Ausgesprochen … gesellig Ist das schlimm?

Ein Krieg hat begonnen. Maximilian Buddenbohm beschreibt, wie er den ersten Morgen danach erlebt hat.

Von Maximilian Buddenbohm

Blumen im Eingangsbereich des ukrainischen Konsulats Gelbe Rosen im Eingangsbereich des ukrainischen Konsulats | Foto (Detail): Jonas Walzberg; © picture alliance/dpa
Am Morgen des russischen Angriffs wird Twitter, das ist nicht überraschend, zu einem irrsinnig schnellen Nachrichtenticker. In rasender Geschwindigkeit rauschen die Meldungen durch, die Bilder, die Filme, die News-Fetzen, das Stakkato des Horrors. Meinungen, Kommentare, plötzlich entstandenes Expertenwissen, viel Besserwisserei ist auch dabei. Daneben lese ich von überwältigender Ratlosigkeit, von Hilflosigkeit, immer wieder von Entsetzen, ich sehe traurige Emojis ohne Text. Einige schreiben, dass sie nicht wissen, was sie schreiben sollen, andere antworten denen, dass sie es auch nicht wissen. Sprachlosigkeiten werden da ausgetauscht, dabei ist man wenigstens zusammen. Es gibt keinen Grund, das geringzuschätzen, der Mensch braucht Menschen, auch online. Wer das Doom-Scrolling nicht kennt, immer noch nicht kennt, der könnte ihm heute endlich auch komplett verfallen. Wir sehen das Unheil in den sozialen Medien, wir sehen es dort immerhin gemeinsam. Einige schreiben nach dem Aufstehen und dem obligatorischen Griff zum Handy erst einen fröhlichen Morgengruß, sehen dann auf einmal, wie ernst Lage ist und wie deplatziert ihr vergnügter Satz in dieser Timeline des Grauens wirkt. Wie schnell Normales grotesk werden kann, das fällt auf an diesem Morgen.

„Hast du schon gesehen?“ „Ja.“ – Immer wieder, in allen Gesprächen an diesem Morgen, auf allen Kanälen und Medien.

Der Versuch, eine angemessene Antwort zu geben

Meine Familie schläft währenddessen weiter, draußen ist es noch dunkel, ein einzelner Vogel singt etwas zaghaft in der Kälte der Vorfrühlingsmorgens. Ich sehe immer wieder auf das Smartphone und bereite nebenbei die üblichen Morgenrituale vor, die Heißgetränke zum Frühstück, die Pausenbrote für die Schule, die geschnittenen Äpfel, die Wasserflaschen. Das mache ich jeden Tag, nur ich bin hier Frühaufsteher, das passt so. Dann erst wecke ich meine Frau und die Kinder. Die Nachrichten sind schon bald Thema, ein Blick aufs Handy und man weiß es, sieht es, es ist unvermeidlich. Ich höre die Kinderfrage, die viele Eltern an diesem Tag hören werden, nicht nur in meinem Umfeld, in vielen Ländern, überall: „Ist das schlimm?“

Man versucht dann natürlich, eine sinnige Antwort zu geben. Pädagogisch wertvoll möchte man reden, ausgewogen, beruhigend, aber doch nicht falsch verharmlosend. Adäquat informieren möchte man, klar einordnen. Man hat einen gewissen Ehrgeiz in solch wichtigen Momenten, alle Eltern haben den, nehme ich an. Man hat aber nicht viel Zeit. Man hat so gut wie keine Zeit, und man muss es doch auch herunterbrechen auf ein altersgerechtes Format. Das ist wahrhaftig keine leichte Aufgabe. Man muss selbstverständlich auch die Abzüge in der Allgemeinbildung bedenken, was weiß denn der Nachwuchs, wo die Ukraine ist, wie groß die ist, wie die mit Russland zusammenhängt, wie Putin vorgeht und so weiter, und immer werden einem in solchen Momenten auch die tiefen Risse in der eigenen Allgemeinbildung schmerzlich bewusst.

„Ist das schlimm?“

Scheitern – die unvermeidliche Elternerfahrung

Und dann scheitere ich an der Antwort, so wie viele, viele anderen Eltern auch. Ich verhaspele mich, ich sage etwas, das mir schon einen Moment später nicht mehr gut genug vorkommt. Es trifft nicht ganz, nein, es trifft die Lage eigentlich überhaupt nicht, denke ich. So kann man das doch nicht erklären, was habe ich mir denn dabei wieder gedacht, meine Güte, war das schwach. Ich will das sofort korrigieren, ich nehme also schnell noch einmal Anlauf, da ist das Kind aber schon aus dem Bett gesprungen und bei ganz anderen Themen, da ist der Moment schon vorbei. Es winkt unwillig ab, es sucht jetzt in der Küche mit hoher Dringlichkeit nach dem Schokomüsli und hört längst nicht mehr zu. Der Hunger ist nun wichtiger, und dann muss es auch gleich los, die Schule, die Mathe-Arbeit heute, dann die Freunde, der Alltag. Das ist auch tatsächlich alles wichtig, denke ich, auch das Schokomüsli, das stabilisiert nicht nur körperlich. Vielleicht sollte ich das Zeug auch einmal frühstücken, überlege ich, vielleicht sollte ich es gerade jetzt frühstücken. Ich greife nach einer Schüssel.  

Wenn man mich heute fragen würde, worauf sich Menschen vorbereiten sollten, die Kinder erwarten, ich würde sagen: Bereitet Euch seelisch auf serielles Scheitern vor. Auf objektives Scheitern und auch auf das Scheitern nur nach eigenem Empfinden. Es kommt beides oft genug vor und tritt im Wechsel auf. Es scheint mir ein essenzieller und unvermeidlicher Bestandteil der Elternerfahrung zu sein: Immer könnte man alles noch besser machen, viel besser machen, und dann bekommt man es nicht hin. Vielleicht ist dieses Scheitern am Ende sogar für etwas gut, wer weiß. Ich müsste nur noch darauf kommen, wofür denn bloß.

Zwei gelbe Rosen

Ich gehe später am Tag etwas spazieren, ich brauche Luft und vor allem brauche ich eine Pause von den fürchterlichen Nachrichten. Seit Jahren gibt es hier im Stadtteil an mehreren Häusern Putin-Karikaturen als Graffitis an den Hauswänden. Die sind alt, die beziehen sich nicht auf den Angriffskrieg, sondern auf seine Schwulenfeindlichkeit. Putin als Liebespaar mit Erdogan, worum ging es da eigentlich damals? Egal, es ist längst keine aktuelle Geschichte mehr. Jahrelang schon hat da keiner mehr hingesehen, die Graffitis waren längst zu alltäglich geworden. Jetzt aber zeigen Passanten auf einmal wieder auf die Bilder und bleiben stehen, sehen genauer hin. Jetzt wird er wieder wahrgenommen.

An das Treppengeländer neben den paar Stufen, die zur Eingangstür des Konsulats der Ukraine führen, hat jemand mit Klebeband zwei gelbe Rosen gebunden. Die hat der Wind schon etwas zerzaust, die hängen schon etwas schräg, die werden da nicht lange halten. Ein Mann steht vor der Tür des Konsulats und gibt einem Fernsehteam ein Interview.

„Was kann man denn sagen?“

Ich gehe weiter, ich gehe durch einen Park. Eine Frau geht vor mir her, sie telefoniert und spricht laut, mit einem starken osteuropäischen Akzent: „Ja, was soll man da sagen, was kann man denn sagen? Da kann man doch nichts mehr sagen!“ Sie gestikuliert mit einer Hand, sie hebt sie zum Himmel, sie schreit jetzt fast: „Ich weiß es doch auch nicht!“ Ich habe keine Ahnung, worum es bei dem Gespräch geht. Aber worum soll es schon gehen.

Vor der Haustür treffe ich einen Nachbarn. So einen Nachbarn, zu dem man guten Morgen oder guten Abend sagt, und sonst meistens nichts. Man weiß nur so eben, der wohnt hier auch. Er dreht sich zu mir um. „Haben Sie es gehört?“, fragt er mich, und er sagt nicht, was es ist. Aber was soll es schon sein. „Ja“, sage ich und bleibe kurz stehen, da winkt er aber schon wieder ab: „Was soll das denn alles werden? Was soll das bloß noch werden?“ Dann geht er kopfschüttelnd in seinen Hauseingang, ich gehe in meinen.

Er erwartet also keine Antwort von mir, und das ist auch gut so. Ich habe nämlich keine, ich weiß es doch auch nicht. Ich weiß nur: Selbstverständlich ist es schlimm.
 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Susi Bumms, Sineb El Masrar und Marie Leão. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen.