Ausgesprochen … gesellig Vor der Wildwasserbahn

​Menschen im Freizeitpark: Sie haben Spaß und sie lassen sich zum Essen nieder. Maximilian Buddenbohm hat beobachtet, wie sie sich dabei verhalten.

Von Maximilian Buddenbohm

Frontalansicht des Fahrzeugs einer Wildwasserbahn in dem mehrere Menschen sitzen; Wasser spritzt auf beiden Seiten sehr stark Die Menschen in den Wagen kreischen oder schreien, dann klatscht der Wagen unten in das Wasser, es spritzt gewaltig. | Foto (Detail): David Ebener; © picture alliance/dpa
Ich befinde mich in einem Freizeitpark und beobachte die Menschen, was sollte ich dort auch sonst tun. Zu den Fahrgeschäften fühle ich mich nicht hingezogen, die sind etwas für meine Söhne. Und die beschäftigen sich auch programmgemäß lange und intensiv damit. Die Söhne sind schon recht groß und ausreichend selbstständig, sie brauchen mich also nicht mehr als Begleitung auf Schritt und Tritt bei solchen Besuchen. Sie verlaufen sich nicht und begeben sich in der Regel nicht in Gefahr, sie brauchen mich vor allem noch zur Finanzierung der ganzen Angelegenheit. Damit sind sie zufrieden, und ich bin es auch.

Abenteuer besteht man am besten mit vertrauten Gefährt*innen

Es ist warm, es ist ein Sommertag der überaus freundlichen Art. Nicht zu heiß, ein klein wenig wolkig, es ist das denkbar beste Freizeitparkwetter. Um mich herum laufen Familiengrüppchen von Attraktion zu Attraktion, von einem Karussell zur Achterbahn, von der Riesenrutsche zum Softeisstand. Danach gehen sie zurück und wieder im Kreis, fast alle Besucherinnen und Besucher des Parks sind in fortwährender Bewegung. Ich sitze mit meinem Notizbuch auf einer Bank. Ich habe sehr viele Menschen in der Umlaufbahn um meinen Platz. Das ist gut, da kann ich wieder aufschreiben, was ich sehe, und das ist dann die Kolumne, das ist dann die Gesellschaft – also jedenfalls der Teil davon, der mir heute präsentiert wird.
 
Direkt vor mir also ist eine Wildwasserbahn. Wägelchen werden auf eine achterbahnähnliche Konstruktion hochgezogen und rauschen dann in hoher Geschwindigkeit hinunter und in ein Wasserbecken. In den Wägelchen gibt es mehrere Plätze, drei oder vier, diese sind hintereinander angeordnet, das wird gleich noch wichtig. Es sitzen meist Familien darin, manchmal auch Freunde, so gut wie nie aber Menschen, die sich fremd sind. Abenteuer, auch kleine, besteht man am besten mit vertrauten Gefährt*innen. Das ist eine alte Regel, die kennt man auch aus dem Kino.

Wer bekommt mehr ab?

Ich sehe die Wagen oben auf der Kuppe des Konstrukts erscheinen, nachdem sie quälend langsam dort hinaufgezogen worden sind. Ich sehe den spannenden Moment, in dem sie nach vorne kippen, wieder und wieder sehe ich den. Was dann passiert, ist immer gleich. Die Menschen in den Wagen kreischen oder schreien während des Sturzes, einige reißen die Arme hoch, dann klatscht der Wagen schon unten in das Wasser, es spritzt gewaltig. Die Menschen werden nass. Sie werden sogar sehr nass, noch mehr als bei anderen Wildwasserbahnen, glaube ich. Sie drehen sich lachend und noch in der Bahn zueinander um und sehen nach, ob die anderen auch so nass geworden sind. Sie vergleichen, wer nasser geworden ist, sie zeigen sich ihre Hosen und T-Shirts: „Guck mal! Guck mal!“. Dann gehen oder laufen sie zurück zum Eingang der Bahn und fahren gleich noch einmal, wobei sie sich aber in anderer Reihenfolge hinsetzen. Denn man wird vielleicht nicht auf jedem Platz gleich nass. Wer bekommt mehr ab, auf welchem Platz trifft das meiste Spritzwasser? Das muss alles ausprobiert werden, besonders die Kinder bestehen auf einer Versuchsreihe und am Ende, nach zwei bis drei Fahrten, sind sie alle durch und durch und auch gleich nass.
 
Denn der Mensch macht Erfahrungen gerne gemeinsam, und gerne auch auf die gleiche Art. Können wir das daraus ableiten? Ich beobachte das so lange, bis ich mir zumindest für heute sicher bin: Ja, das ist so. Der Mensch an sich teilt, auch Erfahrungen.

Es wird enorm viel Zucker konsumiert

Vor der Wildwasserbahn liegt ein Stück Rasen, darauf lassen sich Familien oder Freundeskreise nieder und machen Pause. Da werden Vorräte ausgepackt und Flaschen herumgereicht. Es wird enorm viel Zucker konsumiert, das ist nicht zu übersehen. Kekse und Bonbons, Schokolade, Süßigkeiten aller Art, wenn man dort eine Weile neben diesem Rasenstück sitzt, sieht man Unmengen davon. Und was man auch sieht, das sind die Bemühungen um eine korrekte Verteilung der guten Sachen. Es wird abgezählt oder geschätzt, es wird genau hingesehen, wer hatte wieviel wovon. Meistens leiten Erwachsene diese Übung und zählen akribisch vor, wer was haben darf. Es machen aber auch Kinder mit, manchmal sogar kleine Kinder. Auch die gucken schon genau hin und beobachten alles und rufen irgendwann: „Davon kannst du nicht zwei nehmen! Jeder nur eines!“ Und es wird aufgepasst, dass jede und jeder etwas und in der richtigen Menge bekommt, auch die, die gar nicht hinsehen, auch die, die wieder nicht aufpassen: „Hier, nimm doch, das ist deines!“ Und für manche, die gar nichts wollen, wird sogar für später etwas zurückgelegt. In diesen kleinen Menschenrudeln, die um mich herum lagern und gut gelaunt pausieren, kommen alle zu ihren Anteilen. Es ist definitiv nicht so, dass die Stärksten das meiste bekommen.

Der Mensch teilt gerecht

Nur bei den Gemüsesticks und den Käsewürfeln, bei den etwas gesünderen Sachen also, da ist es doch eher egal, wer wieviel davon nimmt. Da ist es vielleicht sogar gut, wenn einer fast alles konsumiert, ein hungriger Vater etwa, dann ist das Zeug wenigstens weg und liegt nicht mehr als lästige Mahnung zur besseren Ernährung auf der Picknickdecke herum. Aber bei allem, was großartig schmeckt und also begehrt ist: Der Mensch an sich teilt, und zwar gerecht.
 
Und wenn man auch das über zwei, drei Stunden hinweg und in aller Ruhe beobachtet, wie der Mensch teilt und ausgleicht, wie er das immer wieder und offensichtlich routinemäßig macht, mit Mühe, Eifer und Sorgfalt, sogar auch mit Spaß daran – dann kann man im Geiste vielleicht noch einmal kurz zu der alten Frage zurückkehren, wie wir es eigentlich geschafft haben, bei diesen Anlagen so unfassbar ungerechte Gesellschaftsformen zu entwickeln. Was ist denn bloß passiert?
 
Eine Frage, die man sich vermutlich öfter stellen sollte, auch bei einigen anderen Themen. Ich dachte, ich teile sie hier einmal mit Ihnen.
 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Aya Jaff, Dominic Otiang’a und Margarita Tsomou. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen.