Ausgesprochen … gesellig Im Zoo

Ein Zoobesuch mit der Familie. Wie verhalten sich die Tiere? Und wie verhalten sich die Menschen? Maximilian Buddenbohm hat es beobachtet.

Von Maximilian Buddenbohm

zwei Elefanten im Zoo strecken ihre Rüssel weit vor, eine Hand hält ihnen einen Apfel entgegen „Futter!“ ruft ein Mann laut, und dann kommen sie alle | Foto (Detail): Daniel Bockwoldt © picture alliance/dpa
Ich frage meine Söhne, ob sie in den Zoo wollen. Ich bin mir sicher, dass sie nicht in den Zoo wollen. Die Söhne sind 12 und 14 Jahre alt, da ist es doch nicht mehr cool, in den Zoo zu gehen. Ist der Zoo nicht eher etwas für die Grundschulzeit? Die Söhne finden die Idee aber gut, warum nicht, okay, gehen wir mal in den Zoo. Man braucht nur eine Pandemie von etwa 19 Monaten, denke ich, dann wird so gut wie jedes Ausflugsziel wieder interessant. Nicht nur für Kinder.

Wir fahren zum Zoo. Wir versuchen uns zu erinnern, wann wir zuletzt dort waren, es fällt uns nicht mehr ein, es ist zu lange her. „Das war ja vor Corona“, sagt der jüngere Sohn und es ist klar, dass es in grauer Vergangenheit war, damals. Wie lang neunzehn Monate für Kinder sind, das können wir Erwachsene uns nur ansatzweise vorstellen, man vergisst es manchmal. Wir reden hier über Ewigkeiten.

Immerhin wissen wir sonst alles noch. Wir wissen noch, welche U-Bahn zum Zoo fährt, wo wir aussteigen müssen, dass der Zoo ziemlich teuer ist und dass man gleich hinter der Kartenkontrolle zu den Elefanten kommt. Dann stehen wir wieder da, wo wir vor einigen Jahren schon waren, und wir sehen uns Tiere an. Enorm viele andere Menschen machen es wie wir. Es ist ein prachtherbstlicher Oktobertag, es ist Ausflugswetter und Ferienzeit. Die Menschen haben Zeit für sich und für ihre Familien, da machen sie aufgrund individueller Entscheidungen dasselbe wie alle anderen auch. So geht es zu bei intelligenten Rudeltieren.

Schon bei den Elefanten ist klar, wie es läuft

Der Zoo ist groß, es ist ein schön angelegter Park. Man kann lange darin herumgehen. Aber schon bei den Elefanten, bei der ersten Attraktion, ist klar, wie es hier läuft. Die Menschen starren die Tiere an, und die Tiere sehen durch die Menschen durch, über sie hinweg oder an ihnen vorbei. Für Zootiere, denke ich, sind wir Menschen so etwas, wie es die Stadttauben für uns sind: Es lohnt nicht, näher hinzusehen.

Die Tiere, fast alle Tiere, stehen oder liegen ruhig und gelassen oder gelangweilt, die Menschen albern aufgeregt vor ihnen herum. Ein Elefant in Ruhe ist die Würde selbst, er ist ein Anblick, der tief beeindrucken könnte, wenn man ihn anders betrachten würde, als es die meisten hier tun. Wie gucken die Gäste, allzu viele Gäste? Sie gucken spottbereit wie auf einem Schulhof, vielleicht auch wie in sozialen Medien. Sie amüsieren sich über körperliche Auffälligkeiten, guck mal, wie dick der ist, guck mal, der dünne Schwanz, guck mal, die krummen Beine. Guck mal, wie der guckt. Ich bin überrascht, wie viele Menschen vor Zäunen und Scheiben stehen und sich über die Tiere dahinter mokieren. Ich weiß nicht mehr, ob das immer so war, oder ob wir nach der langen Pandemiezeit alle dezent überspannt sind? Sind wir nichts mehr gewohnt, auch keine Eindrücke? Die Menschen lachen über die Art, wie die Tiere fressen, wie sie schlafen oder kacken, es ist wirklich erstaunlich. In ein, zwei Stunden gehen die Besucher nach Hause und, nun ja, fressen, schlafen und kacken – nur eben kultiviert, versteht sich.

Zwei Tierpfleger bringen eine Menge langer Äste mit frischem Laub daran. Die kleine Elefantenherde gerät in Bewegung und trottet interessiert auf das Futter zu. Gelinde Beschleunigung, sachtes Gerempel. Ich stehe etwas abseits von der Szene, ich sehe die Elefanten im Gehege und die Menschen vor dem Zaun. Ich sehe auch, wie sich die Bewegung der Elefantenherde in der Menschentraube spiegelt. Die Gäste rücken interessiert näher an das Geländer, sie wollen genauer sehen, wie die Tiere da fressen. „Futter!“ ruft ein Mann laut, und dann kommen sie alle, die Menschen, in gelinder Beschleunigung und mit sachtem Gerempel. An den Rändern der Szenen, vor und hinter dem Zaun, herumhampelnde Kinder und Kälber. Die Menschen ziehen ihre Handys und halten sie hoch, die Tiere greifen Äste mit dem Rüssel. So nehmen beide Arten etwas auf, die Elefanten und die Menschen.

