt ein neuer Urlaubstandard, macht man das neuerdings so? Bieten alle Hotels auf einmal E-Bikes an, so selbstverständlich wie sonst das Frühstücksbüffet? Ich war schon lange nicht mehr in einem Hotel, ich kann da nicht mitreden. Und ist das eigentlich nur hier so mit diesen Rädern oder überall? Ich sehe immerhin nur einen Ausschnitt, und man muss stets aufpassen, was man im Geiste alles hochrechnet.
 
Ersetzen diese E-Bikes jetzt in irgendeiner Weise Autos, das muss man sich auch fragen, finde ich. Das doch wohl eher nicht. Aber hat man sich die Verkehrsrevolution dann nicht anders vorgestellt? Sind diese Räder nicht nur eine weitere Steigerung des Konsums, haben diese Leute nicht alle einfach noch ein neues Spielzeug? Nein, das ist zu negativ, denke ich, nicht immer alles gleich schlecht finden. Bestimmt lernen diese Touristen jetzt im Urlaub ihr E-Bike richtig kennen, und wenn sie wieder zuhause sind, dann verkaufen sie ihr Auto, fahren nur noch begeistert Rad und unterm Strich ist dann alles richtig für die Umwelt. Nein, das ist zu positiv, denke ich. Nicht immer alles gleich bejubeln.
 
Egal, ich weiß wirklich und ernsthaft nicht, wie es ist. Ich stehe hier nur ohne E-Bike wie ein Mensch von früher am Deich und staune. Dann gehe ich aus dem Weg, weil schon wieder jemand klingelt. Und dann noch jemand.
 
An mir fährt ein Trend vorbei.
 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Aya Jaff, Dominic Otiang’a und Magrita Tsomou. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen.