Seraina Kobler Traumhafte Kulisse mit Wasserleiche

CRISPER ist keine neue Müsli-Sorte, sondern eine DNA verändernde biochemische Methode. Damit kannte sich der Patentgeber eines Biotech-Unternehmens aus, der tot im Zürichsee schwimmt.

Von Swantje Schütz

Kann man das neue Buch von Seraina Kobler als Krimi bezeichnen, wie es der Diogenes Verlag tut? Echte Krimi-Fans würden dies vermutlich verneinen. Der erste Kriminalfall der 37-jährigen Seepolizistin Rosa Zambrano in Zürich, Tiefes, dunkles Blau. Ein Zürich-Krimi, ist trotzdem spannend, ein spannender Roman dann eben.

Ethische Zwickmühle

Kobler: Tiefes, dunkles Blau © Diogenes Schließlich geht es um ein aktuelles, kontroverses Thema: die Genforschung beziehungsweise die Genschere, genauer um die biochemische Methode CRISPER (Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats). Um etwa Krankheiten zu bekämpfen, die einem Gen-Defekt zugrunde liegen, verändert man ganz gezielt die DNA. Gene können mit der CRISPER-Methode eingefügt oder entfernt werden, was natürlich eine mit schwerwiegenden ethischen Fragen begleitete Herangehensweise ist. Aber keine Sorge: Man muss sich als Lesende*r nur so viel mit der Materie beschäftigen, wie es einem die Autorin zumutet. Soll heißen: Man muss kein Experte, keine Expertin sein, um zu verstehen, womit es Rosa und ihr Kollege Martin Weiß in ihrem gemeinsamen Fall zu tun haben. Es kann höchstens sein, dass einem der Begriff Social Freezing zum ersten Mal begegnet, das vorsorgliche Einfrieren von unbefruchteten Eizellen.

Wem das jetzt allerdings schon zu viel Gentechnologie ist, der wird mit dem neuen Roman der Schweizer Autorin vermutlich nicht warm werden. Wer allerdings Zürich liebt und an Schweizer Mentalität und Lebenskultur interessiert ist, sollte den ersten Fall der Ermittlerin Zambrano lesen. Denn das Buch ist ruhig und klug erzählt, die Geschichte in sich rund, die Figuren glaubhaft und prinzipiell sympathisch (bis auf einen schmierigen Anwalt), die Schauplätze schön.

Es ist nach Regenschatten (2020) das zweite Buch der 1982 in Locarno geborenen Journalistin Kobler, die nach dem Studium der Linguistik und Kulturwissenschaften unter anderen bei der Neuen Zürcher Zeitung gearbeitet hat. Für ihr Essay Sie wären nicht die, die sie sind hat sie 2020 den Essaypreis der Zeitung Der Bund erhalten. Darin geht es ebenfalls um Gentechnik. Sie schreibt über ihre persönliche Erfahrung mit einer Erbkrankheit in der Familie ihres Mannes und dass sie wegen der Sorgen um die Gesundheit ihrer Kinder plötzlich von Gentechnikdiskussionen betroffen war. Ob der Mensch in das menschliche Genom eingreifen darf oder das Leben dem Schicksal überlassen werden sollte, beschäftigt Seraina Kobler also nicht zum ersten Mal.

Der Plot

Warum Rosa Zambrano die Kripo verlassen und zur Seepolizei gewechselt hat, erfahren wir nicht. Das wird vermutlich erst in der bereits angekündigten Fortsetzung der Reihe geschehen. Den Ex-Kollegen Martin kennt sie jedenfalls schon von der Polizeischule. Mit ihm arbeitet sie an dem Fall der Wasserleiche aus dem Zürichsee: ein Frauenarzt, der ihr selbst erst vor kurzem Eizellen entnommen hat. Für einen Single mit Kinderwunsch ein Schritt, hinter dem Rosa voll und ganz steht, dient er doch dazu, die tickende biologische Uhr auszutricksen. Dr. Moritz Jansen war nicht nur Drogen konsumierender Betreiber einer Kinderwunschpraxis, er war auch als Patentgeber an einem Biotech-Unternehmen beteiligt, deren aalglatte Chefin Duval ebenso als Täterin in Frage kommt wie Jansens junge Freundin, seine Noch-Ehefrau und Mutter seiner Zwillinge. Oder war es eine der Damen aus dem Rotlichtmilieu, mit denen der smarte Arzt vermeintlich zu tun hatte? Der Wunsch nach Macht, Anerkennung und natürlich Geld treiben die Geschehnisse an.

Der besondere Stil

Man nehme: eine Prise Romantik, die sympathische, wenngleich nicht wirklich nahbare Rosa, viel von ihrer Liebe für Lebensmittel, japanische Messer und japanische Teekannen, eine Menge von ihrer Liebe fürs Kochen, Backen und ihren Garten, eine verrückte Hippie-Mutter, besagte Gen-Debatte inklusive modernster CRISPER-Technologie und ganz viel Zürich. Macht unterm Strich ein Drittel Krimi und zwei Drittel Handlung rund um Rosas Privatleben. Das Ganze in einem gemächlichen Tempo, unaufgeregt, manchmal tiefgründig und manchmal ein wenig belanglos und abschweifend. Mit diesem Abstrich ist das Buch durchaus empfehlenswert – vor allem für diejenigen, die sich prinzipiell für das Thema Gentechnologie interessieren.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Seraina Kobler: Tiefes, dunkles Blau. Ein Zürich-Krimi
Zürich: Diogenes, 2022. 272 S.
ISBN: 978-3-257-30091-8
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