Es ist kein Tier zu sehen, die Leute gucken immer weiter

Im aufgewärmten Affenhaus liegt ein Orang-Utan in einer Hängematte und schläft. Den Rest seiner Familie kann man nicht sehen, sie werden alle irgendwo in Verstecken sein und ebenfalls schlafen. Der ruhende Menschenaffe hat den Zuschauern seinen Rücken zugedreht, was man, wie ich finde, verstehen kann. Um mich herum lebhaftes Menschengedrängel und große Unzufriedenheit, die laut geäußert wird: Warum macht der denn nichts? Der soll mal was machen! Hey! Man ruft, man pfeift, man zischt, also wirklich, der soll endlich was machen, der macht schon mehrere Minuten lang überhaupt nichts. Vermutlich würde man auch mit Steinchen werfen, es liegen nur keine herum, das ist gut so. Aber man kommt doch nicht her, damit der da nichts macht! Kinder beschweren sich quengelnd bei ihren Eltern, die sollen jetzt was machen, damit der Affe was macht. Murrend gehen die Leute schließlich weiter, dieser Orang-Utan da, also nein. Kopfschütteln. Einer sagt: „Das bringt hier doch nichts.“ Handys werden wieder weggesteckt, hier gab es nichts zu filmen.

Vor einem großen Käfig stehen Leute und gucken angestrengt, was ist da für ein Tier drin? Es ist kein Tier zu sehen, die Leute gucken immer weiter. Sie recken sich, sie bücken sich, da muss doch eines sein? Sie sehen nichts. Dann endlich doch, eine Ahnung von gemustertem Fell nur, oben in einem Baumstamm. „Was ist das für ein Tier?“, fragt ein Kind aufgeregt. „Das steht doch da“, sagt der Vater, „kannst du nicht lesen oder was.“ Er zeigt zum Schild vor dem Käfig. Auch das wiederholt sich wieder und wieder, diese routinierten Unfreundlichkeiten in Familien.

Überall werden Kinder reglementiert, teils nachvollziehbar, weil sie etwa zu den so faszinierenden Pavianen hineinklettern wollen, das würden sie vielleicht nicht überleben. Wie konnten wir als Art so viele tausend Jahre überstehen, wenn jedes dreijährige Kind jauchzend auf alle nur denkbaren Gefahren zu stolpert? Lachend hin zum großen Bären, der hat so schönes Fell. Es ist erstaunlich, wie wir das geschafft haben. Waren wir denn früher anders, und wann war früher?

Falsch abgebogen

Ein Sohn steht neben mir mit dem Plan des Zoos in der Hand und wird nervös: „Wir sind dahinten falsch abgebogen“, sagt er mahnend, „wir müssen erst dahin“, er zeigt energisch nach rechts, zu den Steinböcken. „Es ist mir vollkommen egal, wie wir gehen“, sage ich. Er sieht mich irritiert an. Dann kann man doch etwas verpassen, mit dieser Haltung? Das geht doch nicht? Den Gedanken findet er schlimm. Ich fange an, auf die anderen Familien zu achten, wie gehen die, was machen sie mit diesem bunten Plan, den bei fast jedem Familientrupp einer in der Hand hat. Die einen gehen exakt nach der Karte durch den Zoo, von Nummer zu Nummer und wenn nach dem Strauß die Zebras an der Reihe sind, dann ist das so: „Jetzt gehen wir zur 47!“ Da gibt es keine Zweifel, da ist alles einfach. Die anderen gehen nach dem Effizienzprinzip. Erst das Beste erledigen, erst kommt der Eisbär, wo ist denn hier der Eisbär, der ist der größte Gewinn. Da muss man hin, dann hat man das Wichtigste erledigt: „Den Eisbären haben wir jetzt!“ Das führt aber zu Diskussionen, nicht alle finden badende Eisbären gut, manche mögen vielleicht die ruhige Riesenschildkröte lieber, das muss geklärt werden. Dann gibt es noch die, welche sich entspannt treiben lassen: „Komm, wir gehen mal links, da sieht es gut aus.“ “Was gibt es denn da?“ „Das sehen wir dann.“

Und schließlich noch die Experten, die alles auf Erfahrung gründen: „Wir machen Pause, Kinder! Da vorne gibt es Pommes und Eis, gleich nach der Biegung.“ System, Effizienz, Laune und Erfahrung. Das sind die Methoden, mit denen wir durch den Zoo und vielleicht auch durchs Leben gehen. Wenn die Stichprobe groß genug ist, so heißt es, wird eine Verallgemeinerung zulässig. Ich habe an diesem Tag im Zoo sehr viele Menschen mit einem Plan in der Hand gesehen. Wobei wir aber bedenken müssen, dass die Mehrheit sich nicht nach diesen Kriterien entscheidet. Die Mehrheit läuft jemandem hinterher, der für sie nach System, Effizienz, Laune oder Erfahrung entscheidet. So kommt man auch voran und an vielen Stationen vorbei, nicht nur im Zoo.

Mir wird es zu voll in diesem Tierpark. Ich würde gerne mehr Zeit vor einigen Tieren verbringen und länger hinsehen. Ich war zu lange nicht mehr unter so vielen Menschen, ich bin mir nicht sicher, ob und wann mir das wieder gefallen wird. Aber was für ein herrlicher Anblick ist ein ausgewachsener Wapiti-Hirsch, der starr durch einen hindurchsieht. Ich setze mich auf eine Bank, ich sehe mir diesen Hirsch lange an. Was für eine Schönheit so ein Tier ist. Meine Familie will weiter, das finde ich schade. Wenn ich ohne sie im Zoo wäre, wann wäre ich wohl damit fertig, diesen Hirsch anzusehen? Ich war noch niemals allein in einem Zoo, glaube ich, aber vielleicht ist das ein guter Plan. Den Gedanken habe ich zum ersten Mal im Leben, fällt mir auf. Währenddessen will die Familie immer dringender weiter, und ich gehe meinen Lieben langsam hinterher.

Sie ziehen weiter von Tierart zu Tierart, von Käfig zu Käfig. Und zwar mit System.
 

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„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Susi Bumms, Sineb El Masrar und Margarita Tsomou. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen.