Clemens Meyer Bergwerk der Geschichte

In Clemens Meyers neuestem Erzählband geht es um Abraumhalden, Bergwerke, verwüstete Landschaften und Menschen. Man fährt mit diesen Geschichten auch hinunter in die Stollen der jüngeren Geschichte.

Von Holger Moos

Kurzer Blick zurück: Clemens Meyers Debütroman Als wir träumten wurde als lange ersehnter Wenderoman gefeiert und 2006 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Mit dem Erzählband Die Nacht, die Lichter gewann er 2008 in Leipzig. Sein Roman Im Stein stand 2013 auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis.

Zuletzt widmete sich Meyer dem Genre der Erzählung. Nach Die stillen Trabanten (2017) sind in den beiden vergangenen Jahren im Leipziger Verlag Faber & Faber zwei weitere Erzählbände erschienen.

Stimmungsbild einer düsteren Zeit

Meyer: Nacht im Bioskop © Faber & Faber Nacht im Bioskop heißt die 2020 erschienene Erzählung „aus dem Großen Krieg“. Stellt sich die Frage: Was ist das überhaupt, ein Bioskop? Nach etwa der Hälfte des Textes erfährt man, dass es sich dabei um ein frühes Vorführgerät handelt, um einen Projektionsapparat der Filmpioniere Skladanowsky, mit dem erstmals 1895 in Berlin Filme gezeigt wurden.

Meyers Geschichte spielt allerdings 1942 in Novi Sad, das im heutigen Serbien liegt. Die ungarische Besatzungsmacht – Verbündete der Achsenmächte – begeht im Januar 1942 ein Massaker. Es werden Löcher ins Eis der zugefrorenen Donau geschossen und Hunderte von Menschen, hauptsächlich Juden und Serben, erschossen, in den Fluss geworfen und ertränkt.

Durch die Stadt streift ein namenloser Kinoliebhaber, Mitglied der faschistischen Ustaša. Er lernt ein serbisches Dienstmädchen kennen, zusammen suchen sie Zuflucht in einem Lichtspielhaus. Der Mann rettet anschließend die junge Frau sowie ein Baby vor den Schergen des NS-Regimes. Er sorgt sich auch um die seelische Gesundheit des Dienstmädchens – im Kino wie im Leben will man manchmal mehr sehen, als einem gut tut. Seine Fürsorge sieht so aus, dass er ihr die Augen verbindet, um ihr den Anblick der grauenvollen Szenen an der Donau zu ersparen: „Sie kann den Fluss nicht sehen ... Ein paar Mal will sie die Binde zur Seite schieben, aber er nimmt ihre Hand. ‚Nein. Schau nicht hin‘.“

Meyer erzählt diese Geschichte assoziativ, atmosphärisch dicht und traumwandlerisch, es ist ein überzeugendes Stimmungsbild aus einer düsteren Zeit. Illustriert ist dieses literarische Kleinod mit historischen Postkarten, die Novi Sad zeigen.

Von Höhlen und Drachen

Meyer: Stäube © Faber & Faber In Clemens Meyers neuestem Erzählband Stäube reist er wieder zeitlich zurück, diesmal in die jüngere (ost)deutsche Vergangenheit. Abraumhalden, Bergwerke und Höhlen sind die verwunschenen Orte, die in den drei Erzählungen die Realität im Reich der Fantasie verschwimmen lassen.

In der ersten Geschichte besucht ein Mann an Weihnachten seine alte Mutter, die in einem weitgehend entvölkerten Braunkohle-Dorf bei Bitterfeld lebt. Dabei versinkt er in Erinnerungen an die Zeit, als der Schnee noch schwarz vom Himmel fiel. Die zweite und längste Geschichte handelt von einer besonderen Grubenfahrt: Ein Mann steigt in eine Höhle hinab und verliert sowohl die räumliche als auch die zeitliche Orientierung. Im Inneren der Erde ist die vielschichtige Figur zudem eingeschlossen in den verwirrenden Gängen der Erinnerung. Wie in einer Halluzination taucht ein Großvater auf. Er war unter Tage tätig und rettete in früheren Zeiten seinen Enkel aus dem Stollen.

In der letzten Erzählung geht es um ein 13- oder 14-jähriges Mädchen, das in einen älteren Jungen aus Ex-Jugoslawien verliebt ist – wofür sie in ihrer Clique als „Kanakenbraut“ beschimpft wird. Mit dem jungen Mann fährt sie gelegentlich auf dessen Moped in das Dorf, in dem sie aufwuchs, zu den dortigen Abraumbaggern, den „Drachen“ des Tagebaus. Die wohnen in den Höhlen, aus denen die vielen verschiedenen Sorten Staub stammen: „Als ich ganz klein war, kannte ich sie alle, sie kommen aus den Schichten der Erde, in denen nun auch unser Dorf verschwunden ist, und in die die Drachen ihre Höhlen graben.“ Ansonsten lungert das Mädchen mit Gleichaltrigen am Bahnhof von Zwickau herum. Sie warten auf Tourist*innen und wollen diese für Geld zu der Stelle führen, wo einmal das Haus der NSU-Terroristen stand, die für die Jugendlichen Helden sind. Das Mädchen versteht die besten NSU-Geschichten zu erzählen oder auch zu erfinden.

Feinsinn und Verfall

Am Ende des Bandes gibt es noch einen knapp dreißigseitigen Essay namens „Wozu Literatur“, in dem Meyer nicht nur über seine ihm liebsten und wichtigsten Autoren schreibt – es sind tatsächlich fast nur Männer (Honoré Balzac, Joseph Roth, Michail Scholochow, Isaak Babel, Fred Wander, Bernhard Traven, Ernest Hemingway, aber auch die DDR-Schriftsteller Wolfgang Hilbig, Werner Bräunig und Franz Fühmann). Meyer beklagt sich in diesem Essay über die zeitgenössische Literatur, in der zu viel über Belanglosigkeiten und Persönliches geschrieben werde: „Die Idee, gesellschaftliche Brüche als einen ganz normalen Steinbruch für eine (deutsche) Literatur zu sehen, ist anscheinend abhandengekommen, biografisch/persönliches Klein-Klein, dazu banale Histörchen, biederes Erzählen, keine Reisen mehr ans Ende der Nacht oder meinetwegen an ihren Anfang!“ In diesem Essay schreibt der gerne etwas großspurige Clemens Meyer.

In seinen Erzählungen dagegen erlebt man den feinsinnigen Meyer, der es meisterhaft versteht, gänzlich uneindeutig von historischen Brüchen, von inneren wie äußeren Landschaften zu erzählen. Dem Band beigegeben sind übrigens Fotografien von Bertram Kober, die das Geschriebene sehr gut visuell ergänzen. Sie zeigen Höhlen, Gestein, Abraumhalden, riesige Bagger, verfallende Gebäude und Landschaften.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Clemens Meyer: Nacht im Bioskop. Eine Erzählung aus dem Großen Krieg
Leipzig: Faber & Faber, 2020. 96 S.
ISBN: 978-3-86730-184-8

Diesen Titel können Sie auch in unserer Bibliothek ausleihen

Clemens Meyer: Stäube. Drei Erzählungen und ein Nachsatz (mit Fotografien von Bertram Kober)
Leipzig: Faber & Faber, 2021. 128 S.
ISBN: 978-3-86730-158-9