Ausgesprochen … gesellig Schön reden können sie alle

Wahlkampf in einer verregneten Stadt: Der Auftritt eines Politikers wird erwartet. Was tun die Menschen, die – zufällig oder beabsichtigt – vorbeikommen?

Von Maximilian Buddenbohm

Es regnet unaufhörlich. Ein seltsam feiner Regen fällt, als würde jemand über der Stadt Wasser zerstäuben. Man sieht die Tropfen nicht, so klein sind sie. Die Menschen in den Fußgängerzonen gucken nach oben und zu den tiefgrauen Wolken, ob da noch ein Unwetter kommt oder was, aber da ist nichts zu sehen. Sie spannen die Regenschirme nicht auf, sie setzen die Kapuzen nicht auf: Das bisschen Regen, das ist doch nichts. Da der Regen über Stunden nicht aufhört, werden die Menschen dennoch nass, während sie von Geschäft zu Geschäft gehen. Ganz langsam werden sie nass und als sie endlich doch noch die Jacken schließen, die Schirme aufspannen und die Kapuzen aufsetzen, da ist es zu spät, da sind sie schon durchnässt.

Vielleicht liegt es daran, dass so viele heute schlecht gelaunt aussehen. Sie fühlen sich in ihrer nassen Kleidung nicht recht wohl. Vielleicht liegt es auch an etwas anderem, dass fast alle grimmig und verstimmt wirken. Vielleicht liegt es an der Zeit, an den Nachrichten, an der Politik, am Wahlkampf oder am Wochentag. Man kann es nicht herausfinden, man sieht nur die unfrohen Gesichter.

Ein bekannter Mensch aus Berlin wird erwartet

Ich stehe in der Stadt unter dem schweren Himmel, ich stehe auf einer breiten Straße, auf einem Boulevard. Dort wurde eine Bühne aufgebaut, auf der jemand in einer Stunde eine Rede halten wird, ob es nun regnet oder nicht. Ein bekannter Mensch aus Berlin wird dort erwartet, ein Mensch, den man bei der Bundestagswahl im September wählen kann. Es ist vollkommen egal, wer das ist, darum geht es nicht. Der berühmte Mensch ist auch noch gar nicht da, es wird hier noch alles vorbereitet. Polizeiwagen fahren im Schritttempo herum, Polizisten gehen auf und ab, die Daumen in die schusssicheren Westen vor der Brust gehakt, die Gesichter fortgeschritten gelangweilt. Gepiepe und unverständliche Satzfetzen aus Funkgeräten, es knackt und knarzt. Helfer tragen Absperrgitter emsig von links nach rechts und wieder zurück, einer sieht auf einen Plan, was soll denn eigentlich wohin. Jemand verwebt rotweißes Flatterband zwischen Laternen. Krankenwagen fahren zu vorgemerkten Plätzen und werden dort eingewiesen. Ein Fahrer steigt aus, lehnt sich an den Wagen und raucht. Sicherheitskräfte sprechen in Handys und gucken Passanten skeptisch an. Ein junger Mann verteilt bunte Flyer, darauf steht etwas zur Wahl. Die will fast niemand haben, diese Flyer, und die paar Menschen, die doch einen nehmen, lassen ihn oft schon nach ein paar Metern wieder fallen. Auf dem Boden weichen sie langsam in den Pfützen auf und werden dann zertreten. Der Flyer-Verteiler reicht immer weiter Zettel in die achtlos vorbeiströmende Menge. Manche der Entgegenkommenden bleiben stehen und sagen in kurzen Sätzen Unfreundlichkeiten auf, bevor sie den Flyer vor ihm auf den Boden werfen. Wenige nehmen einen Flyer, sagen Danke und stecken das Blatt dann ein. Der Flyer-Verteiler guckt unglücklich, macht aber stoisch weiter.

„One, two, yo man!“

Auf der Bühne steht jetzt jemand am Mikro und testet es. Er sagt immer wieder: „One, two, yo man!“ Jugendliche, die vorbeigehen, machen ihn lachend nach, one two, yo man, das finden sie enorm erheiternd. Drei, vier Jugendliche bleiben stehen und sprechen im Chor alles nach, was der da oben sagt, dann lachen sie sich kaputt. Mit so viel Spaß haben sie hier gar nicht gerechnet. Einer der Jugendlichen fragt seine Freunde, worum es denn eigentlich gehe? Sie erklären es ihm, das mit der Wahl im September. Er versteht nichts, sie erklären es noch einmal. Sie reden bemüht langsam und lachen dabei. Er wirkt überrascht, er fragt mehrmals nach: „Ja, aber - was macht denn dann die Merkel?“ Seine Freunde lachen immer mehr, sie schlagen ihm kameradschaftlich auf die Schulter. Er versteht nichts, aber er ist okay.

Ein Touristenpaar kommt aus einem Geschäft und fragt auch, was hier los sei. Ein Schüler erklärt ihnen stockend: „This is because of the German election, because … you know … Merkel no more.“ Die Touristen nicken und wissen wohl Bescheid.

Ein Mann mit Parteifahne

An einem Schaufenster in der Nähe der Bühne lehnt ein stämmiger Mann. Er hat eine Parteifahne dabei, die ragt über ihn hinaus. Er steht im Regen und hält die Fahne hoch, obwohl es noch eine Weile dauernd wird, bis hier etwas beginnt. Er aber ist bereits da, er hält die Stellung und sich gerade. Das Kinn hat er etwas nach oben gereckt, ein wenig trotzig sieht er aus. Regentropfen auf seiner Brille. Sicher macht er schon seit zig Jahren etwas für die Partei, um die es hier gehen wird, sicher war er immer schon dabei. Da kann man auch einmal zwei Stunden lang mit einer Fahne im Regen stehen, selbstverständlich kann man das. Ich sehe ihn später noch einmal, während die berühmte Person oben von der Bühne spricht und Sätze sagt, die vollkommen erwartbar sind. Da steht er immer noch am Rand und hält stoisch seine Fahne hoch. Er wirkt nicht begeistert, er winkt nicht wild mit der Fahne, er strahlt nicht, er ruft nichts. Er hält nur die Fahne hoch und ist mit Überzeugung bei der Sache. Er ist einer von denen, die es ernst meinen. Vermutlich brauchen Parteien Menschen wie ihn.

Eine Rentnerin sieht im Vorbeigehen die Plakate zur Veranstaltung, sie liest sie durch und klärt dann ihren desinteressiert wirkenden Mann auf, dass da auf der Bühne gleich jemand eine Rede halten wird. „Na und, schön reden können sie alle“, sagt der Mann, winkt ab und zieht sie energisch weiter.

Ein weiterer Passant sieht die Werbung einer anderen Partei am Straßenrand und sagt zu seiner Partnerin: „Die können es doch auch nicht. Die schon gar nicht!“ Die Partnerin fragt irritiert, was er gesagt habe, sie hat überhaupt nichts mitbekommen, sie war beim Gehen mit ihrem Handy beschäftigt und hat gerade etwas darauf getippt. Er sagt: „Na, Politik!“ und zeigt wieder zum Plakat, sie sagt enttäuscht: „Ach so.“ Und winkt auch ab und will weiter. Er schüttelt den Kopf, er zeigt zur Bühne. Dann stehen sie da und diskutieren etwas, sie sieht auf ihre Uhr.

„Es gibt Mitgliedsausweise?!“

Neben der Bühne steht ein kleines Pavillonzelt, da treffen sich diejenigen, die das hier veranstalten. Eine kurze Schlange davor, Ehrengäste vielleicht oder Menschen, die hier etwas helfen wollen oder sollen, die eine Aufgabe haben. Eine junge Frau in dieser Schlange wirkt ziemlich aufgeregt und fragt ihre Freundin: „Hast du auch deinen Mitgliedsausweis dabei?“ Und die fragt vollkommen entgeistert zurück: „Es gibt Mitgliedsausweise?!“ Die Umstehenden lachen.

