Ausgesprochen … gesellig Die Stunde, in der die Läden schließen

Am anbrechenden Abend ein Spaziergang durch die Fußgängerzone: Maximilian Buddenbohm beobachtet den Schichtwechsel in der Innenstadt.

Von Maximilian Buddenbohm

Ein Rollgitter sichert ein Geschäft in einer leeren Fußgängerzone am Abend Ein Rollgitter wird heruntergelassen, der Feierabend ist nah | Foto (Detail): Jan Woitas © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild
Am Anfang der Fußgängerzone steht wieder einer, der den achtlosen Passanten etwas über Religion erzählt, über das gottgefällige Leben nach seinem Verständnis. „In die Hölle …“, so höre ich im Vorbeigehen, „die kommen alle in die Hölle. In die Hölle!“ Er hat einen Zeigefinger erhoben und wedelt warnend damit herum, er hat die Augen weit aufgerissen und sieht unangenehm aufgeregt aus. Er wiederholt viel zu oft das Wort Hölle, es scheint ihm eine gewisse Lust zu bereiten. Er wirkt auch zu aufdringlich mit diesem beharrlich winkenden und in die Luft stechenden Zeigefinger. Die Passanten machen lieber einen Bogen um ihn. Der mich begleitende Sohn fragt, wieso es eigentlich erlaubt sei, öffentlich religiöse Drohungen zu verbreiten. Also Leuten Angst zu machen. Was antwortet man da als Vater? Dass die Aufklärung eine gute Sache war, aber auch nicht alles erreicht hat? Der Sohn fragt noch einmal, wieso man andere einfach so bedrohen dürfe. Das ist eine gute Frage.

Menschen fangen an zu putzen und zu ordnen

Der Abend bricht an, es wird gerade dunkel. Es kommen deutlich mehr Menschen aus den Geschäften, als noch hineingehen. Das Restlicht des Tages ist merkwürdig gewittrig, die neonhell erleuchteten Läden wirken überbelichtet darin. Mit den Farben stimmt heute auch etwas nicht, alles hat einen leichten Gelbstich. Quer über die Straße sind oben bunte Wimpel gespannt, in etwa einer halben Stunde wird man ihre Farben schon nicht mehr erkennen können. Die Werbeaufsteller vor den Geschäften werden hineingeräumt, die Grabbelkisten und die Rabatthinweisschilder, die Tischchen mit den Desinfektionsmitteln, zuletzt auch die Klappstühle der Security. Im Vorbeigehen kann man jetzt ungewohnt tief in die Läden sehen, es steht nichts mehr im Weg. Die letzten Kunden warten vor den Kassen und zahlen.

In manchen Läden zählt man schon das Geld, fegt durch, füllt Desinfektionsmittel nach, wischt über Flächen und trägt Textilien von Ständer zu Ständer und neue Waren zu Regalen. Ein Verkäufer steht neben einer Kasse und füllt konzentriert Papiere aus. Ein Mann in der schwarzen Uniform eines Sicherheitsdienstes lehnt in einer Tür, gähnt mit weit offenem Mund und streckt sich. In einem Imbiss werden Lebensmittel weggeräumt und Dönerspieße ausgehängt. Überall fangen Menschen an zu putzen und zu ordnen, es ist die letzte halbe Stunde der Geschäftigkeit. Schnelle und routinierte Handgriffe, der Feierabend ist nah. In einer Bäckerei werden noch drei Stück Kuchen verkauft, dann ist die Auslage leer und wird schnell ausgefegt, eine Frau schließt die gläserne Tür hinter der letzten Kundin von innen ab. Vor anderen Läden stehen Angestellte, rauchen und unterhalten sich, verabschieden sich dann. Eine Hautpflegepraxis wirbt auf einem Schild mit zeitloser Schönheit, so steht es da. Aber heute ist dafür keine Zeit mehr, auch dieses Schild wird jetzt eingeklappt und weggetragen. Vor einem Restaurant stapelt jemand Stühle aufeinander und trägt sie als turmhohe, leicht schwankende Gebilde ins Gebäude.

Einen Schlafplatz suchen

Auf einer Bank am Straßenrand sitzen ein junger Mann und eine junge Frau. Sie sagt: „Ich heiße Layla.“ Und sieht ihn mit einem solch umwerfenden Lächeln lange an, dass niemand Netflix braucht, der so etwas im Vorbeigehen sehen kann. In einem Geschäft mit Schreibwaren liegt ein Notizbuch im Fenster, auf dessen Titelblatt steht: „Some shit to remember.“

Bei einem großen Juweliergeschäft wird ein Gitter vor den Fenstern heruntergelassen. Mehrere Obdachlose stehen daneben und davor und sehen zu, sie warten geduldig. Erst als alle gegangen sind, die zu diesem Geschäft gehören, breiten sie im geräumigen Hauseingang neben dem Schaufenster ihre Schlafsäcke, Decken und Kartons aus, richten ihr Nachtlager und stellen Becher für Spenden auf: Schichtwechsel. Wenn man darauf achtet, dann hört man auch, wie sich die Krähen in den großen Bäumen am Straßenrand gerade einen Schlafplatz suchen. Es raschelt und krächzt leise in den Kronen der Platanen. Gelegentliches Flügelschlagen, letzte Unruhe und noch etwas flatterndes Gerangel. Gleich wird es dunkel sein, dann kommen die Vögel zur Ruhe. In einen der Bäume hat man etliche weiße Stoffbahnen gespannt, symmetrisch angeordnet bilden sie ein Muster, vom Stamm in die Äste hinein. Das ist vielleicht Kunst, aber das beachtet niemand.

„Hier Deine Sorgen einwerfen.“

Ein Polizeiwagen fährt im Schritttempo durch die Fußgängerzone. Eine Bettlerin, die vor einem Optiker gesessen hat, sammelt mühsam ihre Habseligkeiten zusammen. Jede Bewegung scheint ihr wehzutun. Sie bückt sich unter Schmerzen, sie greift stöhnend nach den Sachen auf dem Boden. Dann humpelt sie los, in Zeitlupe und ächzend, jeder Schritt ein Problem. Sie geht an einem Mülleimer vorbei, auf dem steht groß und wie zum Spott ein Scherz der Stadtreinigung: „Hier deine Sorgen einwerfen.“

An vielen Schaufenstern hängen bunte Zettel, es wird Personal gesucht. In Läden, Imbissen, Kneipen und Cafés, überall fehlen Bedienungen und Verkaufspersonal: „Wir suchen Dich.“ Oder auch: „Deine Chance!“ und „Komm zu uns!“ und „Join the team.“ Ein Pflegedienst sucht eine Powerfrau, eine Kneipe sucht Bar-Talente, ein Bekleidungsgeschäft einen Sales Manager. Ein Coffeeshop sucht Nachwuchs-Barista, ein Kaufhaus sucht jetzt schon etliche Weihnachtsaushilfen. Überall fehlt noch jemand.

Da stimmt etwas nicht

Auf der Fahrbahn einer Straße steht in riesigen Buchstaben, weiße Schrift auf grünem Grund: „Wir alle für 1,5 Grad.“ Ein junger Mann möchte diesen Schriftzug auf der Straße fotografieren, das ist nicht einfach. Der Text ist so lang, er reicht so weit, er passt nicht recht ins Smartphonedisplay. Der Mann steigt auf eine Bank und reckt den Arm weit hoch. Er lacht, weil es nichts nützt, es ist jetzt auch zu dunkel für ein Straßenbild.

Auf einer Bank, die keine Rückenlehne hat, sitzt einer und sieht merkwürdig aus. Da stimmt etwas nicht. Er hat die Bank zwischen die Beine genommen, ist dann einfach nach vorne gekippt und sein Gesicht liegt in einer vor ihm stehenden braunen Styroporschale, in der sicherlich Essen aus dem nahen Asia-Imbiss ist. Keine Bewegung ist an ihm zu erkennen. Er trägt einen schweren Rucksack auf dem Rücken, der ist ihm in den Nacken gerutscht, seine Arme hängen reglos zu beiden Seiten der Bank herab. So sitzt man nicht, wenn es einem gut geht, das steht fest. Kann der überhaupt atmen, mit der Nase im Essen?

Wie in einem Theaterstück

Mehrere Menschen bleiben gleichzeitig stehen und sehen sich den Mann an. Einige gehen näher ran, gucken nach, ob er wohl noch atmet. Zwei bücken sich neben ihm. Neben mir mehrere Paare, bei denen ähnliche Gespräche zu sehen und zu hören sind, es ist ein wenig wie in einem Theaterstück. Bei all diesen Paaren möchte nämlich ein Teil des Paares helfen oder wenigstens Hilfe holen, ein Teil möchte aber entschieden lieber weitergehen. Einige ziehen an den Händen ihrer Begleitung, einige holen Handys heraus und überlegen, wer in so einem Fall eigentlich anzurufen ist, leise Diskussionen bei allen. Eine junge Frau geht zu dem Mann und stupst ihn vorsichtig an der Schulter an. Er schreckt hoch und wischt sich fahrig Bratreisreste aus dem Gesicht. „Alles okay?“, fragt die junge Frau. Der Mann sieht ein wenig so aus, als würde sich die Welt um ihn drehen. Er schwankt im Sitzen, er reißt die Augen weit auf, er fokussiert sichtlich mühsam. Dann hebt er erst einen Daumen, dann beide. Ja es ist alles okay. Sagt er. Die Umstehenden gehen erleichtert weiter, die junge Frau auch. Sie sieht sich noch einmal um, was macht der Mann? Er starrt in den Bratreis, in dem er eben gelegen hat. Krümel davon hängen immer noch in seinem Bart. Sein Oberkörper schwankt weiter, er ist betrunken.

Der Laienprediger mit den religiösen Drohungen ist nicht mehr da, wo wir ihn gesehen haben, er ist weitergezogen. Wo er war, steht jetzt eine Nachwuchssängerin und singt mit erheblicher Anstrengung ein nicht besonders gelungenes Cover eines Leonard-Cohen-Songs. „It‘s a cold and it’s a broken halleluja“, hören wir im Vorbeigehen. Drei Frauen stehen vor der Sängerin, klatschen nach dem Song aber nicht und nicken nur ein wenig, eher zurückhaltend.

Hinter ihnen die Fußgängerzone, in der jetzt nichts mehr los ist.
 

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„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Aya Jaff, Dominic Otiang’a und Margarita Tsomou. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen.