Ausgesprochen … gesellig Sie reden von Freiheit

Ist die Pandemie noch da? Oder ist sie beendet? Ist das, was danach kommt „Freiheit“? Und was ist mit der nächsten Krise – dem Krieg? – Überlegungen von Maximilian Buddenbohm.

Von Maximilian Buddenbohm

Eine zerrissene Maske, Blumen Was ist Freiheit? | Foto (Detail): Christian Ohde; © picture alliance / CHROMORANGE
Ich rede mit Menschen, die im Ausland waren, in England in diesem Fall. Sie sagen: „Da ist es nicht mehr!“ Sie meinen Corona, sie meinen die Masken, die Pflichten, die Regeln, sie meinen diese ganze Pandemie: „Da merkst und siehst du nichts mehr davon, gar nichts.“ Es ist eine Feststellung und es ist gleichzeitig eine Beschwerde, denn bei uns merkt man noch etwas, und wie man es merkt, das klingt dabei mit. Man soll aber nichts mehr merken, das soll endlich aufhören. Ich sitze bei diesem Gespräch am Computer. Ich sehe mir nebenbei die Website einer großen englischen Zeitung an. Es gibt dort nach wie vor Sonderseiten zu Corona, es gibt Fallzahlenrekorde und auch eine Tabelle mit Todesmeldungen pro Tag, es folgen Krankenhausauslastungsberichte. Corona ist da, Corona ist nicht da, es ist Schrödingers Pandemie. „Covid experts call for return of free tests as UK cases hit new high.“ Steht da. Mein Gesprächspartner sagt: „Was in England geht, das muss hier doch auch gehen!“ Er sieht es nicht mehr ein, wie es hier läuft, er sieht eigentlich gar nichts mehr ein.

Die Leute sind durch

„Das muss doch endlich aufhören“, höre ich, und ich höre es in den letzten beiden Wochen nicht nur einmal, ich höre es oft. Die Leute können nicht mehr, das kann ich mir vorstellen, wenn ich es mitfühlend betrachten möchte, was immer eine gute Idee ist. Sie sind durch, sie sind verbraucht und fertig mit dem Thema, das Thema soll weggehen. Und es gibt doch auch schon eine neue Krise, die unsere ganze Aufmerksamkeit zu brauchen scheint, die schon wieder unseren Alltag nachdrücklich beeinflusst, es gibt diesen Krieg. Da können wir uns um die alte Krise nicht mehr so wie in den letzten zwei Jahren kümmern, es fühlt sich einfach nicht mehr richtig an. Wir sind doch jetzt in einem neuen Kapitel.

Wenn man es realistisch betrachtet: Die Wirklichkeit soll weggehen. Ich spotte nicht darüber, ich verstehe den Wunsch, ich kann die Haltung leicht nachvollziehen. Ich bin auch durch, ich bin ebenfalls längst fertig mit dieser Pandemie, erschöpft und genervt bin ich. Die erwähnte Haltung kommt mir also naheliegend vor. Ich habe sie nur nicht, denn die Wirklichkeit ist so, wie sie ist und wir leben nicht mehr in der Zeit oder in dem Land, in dem das Wünschen noch geholfen hat. Das ist kein Eigenlob, ich bin nicht klüger oder einsichtiger als andere, sicher nicht. Ich bin nur fatalistischer, und manchmal passt das eben. In letzter Zeit scheint es öfter zu passen.

Gucken, was die anderen gerade machen

Weltweit fallen die Regeln in diesen Wochen weg. In etlichen Ländern und in verschiedenen Geschwindigkeiten wird gelockert und gelöst, während in China alles wieder von vorne zu beginnen scheint.

Ich kenne Menschen, die aus beruflichen Gründen weite Reisen machen, auch in diesen Zeiten. Interkontinentalreisen wie früher, als wir noch dauernd herumgeflogen sind. Sie kommen innerhalb eines Tages durch dermaßen viele verschiedene und verwirrende Reglements, dass sie es aufgeben, irgendwas verstehen zu wollen, und nur noch gucken, was die anderen gerade machen. Das wird dann passen. An diesem Ort, zu dieser Stunde wird es richtig sein. Weltweit gibt es Streit, was richtig ist, und wenn man reist, wird es nicht logischer. Die Pandemie ist da, sie ist nicht da.

Überall hat man Meinungen dazu, und wie man Meinungen dazu hat. Starke, kantige Meinungen hat man, die sozialen Medien zeigen das endlose Abspulen dieser Meinungen in immer schärferer Form, es hagelt Ausrufezeichen. Als ob Meinungen etwas nützen würden. Wenn ich lange genug eine Meinung gegen etwas habe und sie immer wieder vehement ausdrücke, dann geht es weg, dann muss es doch irgendwann weggehen. Eltern kennen diese Haltung auch von ihren Kindern. Noch einmal, ich spotte nicht, ich bin ebenfalls betroffen. Aber ich sehe und höre zu, ich achte auf die Formulierungen, auch auf meine eigenen: „Das muss jetzt aber mal aufhören!“ „Das kann doch nicht immer so weitergehen.“ „Es reicht jetzt auch.“ Und immer wieder und von fast jeder und jedem: „Das geht mir alles dermaßen auf die Nerven. Es muss jetzt mal gut sein.“

Es geht vorwärts, es geht rückwärts

Manche reden von Freiheit, vom Freedom Day, an dem die verdammten Regeln endlich alle fallen. In einigen Ländern gab es so einen Tag schon, teils wurde er dort gefeiert, in einigen Ländern wurde er bereits wieder kassiert. Es geht vorwärts, es geht rückwärts. Freiheit ist ein großes Wort, oder war es zumindest einmal, ein sehr großes Wort. Die Kontaktbeschränkungen fallen, die Masken auch, die Abstandsregeln. Man kann wieder einfach so überall reingehen, in die Läden, in die Restaurants, in die Museen, Theater und Konzerthallen, und viele wollen da auch überall rein, dringend wollen sie das. Firmen heben die Home-Office-Regelung auf und bitten die Angestellten zurück an die Arbeitsplätze. Konferenzen und Messen finden jetzt statt. Die Menschen stehen wieder früher auf und fahren für acht Stunden ins Großraumbüro. Sie stehen danach auf dem Weg nach Hause im Stau und nennen das Freiheit, was sie früher als Alltag eher suboptimal und einengend fanden. Erinnern wir uns nicht alle? Mir war so.

Der Wecker klingelt eine Stunde früher, das ist das Läuten der Freiheit. Wir haben wieder tausend Termine, zwischen denen wir uns herumjagen lassen, es sind Freiheitstermine. Ich kann endlich, endlich wieder machen, was ich will, also mache ich, was ich muss. Der Alltag vor der Pandemie war vielleicht doch nicht so schlimm, trotz des Gejammers an jedem Montagmorgen? Wir müssten zurückblicken und einiges neu bewerten, das Leben vor, das Leben in und auch das Leben nach der Pandemie, wenn sie bei uns gerade einmal nicht stattfindet. Aber wir werden nichts daraus lernen, überhaupt nichts. Wir haben keine Zeit, etwas zu lernen. In der Freiheit, von der sie reden, gibt es einfach zu viel zu tun.

Und vielleicht, aber das ist nur ein Gedanke am Rande, passt der Begriff Freiheit ohnehin etwas besser zu der anderen, zu der neuen großen Krise.
 

„Ausgesprochen …“

In unserer Kolumnenreihe „Ausgesprochen …“ schreiben im wöchentlichen Wechsel Maximilian Buddenbohm, Susi Bumms, Sineb El Masrar und Marie Leão. Maximilian Buddenbohm berichtet in „Ausgesprochen … gesellig“ über das große Ganze, die Gesellschaft, und ihre kleinsten Einheiten: Familie, Freundschaften, Beziehungen.