Oben auf der Bühne steht auf einmal einer und spielt etwas auf einer akustischen Gitarre. Das Stück klingt nach Sommer und Sonne, nach Mittelmeer und Urlaub am Strand, es passt hier überhaupt nicht hin. Es passt nicht in diese Stadt, es passt nicht in diesen Regen. Er bricht das Spiel ab, der Mikrotester tritt neben ihn und sagt entschlossen: „One, two, yo man!“ Dann sagt er „Links mehr!“, aber das ist keine politische Aussage, es geht ihm nur um den Sound. Der Gitarrenspieler geht von der Bühne.

„Nein zu allem!“

Eine Frau mit mehreren Einkaufstüten der großen Modeketten geht an der Bühne vorbei. Sie bleibt stehen und liest die Plakate durch. Sie stutzt, sie legt den Kopf schief, liest alles noch einmal und sieht wieder zur Bühne. Dann fängt sie unvermittelt an zu schreien: „Oh mein Gott, ist das Arschloch hier?“ Sie wiederholt die Frage mehrmals, sie sieht sich um, ob sie auch jemand hört, ob ihre Empörung irgendwo ankommt. Das ist eher nicht der Fall, nur zwei Ordner gucken vage in ihre Richtung, unternehmen aber nichts. Die schreiende Frau hat auf einmal sehr rote Wangen bekommen, sie ruft zur vollkommen leeren Bühne hinauf: „Nein zu dieser Politik! Nein zu allem! Arschlöcher! Ihr seid Arschlöcher!“ Ihre Stimme überschlägt sich. Dann geht sie weiter, ohne sich noch einmal umzudrehen, aber noch von hinten sieht sie sehr wütend aus. Sie geht jetzt schnell, viel schneller als vor ihrem Ausbruch.

Ich stehe neben der immer noch leeren Bühne, ich höre zu, ich schreibe auf, was ich höre und sehe. Regentropfen auf meinen Notizbuchseiten, auch dieses Papier weicht auf. Jemand tippt mir auf die Schulter und fragt, ob ich vielleicht einen Interviewtermin habe? Mit dem Menschen aus Berlin gleich? Der Mann, der mich angesprochen hat, zeigt wie zur Erklärung mit dem Daumen hinter sich zur Bühne. Ich sage: „Oh nein, das habe ich nicht.“

Einen Menschen sehen, der sicher etwas Besonderes ist

Ein Vater mit zwei kleinen Kindern steht neben mir, die Kleinen wollen unbedingt einmal die Berühmtheit sehen, die gleich auftreten wird, die von den Plakaten. „Aber nur einen Blick!“, sagt der Vater, „wir müssen echt nach Hause!“ Dann nimmt er ein Kind auf die Schultern und eines auf den Arm und steht da und hofft, dass es schnell geht. Auf der Bühne ist immer noch nichts zu sehen. Die Kinder recken die Hälse und winken auf jeden Fall schon einmal und hoffen, dass sie gleich einen Menschen sehen, der auch auf den vielen Plakaten in der Stadt ist. Einen Menschen also, der doch sicher etwas Besonderes ist. Was man in dem Alter eben so hofft.

Die meisten Passanten aber, die hier zufällig entlangkommen, gehen einfach weiter. Ein Blick zu den Plakaten, ein Blick zur Bühne, zum Flyer-Verteiler. Ein Schulterzucken, ein Augenrollen, egal, schon vorbei und weiter, nach Hause oder in den nächsten Laden. Warum sollten sie sich das anhören. Wenn man erwachsen wird, erwarten viele nichts Besonderes mehr.

Auch nicht bei Wahlen, auch nicht von Menschen auf Plakaten. 
 

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„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Aya Jaff, Dominic Otiang’a und Magrita Tsomou. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen.