Ulf Erdmann Ziegler Das Politische und das Private

Ulf Erdmann Zieglers neuestes Buch ist ein Politroman, der in den Jahren 2011 bis 2014 spielt. Der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) fliegt auf, Politiker erleben politische und private Debakel.

Von Holger Moos

Ziegler: Eine andere Epoche © Suhrkamp In Eine andere Epoche erzählt Ulf Erdmann Ziegler von den Höhen und Tiefen des politischen Betriebs. Einige Politiker kommen mit ihren Klarnamen vor, andere sind zwar eindeutig erkennbar, erhalten aber andere Namen. Im Mittelpunkt steht jedoch ein kleines Rädchen im politischen Getriebe, der vierzigjährige Wegman Frost, der das Büro des ehrgeizigen Bundestagsabgeordneten Andi Nair leitet.

Dieser Andi Nair ist sehr deutlich an den realen SPD-Politiker Sebastian Edathy angelehnt. Der konnte sich in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses als unbeugsamer Kämpfer gegen rechtsextreme Gewalt profilieren, musste 2014 aber sein Bundestagsmandat niederlegen, weil ihm im Rahmen der „Edathy-Affäre“ der Besitz von kinderpornografischem Material vorgeworfen wird.

aus der niedersächsischen Provinz

Wegman Frosts Weg in die Politik ist aufgrund seiner Kindheits- und Jugendfreundschaften vorgezeichnet. Er selbst bezeichnet sich als halben „Indianer“, weil er der Sohn einer deutschen Mutter und eines Native American ist. Die ersten Lebensjahre verbrachte er in einem amerikanischen Künstlerdorf namens Hope. An den Vater hat er kaum Erinnerungen, seine Mutter kümmerte sich nicht wirklich um ihn. In Deutschland wächst er bei seinem Onkel in der niedersächsischen Provinz auf.

Dort, im Städtchen Bückeburg, freundet er sich mit dem vietnamesischen Waisenkind Florian Janssen an. Der war als Baby von einem deutschen Ehepaar adoptiert worden und bekam in der Schule den Spitznamen „Kung Fu“ verpasst. Florian hat es mittlerweile zum Vizekanzler gebracht. Unschwer zu erkennen ist hier der ehemalige FDP-Vorsitzende Philipp Rösler, dessen Stern bekanntermaßen nach der Bundestagswahl 2013, als die FDP aus dem Parlament flog, schon wieder sank, .

Am Ende hat man keine Freunde mehr

Privat geht Wegman eine Liaison mit der taffen Immobilienmaklerin Marion ein, die eine dunkelhäutige Tochter hat. Ellies Vater kam 2001 in den New Yorker Twin Towers ums Leben. Wegman nimmt die Rolle des Ersatzvaters an und entwickelt eine viel tiefere Bindung zu Ellie als zu ihrer Mutter – die Zukunft der Beziehung zu Marion ist eher ungewiss.

In den Gesprächen mit Ellie, die sehr aufgeweckt ist und die richtigen Fragen stellt, geht es um Zwischenmenschliches, aber auch um das Große und Ganze, aus der noch unverstellten Sicht des Kindes. So verkündet Ellie etwa, dass ein Job als Politikerin nichts für sie wäre, denn: „Alle gucken immer da hin, und am Ende hat man keine Freunde mehr.“ Eine schöne Quintessenz der beiden Tatsachen, dass Politiker*innen immer im Fokus der Öffentlichkeit stehen und politische Freundschaften nur so lange währen wie der politische Erfolg.

Mehr als eine literarische Nacherzählung

Die Aufdeckung der NSU-Morde, die Korruptionsvorwürfe gegen den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, die schmutzigen Gerüchte über seine Frau, Wulffs Rücktritt, die Amtsübernahme durch Joachim Gauck, der im Roman nur „der Pastor“ genannt wird – all das liegt zwar gerade einmal etwa zehn Jahre zurück, doch es kommt einem vor, als handle es sich wirklich um Eine andere Epoche.

Neben dem politischen Betrieb thematisiert Ziegler ausführlich die zumeist problematische Kindheit, also das große Thema Herkunft. Rückblenden geben den Figuren die nötige Tiefe und machen aus dem Roman mehr als eine literarische Nacherzählung von Zeitgeschehen. Das Private und das Politische sind eben nicht zu trennen.

Am Ende wird deutlich, wie abhängig Wegman Frost von seinem „Arbeitgeber“ ist. Als Andi Nair beschließt, sein Bundestagsmandat „aus gesundheitlichen Gründen“ niederzulegen und sang- und klanglos sein Büro räumt, steht sein nichtsahnender Büroleiter vor dem beruflichen Nichts. Vielleicht eröffnet ihm sein Privatleben eine neue Chance.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Ulf Erdmann Ziegler: Eine andere Epoche. Roman
Berlin: Suhrkamp, 2021. 256 S.
ISBN: 978-3-518-43015-6
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